Der alte Mann in Orange leitet vom Pferd aus einen der Trekks © Bjørn Eric Sass

In Tuschetien starre ich stundenlang auf Hunderte schöner Hinterteile und bleibe dabei doch meist vollkommen gelassen. Das ist ein tolles Gefühl, denn um solche Gemütsruhe selbst im Angesicht großer Abenteuer zu erlangen, bin ich ja in diese nordöstlichste Ecke Georgiens gereist. Von der Hauptstadt Tbilissi sind es nur einhundert Kilometer, aber gefühlt liegt dieses Tuschetien hinter den sieben Bergen und einigen mehr. Man erreicht es, indem man von der Provinz Kachetien aus gerade auf das Gebirge zuhält und stundenlang Serpentinen hochfährt.

Wenn man dann denkt, nun kommt bald gar nichts mehr, und dann einfach weiterfährt, erreicht man endlich den Abano-Pass: 2926 Meter, die höchste befahrbare Kaukasus-Querung Georgiens. Hier beginnt das Land der Tuschen. Das sieht jetzt schon mal grandios aus. Unsere Piste führt steil in ein lang gestrecktes Tal hinunter. Rechts, links, am Horizont, alles steht voller braun, grün, grau durcheinandergefalteter Berge.

Wir fahren an unrasierten Schafhirten vorbei. Der Himmel hängt dicht und schwer in Schieferschattierungen über uns. Der Wind zerrt an den Haaren. Das passt gut. Denn meine Mitreisenden und ich, wir drei Touristen und die Begleitmannschaft, werden einen Viehabtrieb der Tuschen von den Sommerweiden hinunter in das fruchtbare Tiefland begleiten. Reißende Flüsse, schroffe Abgründe und dieser Pass werden unseren Weg markieren. Als ich die Reisebeschreibung las, dachte ich gleich, es gibt sie also noch, die Jobs für ganze Kerle.

»Go, go, Apache, let’s go!«, ruft Sasa, unser Fahrer. Ich hätte noch eine Weile so stehen bleiben und in die Ferne sinnieren können, mir selbst ein Monument des Bergreichentdeckers. Außerdem ist mir nicht gut. Die Serpentinen, das Schaukeln des Geländewagens, die georgischen Zigaretten. Dieses Apachen-Ding, das hat Sasa übrigens von Mike aus Montana. Der kommt seit Jahren immer wieder hierher, und immer fährt er mit Sasa. Er versucht, ihm Englisch beizubringen, und er findet, die Tuschen seien die letzten wahren Cowboys. Daraus hat sich Sasas Aufbruchskampfruf entwickelt.

Diese Zuversicht, dass unter meiner verweichlichten Schale ein sehr viriler Kern nur darauf warte, vom Zusammensein mit diesen Halbnomaden, vom Durchstreifen ihres wilden Landes renaturiert, ins Freie zu entspringen, wird zunächst leider erschüttert. Denn bis zu unserem Ziel sind es noch einmal mehrere Stunden Serpentinen. Dazu der Hunger. Darauf öligen Dosenfisch. Mir bekommt das nicht. Im Dorf Chesho wird mir von der Ammoniakwolke, die aus dem Plumpsklo aufsteigt, von den Schüsseln mit Innereien-Hack und den gekochten Resten eines sehr grob zerkloppten Schafs nur noch mauer.

Bakuri ist ein großartiger Wirt. Immerzu will er Schnaps und Bier und Wein nachschenken. Zusammen essen und trinken ist ein Riesenthema in diesem Land. Wir sitzen auf der Veranda seines Bed-and-Breakfast-Hauses auf groben Bänken, die vollen Schüsseln und Teller dicht nebeneinander, wie das auf einer guten georgischen Tafel, der supra, sein muss. Bakuri bringt Trinksprüche aus auf unsere Gesundheit, auf die georgisch-deutsche Freundschaft, auf die Schönheit der Frauen, die nie verblüht, wenn man nur genau hinschaut. Auf junge Hunde und fruchtbare Stuten. Auf unsere Kinder und auf all unsere Vorfahren, die, wenn man nur weit genug zurückgeht, uns alle zu Verwandten machen. Bakuri rollt die Augen, wackelt mit dem runden Kopf, hebt den Zeigefinger, und alles an ihm ist dick und voller Leben.

Selbst das Zuhören macht Spaß, auch wenn von uns drei Touristen niemand ein Wort versteht. Aber die Sprache hat eine Melodie und wunderschöne kehlige Laute, die mich fesseln, wenn Manana, die in den nächsten Tagen für uns kochen wird, ein Gedicht aufsagt oder Bakuri mit einem Kollegen um Landrecht streitet. Lika übersetzt ins Englische. Dann stoßen wir an und sagen Gaumarjos. Das heißt Sieg. Tschetschenische Stämme im Norden, Dagestan nur ein paar Kilometer nach Osten, dazu ständig Ärger unten in der Ebene, die Tuschen hatten es nicht immer so friedlich wie heute. Das sieht man auch an den uralten, aus Schieferplatten aufgeschichteten Wehrtürmen, die überall in den Tälern auf Felsnasen stehen. Finde ich sympathisch, dass sie sich einen Rest ihres Bergkriegerstolzes erhalten haben, indem sie sich auf den Sieg zuprosten.

Morgen möchte ich auch gern Bergkrieger sein. Heute bin ich müde. Nun habe ich nicht nur einen empfindlichen Magen, ich habe auch einen leichten Schlaf. Ein Mitreisender schnarcht. Ich versuche, ihn auf die Seite zu drehen. Nützt gar nichts. Der Hund, den sich unsere Übersetzerin auf dem Weg hierher von Hirten hat schenken lassen, vier Wochen alt, winselt mutterverlassen. Ich schnauze ins Dunkle, doch ungehört, das Schnarchen und das Winseln halten nur einen Atemzug lang inne. Als ich zum Sonnenaufgang endlich einschlafen könnte, werden Bakuri, unser Wirt, und einer seiner Nachbarn munter. Sie schreien sich an. Es klingt ernst. Womöglich eine uralte kaukasische Familienfehde. Aber nee, die stehen da ganz fröhlich Arm in Arm nebeneinander und plaudern nur. Sasa parkt seinen Wagen direkt vor der Veranda und dreht die Audioanlage auf volle Kraft: scheppernder Schlager im Polka-Rhythmus.

Nun ist es endgültig vorbei mit meiner guten Laune. Ich will Kaffee und Schokolade und bekomme stattdessen Lärm und Qualm vom feuchten Feuerholz. Könnte kreischen über so viel Rücksichtslosigkeit. Kann meinen Hass aber nicht einmal laut herausbrüllen, sonst habe ich sofort einen dieser Tuschen am Hals. Der würde mir ein Glas Tschatscha, selbst gebrannten Grappa, reichen und mich anstrahlen, und seine Unerschütterlichkeit würde mich nur noch fuchsiger machen. Also werfe ich wenigstens ein paar Steine kaputt. Die Bewegung tut gut.