DIE ZEIT: Mit dem Internetportal AcademiaNet soll unter anderem die Suche nach geeigneten Frauen für die Besetzung von wissenschaftlichen Gremien erleichtert werden. In wie vielen Gremien haben Sie im letzten Jahr gesessen, Frau Fischer?

Julia Fischer: In zu vielen! Es schmeichelt zwar, wenn man gefragt ist, aber man muss aufpassen, dass man überhaupt noch zum Forschen kommt. Auf meinem Computer steht ein großes Schild: »Nein«.

DIE ZEIT: Sonst verzettelt man sich?

Fischer: In Niedersachsen gibt es die Regel, dass 40 Prozent der Mitglieder einer Berufungskommission weiblich sein müssen . Das führt dazu, dass die wenigen qualifizierten Professorinnen übermäßig beansprucht sind. In anderen Gremien sitzen aber gar keine Frauen, weil den entscheidenden Herren keine einfällt. Dann heißt es: Es gäbe da ja Christiane Nüsslein-Volhard

DIE ZEIT: …die Tübinger Biologin und Nobelpreisträgerin…

Fischer: …aber die hat schon so viel zu tun, die fragen wir lieber nicht. Das ist der Standardspruch. Dieses Muster zu durchbrechen, darum muss es gehen. Und wenn es wieder heißt: »Uns fällt keine Frau ein«, dann kann man künftig auf AcademiaNet verweisen und sagen: Hier ist ein qualitätsgeprüftes Werkzeug, das Auskunft darüber gibt, wer gerade auf dem Markt ist und entsprechende Qualifikationen mitbringt.

DIE ZEIT: Warum ist es wichtig, dass in wissenschaftlichen Gremien mehr Frauen sitzen?

Fischer: Weil ich mich oft frage, ob die Männer in solchen Runden eine Art Filter eingebaut haben: Wenn ein Mann etwas sagt, wird das in der Wichtigkeit mit dem Faktor zwei verdoppelt. Und wenn eine Frau etwas sagt, passiert gar nichts.

DIE ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Fischer: Vergangene Woche saß ich in einer solchen Runde, und eine Kollegin hat über den Sektor der Tertiären Bildung gesprochen. Eine Stunde später hat ein Mann ebenfalls die Tertiäre Bildung erwähnt, worauf ein anderer meinte, es sei gut, dass endlich mal jemand darüber rede! Dann muss man auch mal dazwischen rufen und sagen: Nein, stimmt nicht. Das ist schon vor einer Stunde in die Diskussion eingebracht worden.