Film "Carlos – der Schakal" Mörderische Brille

Olivier Assayas’ Film über den Terroristen "Carlos – der Schakal"

Carlos (Édgar Ramírez) und seine Mitkämpferin, Geliebte und spätere Ehefrau Magdalena Kopp (Nora von Waldstätten)

Carlos (Édgar Ramírez) und seine Mitkämpferin, Geliebte und spätere Ehefrau Magdalena Kopp (Nora von Waldstätten)

Von Carlos, dem legendären Terroristen, der für die Palästinensische Befreiungsfront bombte, aber auch Geheimdiensten des Ostblocks gerne zu Diensten war, der hundert Tote auf die eigene Kappe nahm und 1500 auf das Konto seiner Organisation buchte (so noch kürzlich in einem Interview mit dem stern), war lange Zeit wenig mehr als eine Sonnenbrille bekannt, eine große, runde Sonnenbrille über weichlich verschwimmenden Zügen. Gab es Carlos überhaupt? Als Phantom des Schreckens war Carlos im ausgehenden 20. Jahrhundert, was Osama bin Laden für das beginnende 21. wurde, eine Fahndungsaufgabe für Militär und Agenten, aber vielleicht auch eine Ausrede für mörderische Machinationen und Terror anderen Ursprungs. Erst als ein gewisser Illich Ramírez Sánchez, Venezolaner von Geburt, 1994 von französischen Agenten im Sudan entführt und 1997 in Paris vor Gericht gestellt wurde, bekam die Brille eine juristische Identität.

Der Film von Olivier Assayas, als fünfeinhalbstündige Serie fürs französische Fernsehen gedacht und in einer dreistündigen Fassung fürs Kino, unternimmt es nun, der Brille so etwas wie Gesicht und Körper, Stimme, Leidenschaften und ein Ego etwa von der Größe zu verleihen, die dem Schrecken der Taten angemessen ist. Der Schauspieler Édgar Ramírez, ebenfalls Venezolaner, gibt das Gesicht und den Körper; vor allem aber brüllt, befiehlt und schikaniert er viel, um wenigstens ansatzweise begreiflich zu machen, warum ein Einzelner zu solcher Macht und Stellung gelangen konnte. »Ich rede von wahrem und echtem Ruhm«, sagt er an einer Stelle; an einer anderen: »Waffen sind für mich zusätzliche Extremitäten.« Es sind also auch Geltungssucht, ein hohes Maß an echtem und wahrem Machismo im Spiel.

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Gegen den Männlichkeitskult, einhergehend mit historisch verbürgtem Frauenkonsum, verblasst ganz entschieden das propagandistische Gerede der Zeit, von Weltrevolution und antiimperialistischem Kampf und den berühmten unterdrückten Massen, denen man das Schwert zu leihen habe. Man könnte einwenden, es sei zu viel der Männerpsychologie, der Hektik, des blinden Vorwärtstürmens und Umsichschlagens in dem Film, auch der hippiehaften Bettgeschichten, der James-Dean- und Marlon-Brando-Gesten und der romantischen Verzückung angesichts eines jederzeit möglichen Exekutierens und Liquidierens. Andererseits – wer sich an die siebziger, achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts erinnert, wird sich auch erinnern, wie gerne und von wie vielen Seminarrevolutionären das Liquidieren und Exekutieren im Munde geführt wurde, und wird darum vielleicht das Vergnügen beim Sprung von der Theorie in die Praxis ermessen können. Carlos hatte Mitstreiter aus dem deutschen Milieu der Revolutionären Zellen, und im Film werden sie auch großartig von Deutschen gespielt (Christoph Bach, Alexander Scheer, Nora von Waldstätten).

Die revolutionäre Folklore gehört zwingend zur Geschichte; sie ist unverzichtbares Ornament wie die Sonnenbrille, ohne sie sänke die Gestalt Carlos ins stumme Rätsel zurück. Dass aber zur Klärung des Rätsels, neben der Eigengesetzlichkeit des Aktionismus, nur etwas angeboten werden kann, das uns heute nicht mehr plausibel erscheint, jedenfalls nicht plausibler als eine Brillenmode, macht die Krux des Filmes aus, die er indessen aber wohl unvermeidlich zu tragen hat. Er quält uns mit den Torheiten einer Zeit, die wir nicht mehr verstehen.

 
Leser-Kommentare
  1. Auf der einen Seite hasst man alle Menschen die unrechtes tuen auf der anderen Seite hingegen feiert man diese Menschen im Kino und fieber mit Ihnen mit. Typisch Mensch :)

    • unico
    • 03.11.2010 um 15:30 Uhr

    Interview mit Edgar Ramirez über 'Carlos': http://videos.arte.tv/de/...

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  • Quelle DIE ZEIT, 28.10.2010 Nr. 44
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  • Schlagworte Film | Carlos | Sudan | Brille | Agent | Rätsel | Paris
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