Martin Kaymer Mann ohne GeheimnisSeite 2/2

Man sieht ihm an, dass er gern etwas mehr sagen würde. Die Wahrheit über seinen Schwung, das Geheimnis seines Griffs, seinen Sinn für den Platz. Aber ihm scheint das alles so geheimnislos zu sein. Was ihn ausmacht: Weitergeben kann er davon nichts. Martin wäre ein schlechter Golflehrer, sagt sein Bruder Philipp, der mit nach Bermuda gekommen ist. »Er kann das wirklich nicht genau erklären. Bei ihm ist alles intuitiv.«

Gar nicht lange her, da schlief er noch in der Jugendherberge

Profigolfer mögen ausgesprochene Individualisten sein. Aber alle haben ein fotografisches Gedächtnis – aus dem sie nach der Runde noch jeden einzelnen Schlag abrufen können. Sie sind detailversessen. Der Auftritt, ihre Kleidung, der Umgang mit ihren Assistenten, den Caddies – alles signalisiert Tugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Redlichkeit. Sosehr die Topspieler einander im Kampf um Pokale und Prämien bekämpfen: Nach außen sind sie respektvoll im Ton, ganz in der Tradition jener Gentlemen, die dem Golf vor hundert Jahren in den Dünenlandschaften Schottlands seine heutige Form gegeben haben. Einen Triumph genießt man still.

Unter den Individualisten gibt es nur wenige kantige Typen – so jemanden wie den selbstzerstörerischen US-Publikumsliebling John Daly, der gern isst, trinkt und raucht. Oder den wilden Engländer Ian Poulter mit seinen vom Gel aufgestellten Haaren, den bunten Hosen und kessen Sprüchen. Genie und Koketterie mögen Aufsehen erregen, aber ganz nach vorn schaffen es die Arbeiter. Jemand wie Tiger Woods, der selbst in seinen besten Zeiten unerbittlich seine Fitness und die Feinheiten seines Schlags verbesserte.

Martin Kaymer hat dafür schon früh die besten Voraussetzungen gehabt. Kerzengerade Haltung, breite Schultern und ein Gefühl für die Balance des Schwungablaufs, der es ihm gestattet, den Ball über eine Distanz von 300 Metern präzise zu schlagen. Zehn Jahre alt war er, als er im Golfclub Mettmann mit dem Vater, der Mutter und dem Bruder zu spielen begann. Er versuchte sich auch im Fußball, hatte es als Jugendspieler bei Fortuna Düsseldorf bis in die Niederrhein-Auswahl geschafft. Was ihn störte, war die Mannschaft: »Beim Golf bin ich mein eigener Boss. Wenn ich Fehler mache, kann ich die nur auf mich schieben. Beim Fußball bist du abhängig von den anderen.«

Nach dem Abitur unterstützten ihn seine Eltern beim Einstieg in die Profilaufbahn, aber sie machten ihm auch klar: Spätestens nach zwei Jahren müsse sich der Junge für etwas Richtiges entscheiden, falls es nicht klappe.

Anfangs wohnte er in Jugendherbergen. Einen eigenen Caddie hatte er nicht. Zunächst lief es im Kampf gegen die Topspieler schlecht. Bei Turnieren in so exotischen Landstrichen wie Abu Dhabi, China und Malaysia verpasste er ständig den Cut, kam also nicht in die Schlussrunden, verdiente kein Geld und hing, allein in der Fremde, wochenlang durch.

Auf dem Tiefpunkt rief er seinen zwei Jahre älteren Bruder Philipp an, einen talentierten Golfer, der sich fürs Juristenfach entschieden hatte. Philipp reiste nach Australien als Stimmungsaufheller. Wochen später belegte Martin Kaymer den dritten Platz bei einem Turnier in Portugal und gewann das erste nennenswerte Preisgeld seiner Karriere: 83000 Euro.

Damals zog er auf der Trainingsrunde noch selbst die Karre hinter sich her. »Ich habe im ersten Jahr auch keinen Manager gehabt, obwohl viele Leute kamen und sich angeboten haben. So bin ich halt aufgewachsen, dass man keine spontanen Entscheidungen trifft, schon gar nicht, wenn sie so wichtig sind.«

Bald kämpfte er sich in die höchste Kategorie des europäischen Golfs hoch, in die European Tour. Inzwischen gibt es einen Manager, den Schweden Johan Elliot, dem es – anders als seinen amerikanischen Kollegen – nicht nur um das schnelle Geld geht. Kaymers wichtigster Sponsor ist nach wie vor ein Unternehmen in Bielefeld, das Fenster, Türen und Solaranlagen herstellt, solider Mittelstand.

Das ist die Plattform, von der aus er jetzt zum Sprung ansetzt: »Viele Spieler gewinnen ein großes Turnier, und danach hört man nie wieder etwas von ihnen«, sagt er. »Mein Ziel ist es, noch mehr wichtige Turniere, noch mehr Majors zu gewinnen. Dafür trainiere ich. In meinem Alter kann man doch nicht sagen: Ich habe etwas Großes erreicht. Und das war’s.«

 
Leser-Kommentare
  1. Sie negieren Golf wie der Teufel das Weihwasser. Kein Wunder, daß dieser Artikel von Unwissenheit und Fehlinterpretationen strotzt.

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