DIE ZEIT: Es hat lange gedauert, bis sich das Auswärtige Amt seiner NS-Vergangenheit gestellt hat . Warum?

Norbert Frei: Das Amt berief sich jahrzehntelang auf eine Legende, die aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammt. Ihr Tenor: Die Diplomaten haben stets versucht, die schlimmsten Entwicklungen zu verhindern, sie haben sich herausgehalten aus allen NS-Verbrechen, ja ihr Amt sei eine Bastion des Widerstandes gewesen. Davon kann nun keine Rede mehr sein. Das Auswärtige Amt im »Dritten Reich« war das Auswärtige Amt des »Dritten Reichs«. Es war Teil dieser monströsen Diktatur, es hat seine Aufgaben erfüllt.

ZEIT: Ähnliche Legenden gab es auch andernorts.

Frei: Natürlich. Die Universitäten, das Militär, die Justiz – nach 1945 sind das vorgeblich alles Horte des Widerstands gewesen. Übrigens auch viele Unternehmen. Denken Sie nur daran, wie lange es zum Beispiel gedauert hat, bis ans Licht kam, was Bertelsmann während der NS-Zeit gemacht hat.

ZEIT: Durften Sie alle Akten lesen?

Frei: Wir hatten gut drei Jahre Zeit, das ist, auch im Vergleich mit ähnlichen Großprojekten, nicht gerade viel. Unsere Bedingung war, dass uns die zeitlich einschlägigen Bestände des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts rückhaltlos zugänglich gemacht werden. Natürlich mussten wir, wie in jedem Archiv, darauf vertrauen, dass uns die Dinge, die vorhanden sind, auch wirklich alle vorgelegt wurden. Wir hatten eine Zeit lang das Gefühl, dass es da bei manchen Mitarbeitern ein gewisses Unbehagen gab. Aber das konnten wir dann dank der Unterstützung von Außenminister Steinmeier regeln.

ZEIT: Ihr Kommissionskollege Eckart Conze behauptete kürzlich in einem Interview, es gebe verschwundene Akten?

Frei: Einiges, was früher vorhanden gewesen sein muss, sei nicht mehr auffindbar, so wurde uns wiederholt versichert. Und offensichtlich wurden in der Nachkriegszeit Akten gesäubert. Im Kalten Krieg hat man außerdem unsinnig vieles zur Verschlusssache erklärt und aus den regulären Beständen herausgenommen. Eine forschungsfreundliche Archivleitung hätte sich da schon seit Jahren bemüht, dies möglichst weitgehend zu deklassifizieren; für uns kamen diese Anstrengungen zu spät.

ZEIT: Sie mussten nicht bei null anfangen. Es gab bereits das Buch des amerikanischen Historikers Christopher Browning, von 1978, über die »Endlösung« und das Auswärtige Amt. Es gab die Bücher von Hans-Jürgen Döscher über das Amt im »Dritten Reich« und unter Adenauer. Welche neuen Erkenntnisse bieten Sie?

Frei: Herr Döscher, mit dem wir stets in Verbindung waren, hatte jahrelange Querelen mit dem Amt, er kam kaum an die Akten heran. Trotzdem haben er und Herr Browning großartige Pionierarbeit geleistet. Wir konnten jetzt auf breiterer Grundlage forschen, mit offizieller Unterstützung. Und da ist nun wirklich von der Amtslegende nichts mehr übrig geblieben.

ZEIT: Ein später Triumph für Joschka Fischer.

Frei: Ich kann gut nachvollziehen, dass er sich jetzt bestätigt sieht. Immerhin war er als Minister aus dem Amt heraus – ein beispielloser Vorgang – scharf angegriffen worden, weil er unter Hinweis auf die NS-Vergangenheit einiger Diplomaten die sogenannte Nachrufpraxis geändert hatte.