Man stelle sich einmal vor, die Debatte über die Zukunft der Energieversorgung würde über den deutschen Horizont hinaus geführt, weit jenseits von AKW-Laufzeiten , Castor-Transporten und Endlagerfragen . Man stelle sich dazu ein Europa vor, wie es unsere Karte zeigt.

In dieser idealen Stromlandschaft würde unser Kontinent von Süden her von riesigen Sonnenparks und von Norden her aus großflächigen Offshore-Windenergieanlagen versorgt. In der Mitte würde ein intelligentes Stromnetz Tausende kleine Aggregate, darunter private Solardächer und Blockheizkraftwerke ebenso wie Biogasanlagen und Stauseen, zu einer Art Serververbund verdrahten. Kein Kilowatt ginge verloren, denn Europa wäre so etwas wie ein riesiges Energie-Internet.

Wenn dieser Kontinent nur wollte, rechnen die Fachleute vor, könnte er sich zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen versorgen. Der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger zum Beispiel glaubt fest daran. Mitte November will er eine "Europäische Energie-Strategie" für die Jahre bis 2020 vorlegen. Es ist der ehrgeizige Versuch, den EU-Haushalt von rund 150 Milliarden Euro in Richtung Zukunft zu drehen: weg von der Agrarförderung, hin zum Ausbau von Windrädern, Pumpspeicherwerken und vor allem Strommasten. Oettinger erinnert daran, dass die EU als Kohle- und Atomgemeinschaft gegründet wurde. Warum sollte sie in Zukunft keine Regenerativen-Gemeinschaft sein?

Sonne und Wind statt Kohle und Atom? So ganz und gar? Ist das wirklich machbar?

"Ja", sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, "das ist keine Illusion." Technisch sei eine Komplettversorgung Europas aus erneuerbaren Quellen möglich. Die Idee sei nicht einmal neu. "Sie ist eben nur irre teuer. Bisher hat sich die Industrie gedacht: Warum sollen wir in Sonne investieren, wenn Öl mehr Profit verspricht?"

Das ändert sich gerade. Bis zu 400 Milliarden Euro will ein Firmen-Konsortium, darunter Siemens, E.on und RWE, angeblich für das Wüstenstrom-Projekt Desertec aufbringen. Man warte bloß, sagt ein Vertreter der Gruppe, "auf die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen".

Aber wo bleibt die Politik? In die Regierungszentralen der Mitgliedsstaaten scheint Oettingers Modernisierungsgeist noch kaum Einzug zu halten. "Warum Berlin die europäische Perspektive nicht stärker macht, müssen Sie Berlin fragen", sagt Reinhard Bütikofer, etwas enttäuscht auch von seiner eigenen Partei. Der Ex-Grünen-Chef und Europaabgeordnete beobachtet, dass sich "die Interessen der Ökos und der Industrie zunehmend überschneiden", und er lobt den CDU-Mann Oettinger für seinen Ehrgeiz. Wenn selbst die beiden sich einig sind, wo hakt es dann?