Es war »der erste warme Sommertag«, wie Thomas Mann am 6.Mai 1936 in sein Tagebuch notierte: »Schönes Licht über dem See.« Unruhige Jahre lagen hinter dem Schriftsteller. Seit 1933 in der Schweiz lebend, hatte er sich lange nicht zur Emigration bekennen wollen. Sein privater Hass auf die braunen Machthaber fand vor allem in seinen Tagebüchern statt. Jedoch seit dem 3. Februar konnte das Publikum an Thomas Manns Haltung nicht mehr zweifeln. In der Neuen Zürcher Zeitung hatte er sein Bekenntnis gegen das »Dritte Reich« abgelegt. Tatsächlich war man bis dahin in Berlin unsicher, ob man den Literaturnobelpreisträger ausbürgern sollte. Thomas Mann wusste, dass es nach seinem Artikel kein Zurück mehr gab: »Das Bewußtsein, dem niederträchtigen Regime einen zweifellos empfindlichen Schlag versetzt zu haben, erfüllt mich mit Genugtuung. Es wird sich nach Kräften zu rächen suchen. Möge es.«

Die Rache begann an just jenem ersten warmen Sommertag, dem 6. Mai 1936. Da unterschrieb der Gesandte des Deutschen Reichs in der Schweiz seinen Brief an das Auswärtige Amt in Berlin : Nachdem Thomas Mann »eindeutig gegen das Dritte Reich Stellung genommen und den bisherigen Langmut der deutschen Behörden gegenüber seiner Person mit höhnischen Bemerkungen bedacht hat«, teilte der Diplomat mit, »dürfte der Tatbestand des Artikels 2 des Gesetzes über den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit vom 14. 7. 1933 (feindselige Propaganda gegen das Reich im Ausland) erfüllt sein. Es bestehen daher diesseits keine Bedenken, das Ausbürgerungsverfahren gegen ihn nunmehr in die Wege zu leiten.«

Der Autor dieser klaren Worte war Ernst von Weizsäcker (1882 bis 1951), der Vater des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, damals einer der angesehensten deutschen Diplomaten: von 1938 an Staatssekretär unter Außenminister Joachim von Ribbentrop, dann, von 1943 an, Botschafter beim Vatikan. Seit 1933 hatte das Auswärtige Amt sich wegen des vorhersehbaren Ansehensverlustes stets gegen eine Ausbürgerung Manns ausgesprochen; nun gab es sein Einverständnis.

Ernst von Weizsäckers Schreiben entdeckte die 2005 vom damaligen Außenminister Joschka Fischer eingesetzte internationale Historikerkommission, welche die Geschichte des Auswärtigen Amts während des Nationalsozialismus sowie den Umgang mit dieser Vergangenheit nach 1945 erforschen sollte. Heute wird Guido Westerwelle ihren fast 900 Seiten starken Bericht offiziell entgegennehmen. Bereits vorab wurde lebhaft über die Ergebnisse debattiert. Der Kommissionsvorsitzende, der Marburger Historiker Eckart Conze, beschied knapp: »Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation.« Und der Achtundsechziger Joschka Fischer triumphierte: »Für mich bedeutet es zuerst und vor allem, dass sie den Nachruf bekommen, den sie verdient haben.«

Als Elite einer Elite glauben sie sich nach dem Krieg über Kritik erhaben

Gemeint sind die Exdiplomaten, die bereits im »Dritten Reich« Dienst taten und deren Nachrufpraxis der Minister 2004 änderte: Wer in der SA, SS oder NSDAP war, bekam keine Würdigung mehr im amtsinternen Mitteilungsblatt. Der Sturm der Entrüstung, der darüber unter den sogenannten Mumien, den pensionierten AA-Ministerialen, ausbrach, bewog Fischer damals zur Einsetzung der Historikerkommission.

Das Ergebnis ihrer Arbeit, der »Nachruf von 900 Seiten« (Fischer), ist nach allem, was wir über den Nationalsozialismus und dessen Nachwirken bereits wussten, keine Sensation. Aber es ist ohne Zweifel eines der wichtigsten zeithistorischen Bücher der letzte Jahre, zudem oft spannend zu lesen wie ein Thriller. Wie mit einem Zielscheinwerfer werden die Aktivitäten der Diplomaten vor und nach 1945 erhellt, Einzelschicksale und Strukturen zu einem dichten Gewebe verknüpft.

 

Bemerkenswert sind dabei nicht etwa die sich in Grenzen haltenden neuen Erkenntnisse über die Aktivitäten des Außenamts im »Dritten Reich«; viele Fakten über die diplomatische Unterstützung des Holocaust sind Fachleuten bereits bekannt. Neu hingegen ist eine dezidiert kritische, sich um objektivierende Zurückhaltung gar nicht erst bemühende Stoßrichtung gegenüber einer Institution, die sich selbst oft als weitgehend immune Insel im Nationalsozialismus inszeniert hat. Neu ist der sezierende Blick auf die elitäre Mentalität dieser Institution, die es dem Auswärtigen Dienst gleichsam als Elite einer Elite auch in der Bundesrepublik erlaubte, sich über Kritik erhaben zu fühlen. Und neu ist in diesem Buch der minutiöse Nachweis, wie alte Seilschaften in der Bundesrepublik Täterverfolgung verhinderten und neue Karrieren belasteter Diplomaten ermöglichten.

Insofern besteht das Verdienst der Historiker Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann und ihrer Mitarbeiter vor allem darin, dem Amt und der Öffentlichkeit noch einmal deutsche Kontinuitäten zu präsentieren. Nach Justiz, Wehrmacht und diversen Wirtschaftsunternehmen wird nunmehr ein vergleichsweise geschlossenes System wie das Auswärtige Amt offiziell mit seiner NS-Vergangenheit und deren Vertuschung konfrontiert.

Man darf gespannt sein, wie die renommierten konservativen Historiker Hans-Peter Schwarz, Horst Möller und Gregor Schöllgen, die bislang durch ihre Herausgeberfunktion in der traditionellen, fortlaufenden Edition Akten zur auswärtigen Politik eine privilegierte Stellung in der AA-Geschichtsdeutung einnahmen, auf diese Herausforderung durch ihre Kollegen reagieren. Das Politische Archiv des AA wird jedenfalls von der unabhängigen Kommission heftig kritisiert: Oft sei es nicht transparent genug und den Standards des Bundesarchivs weit unterlegen.

Basis für die reibungslose Integration der Diplomaten in die NS-Politik nach 1933 waren gemeinsame Positionen, die durch den Verbleib des nationalkonservativen Außenministers Constantin Freiherr von Neurath im Amt symbolisiert wurden. So war man sich einig, dass der Versailler Vertrags durch eine aggressive Außenpolitik revidiert werden sollte. Auch verband die Herren eine grundsätzlich antidemokratische Haltung und ein Oberschichtenantisemitismus (siehe auch das Gespräch mit Norbert Frei ).

Die Mordbilanzen der Einsatzgruppen werden gelesen und gegengezeichnet

»Unsereiner muß die neue Ära stützen. Denn was käme denn nach ihr, wenn sie versagte!«, schrieb Ernst von Weizsäcker im März 1933. Also wollte er der Regierung »alle Hilfe und Erfahrung« angedeihen lassen. »Die anti-jüdische Aktion zu begreifen fällt dem Ausland besonders schwer, denn es hat diese Judenüberschwemmung eben nicht am eigenen Leib verspürt«, kommentierte er die heftigen internationalen Reaktionen auf den Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April. Auch der später als 20.-Juli-Verschwörer hingerichtete Ulrich von Hassell, Botschafter in Rom, war angetan vom neuen Kurs und wollte »aktiver Kämpfer sein, d. h. mitbestimmen«. Einziger Spitzendiplomat, der 1933 aus dem Dienst schied, weil er unter den neuen Machthabern nicht arbeiten wollte, war Friedrich von Prittwitz und Gaffron, Botschafter in Washington.

In den folgenden Jahren organisierten die deutschen Diplomaten den von Hitler forcierten Wiederaufstieg Deutschlands zu einer europäischen Hegemonialmacht – den großen Krieg allerdings, den Hitler im Sinn hatte, scheuten sie noch. Folglich ernannte Hitler 1938 Joachim von Ribbentrop zum Amtschef, Weizsäcker wurde sein Staatssekretär. Die Studie schildert die Ausweitung des Amtes von 2600 Mitarbeitern 1938 auf 6500 1943 – eine Zäsur, wie oft behauptet, sei der Wechsel von Neurath zu Ribbentrop gleichwohl nicht gewesen: Die traditionelle Beamtenschaft blieb das funktionstüchtige Rückgrat; obere SS-Ränge und NSDAP-Mitgliedschaften bei Führungspositionen wurden jedoch zur Regel.

»Die deutschen Diplomaten waren nicht nur zu jedem Zeitpunkt über die Judenpolitik im Bilde, sie waren aktiv an ihr beteiligt.« Das fing bereits 1933 an. Im Krieg dann wird die von der Studie detailliert präsentierte Szenerie zu einem Panorama des Grauens: ob an der Wannseekonferenz 1942 mit Unterstaatssekretär Hans Luther oder bei der Deportation der ungarischen Juden 1944 vor Ort in Gestalt des Sondergesandten Edmund Veesenmayer – Diplomaten sind dabei und aktiv. Die Berichte der Einsatzgruppen nach ihren Vernichtungsaktionen werden im Amt gelesen und abgezeichnet; die Kultur- und Presseabteilungen betreiben antisemitische Propaganda. Und Franz Rademacher, von 1940 bis 1943 »Judenreferent« und als solcher mit der »Judenfrage« betraut, reist im Oktober 1941 nach Serbien, wo er Massenexekutionen und – deportationen koordiniert. Seine Kostenabrechnung gibt als Reisegrund an: »Liquidation von Juden in Belgrad«.

 

Auch wenn die Studie die diversen Charaktermischungen differenziert zu illustrieren vermag: Lichtgestalten im Amt trifft man kaum. Neben bekannten 20.-Juli-Namen wie Adam von Trott zu Solz oder Hans Bernd von Haeften war der mittlere Beamte Fritz Kolbe einer von ihnen: Er lieferte von 1943 bis 1945 dem US-Nachrichtendienst in Bern hochgeheime Informationen – in Bonn wird ihm eine Rückkehr ins Amt verwehrt, ein Übergangsgeld als Beamter verhindert. Er lebte als Handlungsreisender für Motorsägen. Rudolf von Scheliha, Leiter des Referats »Bekämpfung der feindlichen Greuelpropaganda«, wird 1942 als Spion verhaftet, zusammen mit seiner Ex-Mitarbeiterin Ilse Stöbe, die vermutlich für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hat. Beide werden hingerichtet.

Der brisantere, weil unbekanntere Teil des Kommissionsberichts betrifft die Jahre der Bundesrepublik. Das Netzwerk der »Ehemaligen« aus dem Amt in der Berliner Wilhelmstraße stellte sich gleich nach dem Krieg Entlastungszeugnisse aus. Im neuen Amt in Bonn rekrutierte man einander und schaute nicht so genau zurück.

Die Dreistigkeit, mit welcher der alte Korpsgeist unbelastete Quereinsteiger verdrängte, war ziemlich widerlich. Affären, Prozesse und Debatten zur braunen Vergangenheit gab es dabei immer wieder; am skandalösesten erscheint heute die Tätigkeit der »Zentralen Rechtsschutzstelle« im AA, geleitet vom einstigen NS-Staatsanwalt und Gaurichter Hans Gawlik, die im Ausland wegen Kriegsverbrechen gesuchten Deutschen Rechtsschutz gewähren sollte. In der Praxis entwickelte die Stelle einen »Warndienst West«, der mithilfe des Roten Kreuzes Kriegsverbrecher vor den Ländern warnte, in denen sie mit Haftbefehl gesucht wurden. Falls solche Skandale öffentlich wurden, stellten sich die jeweiligen Außenminister, selbst der einstige Emigrant Willy Brandt, in der Regel so lange wie möglich verständnisvoll vor ihre Beamten. Der geistige Wandel des Amts brauchte lange.

Zu den glänzenden Passagen des Buches gehört – aus der Feder von Annette Weinke – die Rekonstruktion des Wilhelmstraßenprozesses, in dem 1948/49 die außenpolitische Elite auf der Anklagebank saß, darunter Ernst von Weizsäcker. Virtuos agierten dessen Verteidiger, darunter vor allem der junge Hellmut Becker, nachmaliger Justiziar des Instituts für Sozialforschung von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, später Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Per Rundschreiben wurden Ehemalige aus dem AA um eidesstattliche Erklärungen gebeten, Entlastungszeugen organisierte man gut dotierte Posten in der Wirtschaft, und Chefankläger Robert W. Kempner wurde diffamiert und zermürbt. Auch die Presse machte mit, allen voran die damals stramm nationalistische ZEIT mit ihrem Chefredakteur Richard Tüngel und Marion Gräfin Dönhoff.

All das sind vielleicht legitime Mittel einer Verteidigung. Doch in der historischen Rückschau wird ersichtlich, dass in diesen Monaten der von der Verteidigung offensiv aufgebaute, langfristig verhängnisvolle Mythos vom »gesunden Kern des Amtes« – im Kontrast zur verbrecherischen Ribbentrop-Entourage – Gestalt annahm, auf den sich belastete »Ehemalige« stützen konnten.

Das Buch lässt keinen Zweifel daran, dass es in dem Prozess auch darum ging, für die traditionelle deutsche Oberschicht die Legitimität ihres gewohnten Führungsanspruchs auch bei der Gestaltung der neuen Demokratie zu verteidigen. Die Deutschen, die schon lange genug von alliierter »Bevormundung« hatten, wussten sie dabei auf ihrer Seite. Noch 1987, als Hans-Jürgen Döschers Pionierstudie Das Auswärtige Amt im Dritten Reich erscheint, gibt Marion Gräfin Dönhoff in der ZEIT Carl-Friedrich von Weizsäcker Raum für eine wolkige Verteidigung seines Vaters; der Rezensent des Buches ist ihr alter Weggefährte Theodor Eschenburg.

 

Richard von Weizsäcker, im Prozess als junger Hilfsverteidiger mit dabei, meinte in einem Interview mit der FAS, dass die Studie der Kommission »kein Buch über meinen Vater« sei. Dem wird man widersprechen müssen. Denn auch wenn der Altbundespräsident seinem Vater die »paradigmatische Rolle« absprechen will, welche die Kommission ihm zuschreibt, auch wenn er eine geheime, weil diktaturbedingt mündliche Wahrheit seines Vaters beschwört: Handlungen und Unterlassungen, Rücktrittsangebote und Unterschriften Ernst von Weizsäckers bleiben das Verständnis dafür, wie das Amt zur verbrecherischen Organisation werden konnte, von entscheidender Bedeutung. Sie werden in dieser Studie so präzise wie möglich dargestellt. So auch die unscheinbare Korrektur, die der Staatssekretär an einem Schreiben Franz Rademachers vom 20. März 1942 vornahm, bevor er es abzeichnete: Gegen die Deportation von 6000 Juden aus Frankreich nach Auschwitz erhebe das AA »keinen Einspruch«; Rademacher hatte ursprünglich »keine Bedenken« formuliert. Bedenken womöglich, Einspruch mitnichten: In dieser kleinen Korrektur steckt jene Haltung, durch die sich viele Diplomaten schuldig machten. Von den 6078 Deportierten lebten 1945 noch 180.

»Die tiefe, von tausend menschlichen, moralischen und ästhetischen Einzelbeobachtungen und -eindrücken täglich gestützte und genährte Überzeugung, daß aus der gegenwärtigen deutschen Herrschaft nicht Gutes kommen kann, für Deutschland und die Welt nicht« – diese Überzeugung hatte Thomas Mann in seinem Aufsatz für die Neue Zürcher Zeitung 1936 ausgesprochen, dazu die Einsicht, dass der Judenhass als »Versuch einer Abschüttelung zivilisatorischer Bindungen« zu deuten sei. Er zitierte zum Schluss den Dichter August von Platen: »Weit klüger ist’s, dem Vaterland entsagen, / Als unter einem kindischen Geschlechte / Das Joch des Pöbelhasses tragen.«

Der deutsche Gesandte Ernst von Weizsäcker musste sich von Thomas Mann gemeint fühlen. Er reagierte am 6. Mai 1936 auf seine Weise.

Heute, nach der Lektüre dieses bedrückenden Buches, bleibt neben den historischen Erkenntnissen eine moralische Lehre, ohne nachgeborene Selbstgerechtigkeit: Gerade diejenigen, die – neben den Verbrechern, karrieristischen Handlangern und kalten Funktionsträgern – bei jeder Unterschrift meinten, Patrioten zu sein, verhielten sich letztlich zutiefst unpatriotisch. Sie glaubten, mit dem Teufel spielen zu können – und verloren, weil sie zu seinen Akteuren wurden.

Patrioten waren vielmehr jene, die, aus welchen Motiven auch immer, die Tugend des Verrats übten und die nach 1945 vom Korpsgeist geächtet blieben – wie zum Beispiel Fritz Kolbe, wie zum Beispiel Rudolf von Scheliha, wie zum Beispiel die schöne Kommunistin Ilse Stöbe. Sie starb 1943 unter dem Fallbeil in Plötzensee, ihre Mutter später in Ravensbrück, ihr Halbbruder im Zuchthaus Brandenburg. Ihr Name fehlt noch immer auf der neuen, seit 2000 existierenden großen Gedenktafel im Auswärtigen Amt. Angehörige, die sich für sie engagierten, gab es ja keine mehr. Die Vergangenheit des Amtes, sie ist eben auch mit dieser Studie nicht vorbei.