Im Golfclub Port Royal auf Bermuda, hoch über den Klippen der Palmeninsel, findet Mitte Oktober ein Wettkampf statt, an dem die Sieger von vier großen Turnieren teilnehmen: der PGA Grand Slam. Am Tag vor dem Spektakel sind es nicht viele Schaulustige, die sich hinter der Absperrung am Putting-Grün aufbauen und um Autogramme betteln. Martin Kaymer kann das nur recht sein. Gerade erst ist er in der Wärme eingetroffen, eben noch hatte er in Pudelmütze und Windjacke im schottischen St. Andrews die besten Europäer bezwungen. Nun zeigt er sich in kurzen Ärmeln, genießt die Sonne und die Brise vom Atlantik. "Das ist wie im Paradies", sagt er. "Golfspielen im Paradies."

Im Paradies hat der Mann gern eine Frau dabei. Sie heißt Allison Micheletti, eine blonde Golfspielerin, die Kaymer vor einer Weile in Scottsdale kennengelernt hat. Jeder der beiden schlägt an diesem Morgen hin und wieder einen Putt, vor allem flirten sie miteinander. Allison Micheletti, Tochter eines amerikanischen Eishockeyprofis, studiert Kommunikationswissenschaften an der Arizona State University in Phoenix. Sport ist ihr Milieu. Sie lacht gern und laut, auch über ihre erste Begegnung mit Martin Kaymer: "Ich wusste wirklich nicht, wer er ist."

Das hatte sie gemeinsam mit 99 Prozent der Deutschen, die im Golf nur zwei Namen kennen: Tiger Woods und Bernhard Langer.

Erst seit seinem Sieg bei der PGA Championship im August in Wisconsin ist der junge Mann tatsächlich jemand: Martin Kaymer, 25, Aufsteiger des Jahres. Seither meldet die Tagesschau seine Resultate, und die Bild-Zeitung druckt den Superlativ "unser Golf-Gigant".

Groß ist er, 1,84 Meter. Und sein Erfolg wächst. In seinen fünf Jahren als Profi hat Kaymer ein Preisgeld von 8,6 Millionen Euro gewonnen. Schon erkennt der britische Guardian in den konstant guten Leistungen "teutonische Effizienz". Der junge Mann aus Mettmann, der täglich stundenlang trainiert, Yoga übt, keinen Alkohol trinkt und der bei der Feier nach dem Ryder-Cup-Sieg in Wales stolz eine schwarz-rot-goldene Fahne ausrollte, fasziniert die internationale Presse. Er verkörpere "deutsche Gelassenheit, Konzentrationsfähigkeit und Antriebskraft", schrieb das amerikanische Magazin Golf Digest .

Als er am Abend zum Interview erscheint, fällt sein Händedruck auf. Der war vor ein paar Jahren noch nicht so kräftig. "Wirklich?", fragt er. Was sein Erfolg alles so mit sich bringt! In der Golf-Weltrangliste steht er auf Platz drei, schon am kommenden Sonntag kann er erstmals zum Sprung auf den Tiger ansetzen. Wenn er beim Turnier im südspanischen Valderrama siegt, hat er Tiger Woods den ersten Platz entrissen.

Am nächsten Tag steht Kaymer an der 16. Bahn, 100 Meter über dem Meer, und gönnt sich ein kurzes Verschnaufen. Während hinter ihm seine Konkurrenten David Toms, Ernie Els und Graeme McDowell den Ball abschlagen, schaut er versonnen über den Atlantik. Er muss die Seele jetzt manchmal nachkommen lassen: "Das ist nicht normal, was ich in den letzten Jahren erreicht habe, vor allem in dieser Saison" – das sind seine Worte.

Wie hat er das Nichtnormale fertiggebracht? "Ich bin ein Gefühlsspieler", sagt er. "Das Gefühl baut sich jedes Mal auf, wenn ich vor dem Ball stehe, wenn ich die Fahne sehe, wenn ich den Wind wahrnehme. Das ist jedes Mal ein langer Prozess, aber den nehme ich gar nicht wahr."