In Haiti brach am Dienstag vergangener Woche die Cholera aus. Etwa 260 Menschen sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation daran gestorben, 3300 infiziert. Den Ausbruch der Seuche haben internationale Hilfsorganisationen schon vor Monaten vorausgesagt. Seit dem schweren Erdbeben im Januar helfen sie beim Aufbau des Landes. Katja Maurer ist die Pressesprecherin von Medico International, die mit haitianischen Organisationen zusammenarbeitet. 

DIE ZEIT: Die Cholera ist in Haiti seit mehr als hundert Jahren nicht mehr ausgebrochen. Wieso haben sich jetzt Menschen angesteckt?

Katja Maurer: In Haiti waren die hygienischen Verhältnisse schon vor dem Erdbeben katastrophal, danach wurden sie noch schlimmer. In der Region l’Artibonite, wo die Cholera ausgebrochen ist, lebten ursprünglich Reisbauern. Ende der achtziger Jahre wurden sie arbeitslos und zogen weg, weil amerikanischer Reis den Markt überschwemmte. Nach dem Erdbeben sind viele Flüchtlinge zurückgekommen, die Wohnverhältnisse sind darauf nicht eingerichtet. Es gibt nicht genug Toiletten, viele Fäkalien landen im Fluss. Aber die Menschen baden darin und trinken daraus, um zu überleben.

ZEIT: Wie sieht die sanitäre Versorgung in anderen Teilen Haitis aus?

Maurer: Es gibt kein staatliches Gesundheitssystem und keine flächendeckende sanitäre Versorgung durch Hilfsorganisationen. In der Hauptstadt Port-au-Prince habe ich ein Flüchtlingscamp mit 4200 Bewohnern gesehen, die sich 32 Toiletten teilten. In den Elendsvierteln verrichten die Menschen vielfach ihre Notdurft in Plastiktüten und werfen sie in die Landschaft. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass die Haitianer sich auch unter diesen Bedingungen darum bemühen, ihre Würde zu bewahren. Niemand läuft dreckig oder verschmutzt herum.

ZEIT: Nach dem Erdbeben hat die internationale Gemeinschaft sehr viel gespendet, in der Hoffnung, das Land könne wieder aufgebaut werden. Was läuft falsch?

Maurer: Das Land ist in einer Situation wie Deutschland nach dem Krieg. Alles ist kaputt, zwei Drittel von Port-au-Prince liegen in Trümmern. Man kann nicht nach einem Jahr beurteilen, wie der Aufbau läuft. In Haiti haben wir keinen Staat, mit dessen Unterstützung wir die Hilfe koordinieren können. Wir haben internationale Organisationen – und Menschen, die versuchen zu überleben. Die Hilfe von außen ist nötig, aber sie führt auch zu einem Dilemma, denn sie gefährdet mancherorts lokale Hilfsangebote. Vor dem Erdbeben gab es in den Städten einheimische Ärzte mit kleinen Praxen. Dann sind ausländische Ärzte eingeflogen, es ist kostenlose Hilfe von außen installiert worden. Die haitianische Struktur wurde damit zerstört.

ZEIT: Was bedeutet das für die internationale Entwicklungshilfe?

Maurer: Wir müssen in zwei, drei Jahren sehen, ob wir unsere Aufgabe, den Haitianern zur Selbsthilfe zu verhelfen, erfüllen konnten. Seit dem Erdbeben gibt es mehr internationale Hilfsorganisationen und mehr Geld im Land. Aber zurzeit ist überhaupt nicht absehbar, dass ein besseres Haiti entsteht.

ZEIT: Nach dem Erdbeben diskutierte die internationale Gemeinschaft darüber, Haiti zum Protektorat zu machen.

Maurer: Bislang werden Länder unter Protektorat gestellt, um Sicherheitsinteressen zu schützen, wie Irak oder Afghanistan. Aber wenn wir einem Land wie Haiti helfen wollen, müssten wir über eine Art Wirtschaftsprotektorat reden. Haiti brauchte eine Chance für wirtschaftliche Entwicklung.