Streiks in Frankreich Gestatten, Colombani

Wer ist der 16-jährige Protestführer, der zu Nicolas Sarkozys Albtraum avanciert?

Victor Colombani, Chef der Schülergewerkschaft UNL, auf einer Demonstration in Paris

Victor Colombani, Chef der Schülergewerkschaft UNL, auf einer Demonstration in Paris

Victor Colombani zieht gierig an seiner selbst gedrehten Zigarette. Es ist ein heißer Herbst für ihn. Ein Interview jagt das nächste, und das im Wechsel mit Demonstrationen und Fernsehdebatten. Wenn Colombani zwischendrin sein iPhone mal für zwei Stunden abstellt, etwa um eine Klausur in den Fächern Wirtschaft und Gesellschaftskunde zu schreiben, hat er im Anschluss locker 20 entgangene Anrufe und SMS.

Klingt normal? Nicht in seinem Alter. Colombani ist gerade einmal 16 Jahre alt und trotz seiner Jugend ein Widersacher, den Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy fürchten muss. Oder gerade deswegen. Wenn es in der jüngeren Vergangenheit Protestbewegungen gab, die Reformpläne oder sogar bereits verabschiedete Gesetze zunichte machten, dann gingen sie von der Jugend des Landes aus.

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Nun haben Colombani und die landesweit gut 6000 Mitglieder der Schülergewerkschaft UNL, die der Gymnasiast seit Anfang Oktober führt, die umstrittene Rentenreform für sich entdeckt. »Sie wird dazu führen, dass es bis 2016 mindestens eine Million mehr junge Arbeitslose gibt«, doziert Colombani bei jeder Kundgebung. Das zarte Gesicht, in dem man vergeblich nach dem ersten Bartflaum sucht, nimmt dabei sehr entschlossene Züge an. Die eingängig klingende Formel, wonach Berufsanfänger künftig noch schwerer als bisher Arbeit finden, wenn die entsprechenden Stellen länger mit Senioren besetzt sind, ist das stärkste Argument der entrüsteten Gymnasiasten. »Ich weiß, manche Leute ziehen solche Studien in Zweifel«, pariert Colombani im Gespräch den Einwand, in nordeuropäischen Ländern sei sowohl die Lebensarbeitszeit länger als auch die Erwerbsquote von Jugendlichen höher als in Frankreich. »In diesen Ländern ist die Arbeitslosigkeit generell niedriger als in Frankreich. Das kann man nicht vergleichen.«

Knapp ein Viertel der 18- bis 25-jährigen Franzosen sucht einen Job. Erst mit 27 Jahren, so Colombani, könnten seine Landsleute im Schnitt auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag hoffen. In Zukunft würde sich das weiter nach hinten verschieben. »Sollen wir bis 30 in prekären Verhältnissen leben und dann schuften, bis wir 80 sind?«, klagt er.

Colombani hat die Zahlen griffbereit, auch jene, mit denen ein brav wirkender Junge wie er, in gebügeltem Hemd und Markenjeans, ein wenig die Stimmung aufheizen kann. Wie er überhaupt nie um eine smarte Antwort verlegen zu sein scheint. Manche vergleichen ihn deshalb schon mit dem Studentenführer von 1968, Daniel Cohn-Bendit. »Ich bin weder Dany le Rouge noch Dany der Grüne. Ich bin Victor Colombani und habe blaue Augen«, fällt ihm dazu ein.

Gelernt hat er das Reden in seinem Elternhaus, wo beim Abendessen mit Mutter, Stiefvater und den beiden Halbgeschwistern über Politik und Wirtschaft diskutiert wird. Die Eltern, beide Journalisten, seien zwar nicht gewerkschaftlich aktiv, betrachteten sein Engagement aber mit Wohlwollen, erzählt Colombani – solange sein in eineinhalb Jahren anstehendes Abitur nicht darunter leide.

Er besucht das renommierte Lycée Henri IV im Pariser Stadtzentrum, wo die Philosophen Jean-Paul Sartre und Michel Foucault zur Schule gingen und der ehemalige Staatspräsident Georges Pompidou lehrte. Der Wechsel auf eine Elite-Universität samt Karriere in Privatwirtschaft oder Staat sind für dessen Absolventen kaum mehr als eine Formalie.

Colombani muss sich nicht sorgen – und trat doch vor zwei Jahren der Schülergewerkschaft bei. »Ich meine schon lange, dass jeder einen Teil dazu beitragen kann, die Dinge zu ändern«, sagt er. Anders als die »großen« Gewerkschaften, die sich mit Zugeständnissen begnügen würden, so Colombani, wolle er mit seiner UNL erst von der Straße weichen, »wenn die Rente mit 60 sicher ist«. In dieser Woche muss er allerdings zu seinem großen Verdruss eine Demopause einlegen. Die Familie verbringt die Ferien zu Allerheiligen in der Nähe von Pisa. »Ich bin halt noch minderjährig. Meine Eltern erlaubten nicht, dass ich alleine zu Hause bleibe.« Außerdem soll der 16-Jährige in der Zeit versäumten Schulstoff nachholen. Aber wozu verzagen. »Danach geht es gut erholt und mit neuer Kraft weiter!«

 
Leser-Kommentare
  1. »Sollen wir bis 30 in prekären Verhältnissen leben und dann schuften, bis wir 80 sind?«

    fuer solch ein freches hintertreiben der alternativlosen regierungspolitik sollten doch diverse terrorismusparagraphen greifen. *ironie aus*

  2. Ich finde es gut wenn es junge Leute gibt die sich politisch engagieren und Misstände anprangern. Gerade in Frankreich gibt es genug davon und es wäre schön, wenn sich Sarkozy tatsächlich vor der Jugend fürchten würde. Was ich die letzten Wochen nicht verstanden habe und auch in diesem Interview wieder geschrieben wird: Warum glauben ausgerechnet die jungen Franzosen an das alte Gewerkschaftsmärchen, dass kürzere Arbeitszeiten mehr Arbeitsplätze schaffen ? Colombani behauptet einfach die Situation zwischen Nordeuropa und Frankreich (oder Deutschland) sei nicht zu vergleichen weil die Arbeitslosigkeit hier höher ist. Auf den Umkehrschluss, dass dies mit den geringen Arbeitszeiten zu tun hat kommt er nicht. Schade, ein paar innovativere Ideen würden auch der Jugend nicht schaden!

    • Anonym
    • 29.10.2010 um 12:31 Uhr

    Es ist Colombani zu wünschen, dass er seinen jugendlichen Eifer behält. Uns Älteren, dass wir unseren ein wenig freilegen unter den Verschüttungen der Kompromisse des Lebens?

    "Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand.", sagte wohl Fontane, meines Wissens auch Cohn-Bendit.

    Ich bin dennoch, angesichts der Versachlichung und Ökonomisierung des Lebens für ein bisschen mehr Herz, für ein bisschen mehr "träumen von einem sinnvollen Leben in einer menschlichen Gesellschaft".

    Dazu gehört aber auch, dass man die Zeichen der Zeit erkennt.

    Wenn Jugendliche sich also von der für sie ja noch weit entfernten Rente schon jetzt bei der Arbeitsplatzwahl bedroht fühlen müssen, dann läuft etwas schief. Hinzu kommen die gerade in Deutschland erhobenen Zahlen von "ihren Frust bzw. ihre Überlastung wegsaufen wollenden Gymnasiasten".

    Insofern geht der Protest der Jugendlichen in Frankreich viel weiter. Er offenbart die fundamentalen Schwächen der europäischen Gesellschaften, in deren Schoß die kommende Generation wenig Zuversicht, wenig Hoffnung und wenig Vertrauen findet, weil diese Gesellschaften sich zu sehr auf ihre "Wirtschaftsweltmeisterschaft" konzentrieren.
    Und wenn dieses Wirtschaften dann noch mit massiven sozialen Einschnitten in allen Bereichen verbunden ist, dann ist die Frage eher die nach dem Umbau der Gesellschaft und nicht jene nach dem "wie kommen wir noch schneller ...",ja, wohin eigentlich?

  3. Voraussetzungen:

    "Er besucht das renommierte Lycée Henri IV im Pariser Stadtzentrum"
    "Der Wechsel auf eine Elite-Universität samt Karriere in Privatwirtschaft oder Staat sind für dessen Absolventen kaum mehr als eine Formalie."
    Demopause, weil die Familie die Ferien zu Allerheiligen in der Nähe von Pisa verbringt.

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    Ihre Unterstellung läuft hier ins Leere.
    Gerade dadurch, dass er - möglicherweise - nicht direkt betroffen ist, gewinnt er umso mehr an Glaubwürdigkeit.

    Bei vielen Revolutionären "von unten" war es doch im Grund immer das Streben die Verhältnisse umzukehren, also sich selbst auf die Sonnenseite zu bringen und die bisherigen Inhaber dieses Platzes zu verdrängen.

    Diese Intention kann man Colombani nicht unterstellen.

    Ihre Unterstellung läuft hier ins Leere.
    Gerade dadurch, dass er - möglicherweise - nicht direkt betroffen ist, gewinnt er umso mehr an Glaubwürdigkeit.

    Bei vielen Revolutionären "von unten" war es doch im Grund immer das Streben die Verhältnisse umzukehren, also sich selbst auf die Sonnenseite zu bringen und die bisherigen Inhaber dieses Platzes zu verdrängen.

    Diese Intention kann man Colombani nicht unterstellen.

  4. Kann aber dennoch sein, dass er sich ehrlich mit den Sorgen und Nöten anderer identifizieren kann. Es hat auch früher schon Seidenhemd-Sozis gegeben, und aus der Riege um Luxemburg und Liebknecht waren auch nicht alle Arbeiterkinder. Ernesto Guevara ebenso nicht. Man sollte ihm seine Chance geben. Allerdings handelt es sich ja auch nicht um eine Industriegewerkschaft.
    Vielleicht ist er auch nur ein smarter Karrierist, der gleich nach dem Abi erste Verhandlungen mit McKinsey & Co. aufnimmt.
    Die Zeit wird's zeigen.

  5. ist doch gut wenn sich die junge Oberschicht mit den Problemen der Arbeitslosen und Arbeiter beschäftigt. Natürlich ist es schwierig für die Gewerkschaften denn dann stimmen plötzlich die alten Feinbilder nicht mehr. Sagen wir mal so, wenn die Gewerkschaften geistig ähnlich flexibel wären hätte die Industrie und auch die Gewerkschaften weniger Probleme und schnellere Lösungen. Leider sind weniger Probleme und schnelle Lösungen nicht im Sinne der Gewerkschaften denn dann fällt ja die Existenzberechtigung weg.

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    ist eben eine Eigenschaft, die auch manche aus der "jungen Oberschicht" auszeichnet. Ist doch gut so.
    Musste in Afghanistan fuer meine afghanischen Ingenieure auch erst Gewerkschaftsfuehrer, dann Streikschlichter und Verhandlungsfuehrer in Personalunion spielen, weil das "Management" - Oxford- und Harvard-Absolventen und - das ist ja der Systemfehler - mit 28 Jahren haette ich auch nicht so einen Laden leiten koennen in solch einem Land.
    Monsieur Colombani waere da sicher ein besserer Partner gewesen als sehr viel mehr klassenbewusste Englaender - ich weiss - auch wieder eine grobe Pauschalisierung - aber - viele Klischees bewahrheiten sich eben im Einzelfall immer wieder. Hier mehr dazu:
    http://community.zeit.de/...
    http://community.zeit.de/...
    http://community.zeit.de/...

    ist eben eine Eigenschaft, die auch manche aus der "jungen Oberschicht" auszeichnet. Ist doch gut so.
    Musste in Afghanistan fuer meine afghanischen Ingenieure auch erst Gewerkschaftsfuehrer, dann Streikschlichter und Verhandlungsfuehrer in Personalunion spielen, weil das "Management" - Oxford- und Harvard-Absolventen und - das ist ja der Systemfehler - mit 28 Jahren haette ich auch nicht so einen Laden leiten koennen in solch einem Land.
    Monsieur Colombani waere da sicher ein besserer Partner gewesen als sehr viel mehr klassenbewusste Englaender - ich weiss - auch wieder eine grobe Pauschalisierung - aber - viele Klischees bewahrheiten sich eben im Einzelfall immer wieder. Hier mehr dazu:
    http://community.zeit.de/...
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  6. ist eben eine Eigenschaft, die auch manche aus der "jungen Oberschicht" auszeichnet. Ist doch gut so.
    Musste in Afghanistan fuer meine afghanischen Ingenieure auch erst Gewerkschaftsfuehrer, dann Streikschlichter und Verhandlungsfuehrer in Personalunion spielen, weil das "Management" - Oxford- und Harvard-Absolventen und - das ist ja der Systemfehler - mit 28 Jahren haette ich auch nicht so einen Laden leiten koennen in solch einem Land.
    Monsieur Colombani waere da sicher ein besserer Partner gewesen als sehr viel mehr klassenbewusste Englaender - ich weiss - auch wieder eine grobe Pauschalisierung - aber - viele Klischees bewahrheiten sich eben im Einzelfall immer wieder. Hier mehr dazu:
    http://community.zeit.de/...
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    Antwort auf "gewerkschaftsführer"
  7. was soll eigtl. dieser antibürgerliche unterton in dem artikel? auch wenn es dem verdummenden kult um den 'kleinen mann' und 'einfachen steuerzahler' hierzulande zuwiderläuft - bildungsbürgerlicher background und großbürgerlicher lebensstil sind immer noch die besten voraussetzungen für die ausbildung von verstand und kritischem vermögen (wenngleich diese natürlich keineswegs das notwendige resultat sind).

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