An einem Samstagnachmittag Ende September wird es in der Kurstadt Baden-Baden laut. "Lena! Lena! Leeenaaaaa!", ruft es von überall her. Etwa hundert Jugendliche drängeln, schieben und strecken die Hände aus nach ihrem Idol. Lena Meyer-Landrut kommt gerade von der Aufzeichnung eines Fernsehinterviews und muss eigentlich nur ein paar Meter vom Backstagebereich bis zu einem Kleinbus gehen, der sie ins Hotel bringen soll. Aber nichts geht mehr, zu viele Leute, zu viel Geschiebe und Gedrücke, Jugendliche, dazwischen Mütter, die längst die Kontrolle über ihre Kinder verloren haben. Und mittendrin: eine erschrockene Lena Meyer-Landrut, der Autogrammkarten und Kugelschreiber direkt vors Gesicht gehalten werden, in Begleitung von zwei Betreuern und zwei Bodyguards, die mit aller Kraft versuchen, der Gruppe einen Weg zum Bus zu bahnen. Vergeblich. Die Schreie der Fans werden lauter. Eine Betreuerin von Lena Meyer-Landrut wird später sagen, dass sie "an Duisburg" denken musste, an das schreckliche Ende der Loveparade im Frühjahr.

Dann schaffen es die Bodyguards doch, schnell in den Bus, Tür zu, los. Dutzende Hände hauen von außen an die Fenster, es sind dumpfe Laute, die sich bedrohlicher anhören, als sie gemeint sind. "Krass", sagt Lena Meyer-Landrut. Wie geht sie mit solchen Situationen um? "Wenn sie passieren, schiebe ich sie gedanklich in die Ferne und verlasse mich auf die Security", sagt sie. "Sobald ich im Auto sitze, denke ich: Okay, die finden die öffentliche Figur Lena toll, dieses Phänomen, das durch die Macht des Fernsehens erzeugt wurde. Das ist normal. Andererseits ist es aber genauso normal, alleine durch den Supermarkt zu gehen, ohne dass eine Menschentraube um mich herumsteht und meinen Namen schreit."

Normal. Was ist im Leben der Sängerin Lena Meyer-Landrut, geboren am 23. Mai 1991 in Hannover, Gewinnerin des Eurovision Song Contest im Mai dieses Jahres in Oslo, noch normal? 20 Millionen Zuschauer haben ihr dabei zugesehen, wie sie mit Deutschlandfahne in der Hand zur ersten deutschen Grand-Prix-Siegerin seit 1982 wurde. Ihre drei Songs stiegen zeitgleich in die Top 5 ein, das passierte zum ersten Mal seit Erhebung der Charts im Jahr 1959. Als sie am Tag nach ihrem Sieg in Hannover gelandet war, wurde sie am Flughafen von Christian Wulff empfangen, der ihr herzliche Grüße von Angela Merkel ausrichtete. "Abgedreht, dass die Bundeskanzlerin über mich redet", sagt sie, "aber auch ’ne Ehre." Am selben Tag trug sie sich in das Goldene Buch ihrer Heimatstadt Hannover ein: "Wow! Verdammte Axt ist das geil! Dankeschönst. Leni". Spätestens an diesem Wochenende hat sich fast das ganze Land in sie verliebt. Was hat das mit Lena Meyer-Landrut gemacht?

Zwei Wochen bevor die Fans in Baden-Baden schreien, läuft sie zum ersten Mal über einen roten Teppich. In der Unterhaltungsbranche ist das harte Arbeit, die leicht wirken muss, weil viele Kameras und Mikrofone auf die Prominenten gerichtet sind und jede Regung registrieren. Lena Meyer-Landrut macht das gut, sie strahlt, lacht viel, reagiert auf die Fragen der Reporter, bleibt mal hier stehen und mal dort, ein Autogramm, ein Foto, noch ein Autogramm, dann hat sie es in den Saal geschafft. Sie tritt bei einer Gala auf, die am Hamburger Hafen stattfindet, beim Deutschen Radiopreis. Viele Prominente sind gekommen, Hans-Dietrich Genscher, Phil Collins, Wladimir Klitschko, Maybrit Illner, der Hamburger Bürgermeister Christoph Ahlhaus hält die Eröffnungsrede. Aber niemand bekommt an diesem Abend mehr Aufmerksamkeit als Lena Meyer-Landrut. Egal wo sie hingeht, Fotografen und Journalisten ziehen hinter ihr her. Und die anderen Prominenten? Sie gucken auch, drehen die Köpfe, tuscheln, grüßen. Hans-Dietrich Genscher geht auf sie zu, plaudert mit ihr, "der wollte meine Hand gar nicht mehr loslassen". Die Fußballreporterin Sabine Töpperwien bittet einen anderen Gast darum, sie gemeinsam "mit der Lena" auf ihrem Blackberry zu fotografieren. Und plötzlich steht Carlo von Tiedemann, Moderator beim NDR, vor Lena Meyer-Landrut und begrüßt sie wie eine gute Bekannte, kleine Umarmung, Küsschen. Zwei Fotografen halten die Szene fest, von Tiedemann bedankt sich, zieht sich zurück, die Fotografen auch. "Ich kannte ihn gar nicht", sagt sie später. In diesem Jahr können sich Jugendliche in Baden-Baden und ein 83-jähriger Außenminister a. D. auf eines einigen: Sie wollen etwas Lena in ihrem Leben. Und was will Lena selbst?

Umlagert von Fans: Lena Meyer-Landrut rettet sich in einen Kleinbus, Bodyguards bahnen ihr den Weg

Wenn Lena Meyer-Landrut heute über ihr Leben redet, verwendet sie oft das Wort "früher". Es steht für die Zeit, bevor sie berühmt wurde, und diese Zeit ist gerade mal ein halbes Jahr her. Zum Beispiel, sagt sie, habe sie "früher dauernd Fotos gemacht, mit Freunden, im Urlaub, weil Fotos etwas Persönliches haben". Und heute? "Seitdem ich so oft fotografiert werde, hat sich mein Verhältnis dazu komplett verändert. Ich habe jetzt zwei bis fünfzehn Fotogesichter." Sie lacht. "Darauf lache ich immer, weil ich lachen freundlich finde." Das Lachen ist ein Schutzschild, den sie jederzeit hochhalten kann.

Einmal, hinter der Bühne bei der Gala in Hamburg, kommt ein Fremder auf sie zu und fragt, ob er sich mit ihr fotografieren lassen dürfe. Klar, sagt sie, ein Freund des Mannes hält das Handy hoch, es blitzt. Der Fremde bedankt sich, sagt: "Lena, du musst so bleiben, wie du bist! Menschen wie dich braucht das Musikbusiness!" Und dann tritt er plötzlich einen Schritt nach vorne, fast berühren sich ihre Nasen. Lena Meyer-Landrut geht intuitiv einen Schritt zurück, eine kurze Irritation huscht über ihr Gesicht, dann zieht sie ihren Schutzschild hoch. Sie lacht. Bedankt sich, wünscht dem Mann einen schönen Abend. "Ich finde Offenheit und Herzlichkeit gut", sagt sie später über den Moment, "ich umarme auch gerne Leute, aber wenn ich jemanden noch nie getroffen habe, dann finde ich körperliche Berührungen nach zehn Sekunden nicht besonders höflich."

Millionen Fernsehzuschauer haben sie länger als nur zehn Sekunden erlebt. Sie haben ihr Woche für Woche dabei zugesehen, wie sie in der Castingshow Unser Star für Oslo auftrat. In der Zeit vor dem Finale in Oslo war sie täglich im Fernsehen. Viele Zuschauer haben seitdem das Gefühl: Die Lena kenne ich.