"Wegen der Streiks kann ich die Öffnung der Boutique nicht garantieren." Die Inhaberin des Modelädchens in der Nähe der Pariser Place de la République hat einen Zettel an den verschlossenen Eingang geheftet. So wie ihr geht es in Frankreich derzeit vielen mittelständischen Unternehmern. Die Streiks gegen die Rentenreform mit ihrem höheren Eintrittsalter dauern jetzt schon Wochen. Weil sie auch auf die Infrastruktur zielen, ist das Benzin knapp, und Lieferrouten sind unterbrochen. Wirtschaftsministerin Christine Lagarde vermeldet zahlreiche Anträge auf Kurzarbeit und fürchtet Millionenverluste für die heimische Wirtschaft.

Die Konfrontation zwischen den Gewerkschaften und dem Präsidenten Nicolas Sarkozy, der die Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre durchsetzen will und das als Meilenstein seiner Amtszeit begreift, erreichte in dieser Woche die entscheidende Phase. Die Politik schreitet voran. So hat der Vermittlungsausschuss am Montag kleine Zugeständnisse für die Eltern behinderter Kinder auf den Weg gebracht, ebenso für Arbeitnehmer, die vor 1955 geboren wurden und ihre Beitragszeiten für die Erziehung von mindestens drei Kindern unterbrochen hatten. Daraufhin sollten Senat und Abgeordnetenhaus die Reform schnell und endgültig absegnen. Bloß keine Zeit verlieren, lautete Sarkozys Strategie, ehe die Familien aus den Allerheiligen-Ferien zurückkehren und erneut an die Streikfront vorrücken könnten.

Tatsächlich waren es nur einige Hundert Studenten, die am Dienstagnachmittag gegenüber den Polizeisperren vor dem Senat standen, wo die zweite Kammer über die Reform abstimmte. Die Staatsgewalt in Form von Polizisten – ausgerüstet mit Tränengas, Schutzschilden sowie dicken Gummipolstern und selbst in Hundertschaften zählend – schien nach den gewaltsamen Ausschreitungen der vergangenen Tage für weit mehr gerüstet als für die lautstarken Protestgesänge, die zu ihnen drangen: "Die Rente mit 60: Wir haben gekämpft, um sie zu erhalten. Wir werden kämpfen, um sie zu bewahren."

Sind die Proteste dieser Woche das letzte Aufbäumen, ehe der Widerstand zusammenbricht und die Vernunft siegt? Schließlich wird bereits heute jede zehnte Rente über Kredite finanziert. Wenn nichts geschähe, fehlten im Jahr 2050 in der Rentenkasse 100 Milliarden Euro – sagt die Regierung. Für diesen Donnerstag haben die großen Gewerkschaften zwar noch einmal zum nationalen Ausstand aufgerufen. Doch nach der Verabschiedung der Reform, sagt François Chérèque, der Vorsitzende der gemäßigten Arbeitnehmervertretung CFDT, müssten "andere Mittel her".

Zum Beispiel das Mittel der Reihum-Bestreikung wechselnder Branchen. Die Gewerkschafter haben gesehen, wie wirksam die Blockade der Raffinerien und der Kraftstoff-Reservelager war. Allein die chemische Industrie hatte Umsatzverluste von 100 Millionen Euro pro Streiktag beklagt, ehe der Versorgungsengpass zu Beginn der Woche unter anderem mit Benzin-Importen gemindert wurde. Das Wirtschaftsministerium spricht von täglich 200 bis 400 Millionen Euro an finanziellen Schäden – Ausfälle und Verspätungen bei Zügen, Flügen und dem öffentlichen Nahverkehr sowie Hotelstornierungen inbegriffen.

Nun also der Plan, Präsident Sarkozy trotz der zustimmenden Voten von Abgeordnetenhaus und Senat doch noch davon abzuhalten, die Rentenreform auch in Kraft zu setzen. Als nächstes sollen die Geldboten und Mitarbeiter der französischen Zentralbank streiken. Dann blieben nach den Zapfsäulen eben die Bankautomaten leer, droht Gewerkschafter Paul Fourier von der Confédération générale du travail (CGT). Zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts könnten die Lkw-Fahrer die Belieferung der großen Einkaufshäuser mit Waren behindern. Die Strategie hat etwas von Guerilla: Gestreikt wird punktuell, gesetzt werden Stiche, die für Wirtschaft und Politik sehr schmerzhafte sein sollen.