Abenteuer Georgien Bei den letzten CowboysSeite 3/3
© Ralph Hälbig

Dartlo - in diesem Bergdorf verbringen die Halbnomaden den Sommer im Kaukasus
Es fängt an zu regnen, und es hört nicht mehr auf. Die Flüsse schwellen an, ihr Wasser wird schlammig. Von den Hängen läuft es über den Weg, aus dem losen Fels darüber lösen sich Steine. Die Steine und die Rinnsale werden den Pfad blockieren, wenn das so weitergeht, und oben fällt Schnee. Die Hirten entscheiden, schon mittags für den Tag zu halten und auf besseres Wetter morgen zu hoffen. Wir kommen in einer Rangerhütte unter, denn dieser Teil Tuschetiens ist Naturschutzgebiet. Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser im Haus, aber Manana kocht Eintopf auf unserem Camping-Großkocher, und wenn sie einem den Teller hinstellt, berührt sie einen aufmunternd an der Schulter. Da kann es in dieser Bude ziehen, wie es will, und mir wird nicht kalt.
Ein weiterer Viehzug lagert ums Haus, geführt von einem Großvater in orange Regenzeug, wie es Fischer tragen. Dem Alten ist kalt, er reibt sich die Hände und steigt steif vom Pferd, aber sein Gesicht ist klar und bestimmt. Heidi schläft im Begleitauto bei Sasa. Der stürzt irgendwann zu uns, tanzt und knutscht Lika und Manana auf die Wangen: Es regnet nicht mehr. Könnte morgen also weitergehen. So gern sie ewig beim Essen sitzen, warten ist gar nichts für die.

Grab am Wegesrand in Tushetien
Beim Aufstieg versuche ich eine Weile, mitten in der Schafherde zu gehen. Sommerweidenfett wackeln die Schwänze, und ich drifte herrlich gedankenlos weg. Das findet einen schönen Rhythmus: Immer wenn ich fast im Gehen döse, teilt sich vor mir die dichte, wogende Schafmasse, und zwei, drei von diesen Hunden schauen mir ins Gesicht. Die haben fast die gleiche Fellfarbe wie ihre Schutzbefohlenen und können sich darum ganz toll mit ihnen tarnen.
Die ersten Male bin ich unendlich erschrocken und mache mir fast in die Hose. Dann versuche ich, mit ihnen zu reden, sie mit warmer verständnisvoller Stimme daran zu erinnern, dass wir uns schon ein paar Tage kennen. Das interessiert die aber nicht. Schließlich nehme ich einen Stock und lege mir einen Fluch zurecht. Das funktioniert besser. Die Hirten gehen querfeldein, ich bleibe auf dem Weg. Auf der Passhöhe holt mich der orange Großvater in dichtem Schneetreiben ein. Er gibt einen Schnaps aus. Sein Chefhund, und das finde ich jetzt mal wirklich imposant, ist ein Wolf. Ein jung gefangener Wolf mit einem Kopf wie ein Löwe; ein Wolf, der Schafe vor Wölfen schützt.
Wäre die Sicht besser, könnte man von hier oben Alvani unten in Flachland sehen. Alvani ist das nächste Ziel der Hirten, das gemeinsame Winterdorf der Tuschen. König Lewan von Kachetien schenkte ihnen das Land im 16. Jahrhundert als Dank für ihren Kriegseinsatz gegen die Perser. Lange bleiben werden die Männer da nicht. Ein paar Tage ausruhen, dann ziehen sie nach Süden in Richtung Aserbajdschan.
Auf halbem Weg hinunter nach Alvani gibt es eine heiße Schwefelquelle, über die während der Sowjetzeit eine Hütte gebaut wurde. Darin sitze ich wenig später. Da ist nicht nur Schwefel im Wasser, da müssen auch Endorphine drin sein. Von den nassen Stiefeln ist meine Ferse hautfrei. Nicht mal das stört mich. Wenn Großvater mich jetzt fragen würde, ob ich mit in die Steppe komme, einen Schnaps noch, und ich wäre dabei.
***
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 04.11.2010 - 14:01 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 28.10.2010 Nr. 44
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Mehr zu Tusheti in Georgien - im hohen Kaukasus and der grenze zu Tschetschenien und Dagestan finden sie auf diesem Blog unter dem Label: Tusheti http://georgien.blogspot....
Heute abend 19.30 Uhr kommt übrigens eine Dokumentation über siesen Landstrich auf arte TV.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren