Wie werden wir wohl in zehn Jahren auf die Turbulenzen zurückschauen, die die Niederlande seit der Jahrhundertwende erschüttern? Was bedeutet der Aufstieg des Populismus, die Debatte um Integration, die Karrieren von Männern wie Pim Fortuyn oder Geert Wilders? Ob wir es mit einer Übergangszeit zu tun haben oder mit einer längeren Phase der Stagnation, vielleicht sogar des Verfalls, ist schwer zu sagen. Vorerst jedoch gibt es gute Gründe anzunehmen, die Demokratie werde sich erneuern, wie der Historiker Niek van Sas geschrieben hat: »Die Niederlande erfinden sich wieder einmal neu. So wie in früheren kritischen Perioden, wie etwa um 1800 und 1900, vollzieht sich diese Neuerfindung in einer charakteristischen Dialektik von Eigenheit und Offenheit.«

Eines steht schon heute fest: Das Aufkommen des Populismus ist mehr als bloß ein Zwischenfall. Darauf deutet bereits der Umstand hin, dass die Parlamentswahlen 2010 denen von 2002 sehr ähneln. Damals wurde die rechtspopulistische Partei des ermordeten Pim Fortuyn zur zweitstärksten Kraft und kurzzeitig sogar Teil der Regierung. Völlig neu ist es also nicht, was derzeit passiert.

Aber noch etwas spricht für eine tiefer liegende Veränderung: Was derzeit in den Niederlanden geschieht, zeigt Parallelen zu Entwicklungen in europäischen Ländern wie Belgien, der Schweiz, Österreich, Dänemark, Italien, Frankreich, Schweden, Polen und Ungarn. Überall finden Parteien Zulauf, die gegen die europäische Einigung und gegen Migration sind. Ganz zu schweigen von vergleichbaren Bewegungen in den USA, die sich unter der Bezeichnung Tea Party gesammelt haben.

Die gegenwärtige Popularität von Geert Wilders macht eines deutlich: Die verbindende Kraft der traditionellen Parteien hat abgenommen. Seit 1918 lag der Stimmenanteil der drei politischen Hauptströmungen in den Niederlanden – Liberalismus, Sozialismus und Konfessionalismus – zwischen 80 und 90 Prozent. Während die drei Parteien 1986 noch 133 der 150 Abgeordneten stellten, reichte es bei den jüngsten Wahlen gerade noch für eine knappe Mehrheit von 82 Sitzen. Und laut letzten Umfragen würden auf die drei Parteien inzwischen nur noch 69 Sitze entfallen.

Angesichts dieser Ergebnisse war es nicht mehr möglich, eine Mehrheitsregierung zu bilden. Zugleich bietet die Situation dem Parlament aber auch Chancen. Nach langen Jahren, in denen die Regierung die Volksvertretung dominiert hat, könnte nun auch die Opposition Gelegenheit bekommen, Einfluss zu nehmen. Das könnte zu einer Belebung der Demokratie beitragen.

Wir stehen also am Schnittpunkt von zwei Entwicklungen: Die sozialen und kulturellen Spannungen haben zugenommen, während zugleich die Fähigkeit der klassischen Volksparteien abnimmt, diese Gegensätze zu überbrücken. In gewisser Weise ähneln die gegenwärtigen gesellschaftlichen Turbulenzen jenen der sechziger Jahre – mit einem großen Unterschied: Die damalige Rebellion stand im Zeichen der Suche nach mehr Freiheit, heute ist das Unbehagen vor allem ein Ausdruck der Sehnsucht nach mehr Sicherheit. Der Populismus lässt sich als eine Form des Protektionismus betrachten. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung sucht Schutz und Sicherheit.

Es herrscht Angst vor dem sozialen Abstieg, eine Angst, die natürlich bei denen am größten ist, die gerade in die untere Mittelklasse aufgestiegen sind. Neben diesem sozialen Konservatismus gibt es einen kulturellen. Dabei geht es um den Erhalt dessen, was als »nationale Identität« betrachtet wird.