Einst ein Flughafen, heute ein Park für die Öffentlichkeit: Tempelhof in Berlin © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Eigentlich wissen Stadtplaner längst, dass die Lösung »Grünräume« heißt: Dass sich mit Grünräumen Städte so planen lassen, dass sie auch in die Zeiten des Klimawandels passen. Und dass Grünräume aus Städten attraktive Wohnorte machen können. Schließlich lüften Grünräume dicht bebaute Städte und sind kleine Naherholungsgebiete.

Es gibt nur ein Problem: Platz ist in den meisten Städten rar und das Geld knapp. Deshalb rücken nun Brachen, Straßen, Hausdächer und -fassaden als mögliche Grünräume in den Blick der Planer. Und damit zieht eine neue Idee in die deutschen Amtsstuben ein – die Idee vom wilden Grün.

»Urbanisierung heißt in Zukunft Wachstum der Grünräume«, sagt der Architekt Friedrich von Borries. Für Berlin und Frankfurt entwickelt sein Büro grüne Leitbilder, in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsarchitekten Carlo Becker. Die interdisziplinären Büros planen keine Parks, sondern regen an, auch Brachen als Grünräume wahrzunehmen. »Wir haben Bilder dessen, was wir schön finden: sanierte Altbauten und gepflegte Parks. Es gibt Räume, die nach diesen Kriterien nicht schön sind, in denen Menschen sich aber wohl fühlen«, sagt von Borries.

Die Brache erlebt eine Renaissance. Parkplätze, verlassene Industrie- und Wohngebäude, bisher verachtete Grünstreifen sind Beispiele. In vielen Städten entstehen sogenannte pocket parks, Miniatur-Grünräume zwischen dicht gebauten Häusern. »Parks sind Relikte aus vergangenen Zeiten«, sagt der Dessauer Stadtsoziologe Walter Prigge. »Junge Menschen suchen sich neue Orte, an denen sie grillen, telefonieren oder sich wie im Schwimmbad in die Sonne legen. All das sind Erscheinungen, in denen sich ein neues Verhältnis zur Stadtlandschaft zeigt.«

Lange Zeit war die Stadtplanung damit beschäftigt, Städte möglichst uniform und wirtschaftsfreundlich zu gestalten. Shopping-Malls und Entertainment-Center sind dafür das beste Beispiel. Wildes Grün bricht die Uniformität auf: »Wir wollen den Raum nicht planen, sondern Möglichkeiten dafür schaffen, dass die Nutzer ihn selbst gestalten können«, sagt von Borries. Anwohner sollen nach eigenen Ideen ihren Grünraum selbst erschaffen.

»Bisher wurde die Stadtverwaltung als Versorgungsstation gesehen, heute muss sie Individuen und soziale Gruppen aktivieren, damit nicht so etwas geschieht wie der Protest gegen Stuttgart 21«, erklärt der Stadtsoziologe Prigge. »Die Partizipation muss viel früher kommen.« Daher werden in den Leitbildern für Berlin und Frankfurt keine großen Pläne von 30-jähriger Gültigkeit geschaffen. Vielmehr entwirft man Möglichkeitsräume, die das Mitmachen erleichtern sollen.

Die neuen Grünflächen lassen sich auf viele Arten bewirtschaften. Auf Brachflächen kann man BMX-Parcours bauen, Kinderbauernhöfe einrichten, Kaninchen und Hühner züchten, Pilze sammeln, bedrohte Tierarten entdecken und gärtnern. In New York haben sich die grünen wilden Flächen bereits etabliert. Zwischen Häuserschluchten züchten die Anwohner Gemüse, community gardening heißt das.

Auch im an Schrebergärten gewohnten Deutschland gibt es jenseits des Bundeskleingartengesetzes und der eigenen Parzelle ein Projekt, das belegt: Man kann städtischen Raum gemeinsam begrünen. In Berlin-Kreuzberg haben Marco Claussen und Robert Shaw eine Fläche am Moritzplatz, die jahrzehntelang brachlag, zum »Prinzessinnengarten« gemacht. Gemeinsam mit 150 Anwohnern haben sie im vergangenen Jahr zunächst die Fläche aufgeräumt. Seitdem bauen sie mit allen, die mitmachen möchten, Gemüse und Kräuter ökologisch an. Eigene Beete gibt es nur für Kitas und soziale Projekte, wer als Privatperson mitgärtnert, kann Gemüse und Kräuter zum Vorzugspreis beziehen. Angebaut wird in Bäckerkisten, Reissäcken und Tetra-Packs, damit der Garten jederzeit verlagert werden kann. Denn Shaw und Claussen bekommen die Fläche von der Stadt nicht zur Verfügung gestellt, sondern pachten sie zu 2300 Euro monatlich für jeweils eine Saison.