Frauen in der Wissenschaft"Es gibt sie noch, die Dinosaurier"

Das Internetportal AcademiaNet soll mehr Frauen in wissenschaftliche Spitzenpositionen bringen. Ein Gespräch mit der Biologin Julia Fischer über den Alltag in männerdominierten Gremien von 

DIE ZEIT: Mit dem Internetportal AcademiaNet soll unter anderem die Suche nach geeigneten Frauen für die Besetzung von wissenschaftlichen Gremien erleichtert werden. In wie vielen Gremien haben Sie im letzten Jahr gesessen, Frau Fischer?

Julia Fischer: In zu vielen! Es schmeichelt zwar, wenn man gefragt ist, aber man muss aufpassen, dass man überhaupt noch zum Forschen kommt. Auf meinem Computer steht ein großes Schild: »Nein«.

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Das Frauenportal

Den Startschuss gibt Deutschlands bekannteste Physikerin: Bundeskanzlerin Angela Merkel will am 2. November in Berlin das Internetportal AcademiaNet freischalten, das Profile exzellenter Wissenschaftlerinnen enthält. Denn diese sind, vor allem in Führungspositionen, hierzulande noch immer stark unterrepräsentiert. Nur rund 12 Prozent der höchstdotierten Positionen in der deutschen Forschung sind derzeit von Frauen besetzt – www.academia-net.de will das ändern.

Das Portal entsteht auf Initiative der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit »Spektrum der Wissenschaft«, als Partner fungieren die deutschen Wissenschaftsorganisationen und Wirtschaftsverbände. Ziel der Ideengeberin Ingrid Wünning-Tschol ist es, herausragende Forscherinnen ins Blickfeld derer zu rücken, die Gremien besetzen, Konferenzen organisieren oder die über Forschung berichten. Auf den Seiten von AcademiaNet werden redaktionelle Beiträge zum Thema »Frauen in der Wissenschaft« zu finden sein und Erfolgsgeschichten rund um die Wissenschaftlerinnen der Datenbank.

Eine Erfolgsgeschichte ist auch die Karriere von Julia Fischer. Über Forschungsaufenthalte in den USA gelangte sie nach Botswana, wo sie die Kommunikation von Pavianen erforschte. Seit 2004 ist sie Professorin für Kognitive Ethologie an der Universität Göttingen und Leiterin der gleichnamigen Forschungsgruppe am Deutschen Primatenzentrum. Sie sitzt in diversen Gremien, unter anderem im Hochschulrat der LMU München.

DIE ZEIT: Sonst verzettelt man sich?

Julia Fischer
Julia Fischer

Julia Fischer ist eine deutsche Biologin, Primaten- und Verhaltensforscherin an der Georg-Augustin-Universität Göttingen. Fischer ist außerdem Mitglied des Beirats der Robert Bosch Stiftung Frauen in der Wissenschaft, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und Mitglied im Hochschulrat der LMU München.

Fischer: In Niedersachsen gibt es die Regel, dass 40 Prozent der Mitglieder einer Berufungskommission weiblich sein müssen . Das führt dazu, dass die wenigen qualifizierten Professorinnen übermäßig beansprucht sind. In anderen Gremien sitzen aber gar keine Frauen, weil den entscheidenden Herren keine einfällt. Dann heißt es: Es gäbe da ja Christiane Nüsslein-Volhard

DIE ZEIT: …die Tübinger Biologin und Nobelpreisträgerin…

Fischer: …aber die hat schon so viel zu tun, die fragen wir lieber nicht. Das ist der Standardspruch. Dieses Muster zu durchbrechen, darum muss es gehen. Und wenn es wieder heißt: »Uns fällt keine Frau ein«, dann kann man künftig auf AcademiaNet verweisen und sagen: Hier ist ein qualitätsgeprüftes Werkzeug, das Auskunft darüber gibt, wer gerade auf dem Markt ist und entsprechende Qualifikationen mitbringt.

DIE ZEIT: Warum ist es wichtig, dass in wissenschaftlichen Gremien mehr Frauen sitzen?

Fischer: Weil ich mich oft frage, ob die Männer in solchen Runden eine Art Filter eingebaut haben: Wenn ein Mann etwas sagt, wird das in der Wichtigkeit mit dem Faktor zwei verdoppelt. Und wenn eine Frau etwas sagt, passiert gar nichts.

DIE ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Fischer: Vergangene Woche saß ich in einer solchen Runde, und eine Kollegin hat über den Sektor der Tertiären Bildung gesprochen. Eine Stunde später hat ein Mann ebenfalls die Tertiäre Bildung erwähnt, worauf ein anderer meinte, es sei gut, dass endlich mal jemand darüber rede! Dann muss man auch mal dazwischen rufen und sagen: Nein, stimmt nicht. Das ist schon vor einer Stunde in die Diskussion eingebracht worden.

Leserkommentare
    • Seteney
    • 01. November 2010 14:41 Uhr
    1. Oh, oh

    "Vergangene Woche saß ich in einer solchen Runde, und eine Kollegin hat über den Sektor der Tertiären Bildung gesprochen. Eine Stunde später hat ein Mann ebenfalls die Tertiäre Bildung erwähnt, worauf ein anderer meinte, es sei gut, dass endlich mal jemand darüber rede! Dann muss man auch mal dazwischen rufen und sagen: Nein, stimmt nicht. Das ist schon vor einer Stunde in die Diskussion eingebracht worden."

    Aua......
    Aber Erfahrungen werden ja grundsätzlich nicht ernst genommen und abgetan als "Kann ja mal vorkommen".
    Kommentare wie: Kompetenz ist gefragt, und nicht das Geschlecht. Ja, meine lieben, genau.
    Alle reden sie von Vitamin B, aber wenns um Frauen geht, dann kann das doch gar nicht sein. Neee....

    SH

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    • foefi78
    • 01. November 2010 16:23 Uhr

    Die bösen Männer in den Forschungsgremien, die böse Dinge tun sollen....

    „Beschimpfungen, Verleumdungen, anonyme Briefe. Die Zunge ist das Schwert der Weiber, ihre geistige Schwäche lässt sie auf Beweise verzichten, also bleibt nur die Fülle der Wörter.“
     
    Dr. Paul Julius Möbius (24.01.1853 –08.01.1907) deutscher Neurologe und Psychiater

  1. (oder ein Mann)die die Kommunikation unter Pavianen erforscht, als irgendwie wichtig angesehen ? Ist es das Ziel der Bundesregierung, die Kommunikation unter Menschen wieder nährer an diese Urformen anzunähren ?

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  2. liebe frau fischer.

    bedauerlich dass sie in einer gesprächsrunde übergangen wurden, das passiert häufiger und hat verschiedene mögliche ursachen. aber selbst wenn ihre runde tatsächlich mit dummen menschen besetzt seien sollte: bitte machen sie daraus doch keine allgemeinformel a la "die männer machen das und das...."

    mfg

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    • foefi78
    • 01. November 2010 16:23 Uhr

    Die bösen Männer in den Forschungsgremien, die böse Dinge tun sollen....

    „Beschimpfungen, Verleumdungen, anonyme Briefe. Die Zunge ist das Schwert der Weiber, ihre geistige Schwäche lässt sie auf Beweise verzichten, also bleibt nur die Fülle der Wörter.“
     
    Dr. Paul Julius Möbius (24.01.1853 –08.01.1907) deutscher Neurologe und Psychiater

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    Antwort auf "Oh, oh"
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    • Seteney
    • 04. November 2010 15:28 Uhr

    Ui, den Möbius hatten wir letztens in Psychologie und herausgefunden das solche Pamphlete geschrieben worden sind,
    weil Männer sich bedroht fühlten von der unabhängigen und karrierestrebenden Frau Anfang des 20. Jahrhunderts.
    Und um sich besser zu fühlen schrieb man Bücher über die Minderwertigkeit der Frau im zusammenhang mit wissenschaftlichen Fünden um ja besser argumentieren zu können. Heißt die Frauen könnend das ja gar nicht, da sie physiologisch nicht in der Lage dazu sind. Kam natürlich bei den Losern gut an, die sich bei jeder Konkurrenz fürchten.

    Ihr Beitrag ist ein gutes Beispiel dafür, Danke! Werde das im Unterricht reinbringen!

  3. Was hat man denn nur gegen Tradition. Traditionen gibt es auch aus gutem Grund. Vieleicht denkt man erstmal darüber nach bevor man alles über den Haufen wirft. Außerdem ist es doch echt peinlich für Deutschland und unsere Gesellschaft. Da werden extra Uni-KiTas für das Personal gebaut und Internetportale geschaffen, damit sich ja keiner vernachlässigt fühlt. Wenn tatsächlich alle so toll sind wie es hier dargestellt wird und man es jedeem auf die Nase binden muss, warum schaffen sie es nicht denn dann nicht gleich aus eigener Kraft. Andere müssen mit ihrem Leben auch allein klar kommen. Warum schafft das nicht auch jemand der hier alle Abschlüsse mit Auszeichnung macht etc.. Und wenn das alles so dringende Fragen sind und man sich unverstanden fühlt. Sind denn nicht alle so unheimlich professionell in dem Umfeld, dass man noch ewig deswegen Diskutieren muss. Ich finde das traurig. Aber mit einer KiTa für Professoren kann man wohl einfach besser angeben à la 'seht her wir tun etwas für unserer Spitzenpersonal, weil man ihm ja nicht zumuten kann sich wie jeder normal Mensch selbst um Dinge zu kümmern'.

    • Kr.M.
    • 01. November 2010 17:08 Uhr

    Ist ja jetzt schon spitze. Erst bekommen Frauen die besseren Schulnoten, obwohl es keine Anzeichen gibt, dass Frauen intelligenter sind.

    Dann sind sie vom Wehrdienst befreit.

    Sie erhalten aus obigen Gründen leichter Studienplätze und dank Frauenförderung viel leichter Stipendien.

    Wenn sie eine wissenschaftliche Karriere anstreben, kriegen sie zudem sehr leicht eine Doktorandenstelle oder ein Doktorandenstipendium sowie dank Quotenregelung leichter einen Doktorvater.

    Dann arbeiten alle Besetzungsgremien an Hochschulen mit Quoten und Kontrolle durch die Frauenbeauftragte. Bei gleicher Eignung kommen Frauen immer vor Männern an die Stelle.

    Wer es trotz dieser massivsten Förderung als Frau nicht zu einerm Doktor und einer Anstellung schafft, muss sich fragen lassen, ob es nicht an der Person selbst liegt. Zumindest liegt es nicht an den vielen Kindern der Wissenschaftlerinnen. Denn die meisten haben keine und sind im endeffekt oft sogar weniger belastet als Männer mit Kindern.

    Würden es Männer nur mit solcher Förderung schaffen, dann würden diese zu recht von anderen als Schlappschwänze behandelt werden. Es ist völlig verständlich, dass die Wortbeiträge von Quotlerinnen nicht genauso gewürdigt werden, wie die von denen, die es ohne Förderung in die Gremien schaffen.

    Dass in Männerrunden zu dem Thema nur Kopfschütteln und Sarkassmus bleibt, sollte Quotenfrau halt verstehen, wenn sie die vielfältigen Abkürzungen nach oben nutzt.

    2 Leserempfehlungen
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    • SarahA
    • 01. November 2010 20:46 Uhr

    Bin zwar gegen Quoten und all das...
    aber bei dem Beitrag meines Vorgängers fällt mir nur eins ein... Heul doch :D

  4. bezeichnend ist die Tatsache, dass Sie die Aussage "Frauenförderung ist doch Quatsch." als frauenfeindlich betrachten und nicht als eine Meinung die von der Ihren abweicht. Denken Sie mal darüber nach.

    Sehr besorgniserregend finde ich auch, dass Sie - gerade als Wissenschaftlerin - befürworten, dass Stellen nicht ausschliesslich nach Eignung und Leistung vergeben werden sollten, sondern bei der Besetzung Bewerber mit einem bestimmten Geschlecht bevorzugt werden sollten.
    Dies schadet nicht nur der Qualität der Wissenschaft, sondern steht meiner Auffassung nach auch im Widerspruch zur deutschen Verfassung.

    PS: Wenn Ihnen an Gleichstellung so gelegen ist: Warum eigentlich keine Quote für Bewerber aus schwierigen Familienverhältnissen und ohne Schulabschluss? Die sind nämlich an Hochschulen extrem unterrepräsentiert.

    Eine Leserempfehlung
  5. Also ich bekomme an meiner Uni bereits als Studentin dumme Sprüche zu hören, wie das denn ginge so als Frau mit Informatik. Ob ich meine Bachelorarbeit denn auch selbst geschrieben hätte etc. Glücklicherweise habe ich - bisher - weder von meinem Betreuer noch meinem Prüfer so etwas gehört, derjenige mit den Sprüchen ist dort aber höherer Angestellter im Institut. Wenn der die Wahl hätte ... nunja, ich denke mal, ich könnte 1,0 haben und er würde trotzdem jemanden mit y-Chromosom vorziehen. Meine Erfahrungen. Und das ist nur ein Institut. Wie es in den anderen aussieht, naja, aber dass von 40 Frauen am Anfang nach einigen Semestern nur noch wir 5 übrig waren, naja. Ich weiß schon, warum.
    Übrigens haben wir trotz Bewerberinnen keine einzige Professorin gehabt, es gibt an der ganzen TNF mit über 20 Professuren nämlich nicht eine einzige Frau. Bewerberinnen hätt es gegeben, genommen wurden aber die Männer. Lässt einen gutes hoffen für die eigene Karriere...

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