Frauen in der Wissenschaft : "Es gibt sie noch, die Dinosaurier"

Das Internetportal AcademiaNet soll mehr Frauen in wissenschaftliche Spitzenpositionen bringen. Ein Gespräch mit der Biologin Julia Fischer über den Alltag in männerdominierten Gremien

DIE ZEIT: Mit dem Internetportal AcademiaNet soll unter anderem die Suche nach geeigneten Frauen für die Besetzung von wissenschaftlichen Gremien erleichtert werden. In wie vielen Gremien haben Sie im letzten Jahr gesessen, Frau Fischer?

Julia Fischer: In zu vielen! Es schmeichelt zwar, wenn man gefragt ist, aber man muss aufpassen, dass man überhaupt noch zum Forschen kommt. Auf meinem Computer steht ein großes Schild: »Nein«.

DIE ZEIT: Sonst verzettelt man sich?

Julia Fischer

Julia Fischer ist eine deutsche Biologin, Primaten- und Verhaltensforscherin an der Georg-Augustin-Universität Göttingen. Fischer ist außerdem Mitglied des Beirats der Robert Bosch Stiftung Frauen in der Wissenschaft, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und Mitglied im Hochschulrat der LMU München.

Fischer: In Niedersachsen gibt es die Regel, dass 40 Prozent der Mitglieder einer Berufungskommission weiblich sein müssen . Das führt dazu, dass die wenigen qualifizierten Professorinnen übermäßig beansprucht sind. In anderen Gremien sitzen aber gar keine Frauen, weil den entscheidenden Herren keine einfällt. Dann heißt es: Es gäbe da ja Christiane Nüsslein-Volhard

DIE ZEIT: …die Tübinger Biologin und Nobelpreisträgerin…

Fischer: …aber die hat schon so viel zu tun, die fragen wir lieber nicht. Das ist der Standardspruch. Dieses Muster zu durchbrechen, darum muss es gehen. Und wenn es wieder heißt: »Uns fällt keine Frau ein«, dann kann man künftig auf AcademiaNet verweisen und sagen: Hier ist ein qualitätsgeprüftes Werkzeug, das Auskunft darüber gibt, wer gerade auf dem Markt ist und entsprechende Qualifikationen mitbringt.

DIE ZEIT: Warum ist es wichtig, dass in wissenschaftlichen Gremien mehr Frauen sitzen?

Fischer: Weil ich mich oft frage, ob die Männer in solchen Runden eine Art Filter eingebaut haben: Wenn ein Mann etwas sagt, wird das in der Wichtigkeit mit dem Faktor zwei verdoppelt. Und wenn eine Frau etwas sagt, passiert gar nichts.

DIE ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Fischer: Vergangene Woche saß ich in einer solchen Runde, und eine Kollegin hat über den Sektor der Tertiären Bildung gesprochen. Eine Stunde später hat ein Mann ebenfalls die Tertiäre Bildung erwähnt, worauf ein anderer meinte, es sei gut, dass endlich mal jemand darüber rede! Dann muss man auch mal dazwischen rufen und sagen: Nein, stimmt nicht. Das ist schon vor einer Stunde in die Diskussion eingebracht worden.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Oh, oh

"Vergangene Woche saß ich in einer solchen Runde, und eine Kollegin hat über den Sektor der Tertiären Bildung gesprochen. Eine Stunde später hat ein Mann ebenfalls die Tertiäre Bildung erwähnt, worauf ein anderer meinte, es sei gut, dass endlich mal jemand darüber rede! Dann muss man auch mal dazwischen rufen und sagen: Nein, stimmt nicht. Das ist schon vor einer Stunde in die Diskussion eingebracht worden."

Aua......
Aber Erfahrungen werden ja grundsätzlich nicht ernst genommen und abgetan als "Kann ja mal vorkommen".
Kommentare wie: Kompetenz ist gefragt, und nicht das Geschlecht. Ja, meine lieben, genau.
Alle reden sie von Vitamin B, aber wenns um Frauen geht, dann kann das doch gar nicht sein. Neee....

SH

Geowned

Ui, den Möbius hatten wir letztens in Psychologie und herausgefunden das solche Pamphlete geschrieben worden sind,
weil Männer sich bedroht fühlten von der unabhängigen und karrierestrebenden Frau Anfang des 20. Jahrhunderts.
Und um sich besser zu fühlen schrieb man Bücher über die Minderwertigkeit der Frau im zusammenhang mit wissenschaftlichen Fünden um ja besser argumentieren zu können. Heißt die Frauen könnend das ja gar nicht, da sie physiologisch nicht in der Lage dazu sind. Kam natürlich bei den Losern gut an, die sich bei jeder Konkurrenz fürchten.

Ihr Beitrag ist ein gutes Beispiel dafür, Danke! Werde das im Unterricht reinbringen!

die männer

liebe frau fischer.

bedauerlich dass sie in einer gesprächsrunde übergangen wurden, das passiert häufiger und hat verschiedene mögliche ursachen. aber selbst wenn ihre runde tatsächlich mit dummen menschen besetzt seien sollte: bitte machen sie daraus doch keine allgemeinformel a la "die männer machen das und das...."

mfg

Ich versteh das nicht

Was hat man denn nur gegen Tradition. Traditionen gibt es auch aus gutem Grund. Vieleicht denkt man erstmal darüber nach bevor man alles über den Haufen wirft. Außerdem ist es doch echt peinlich für Deutschland und unsere Gesellschaft. Da werden extra Uni-KiTas für das Personal gebaut und Internetportale geschaffen, damit sich ja keiner vernachlässigt fühlt. Wenn tatsächlich alle so toll sind wie es hier dargestellt wird und man es jedeem auf die Nase binden muss, warum schaffen sie es nicht denn dann nicht gleich aus eigener Kraft. Andere müssen mit ihrem Leben auch allein klar kommen. Warum schafft das nicht auch jemand der hier alle Abschlüsse mit Auszeichnung macht etc.. Und wenn das alles so dringende Fragen sind und man sich unverstanden fühlt. Sind denn nicht alle so unheimlich professionell in dem Umfeld, dass man noch ewig deswegen Diskutieren muss. Ich finde das traurig. Aber mit einer KiTa für Professoren kann man wohl einfach besser angeben à la 'seht her wir tun etwas für unserer Spitzenpersonal, weil man ihm ja nicht zumuten kann sich wie jeder normal Mensch selbst um Dinge zu kümmern'.