Am 9. November 2009 gedenkt das ganze Land, nein, die ganze Welt des Mauerfalls. Angela Merkel, Gordon Brown, Nicolas Sarkozy, Dmitrij Medwedjew und Hillary Clinton spazieren stolz durchs Brandenburger Tor, als wären sie selbst die Helden gewesen, die die Mauer zum Einsturz gebracht haben. Robert Enke notiert in sein Tagebuch: »Ziege Geburtstag«, der Spitzname eines alten Freundes. Am nächsten Tag stellt er sich in der Nähe von Hannover einem Zug entgegen und beendet mit diesem Schritt auf die Gleise sein Leben. Robert Enke wurde 32 Jahre alt.

Elf Monate später, am 3. Oktober 2010, feiert das ganze Land den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung. Der Bundespräsident hält eine Rede zur deutschen Einheit. Am nächsten Tag sitzt Enkes Biograf Ronald Reng in einem Frankfurter Hotel, um vor Journalisten sein Buch Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben vorzustellen, und sagt: »Robert war 13 Jahre alt, als die DDR verschwand. Für sein weiteres Leben hatte das keine Bedeutung. Das ist das Ergebnis meiner Recherche.«

Ronald Reng sagt diese Sätze ganz leicht, ohne böse Absicht. Er sagt sie so, als gäbe es nichts Einfacheres, als eine Kindheit, eine Herkunft einfach so mit Worten abzuschneiden. Der Osten kommt in seinem Buch so gut wie nicht vor.

»In der Berichterstattung nach Roberts Tod ging sein Leben scheinbar erst im Westen los«, sagt ein früherer Klassenkamerad. Nach seinem Tod ist der Torwart in den Medien stets der Hannoveraner gewesen. Dabei war die Stadt nicht mehr als seine letzte Station im Fußball. Fünf Jahre lang hat er dort für Hannover 96 gespielt. Robert Enke stammt aus Jena. 1977 geboren, hat er hier 19 Jahre seines Lebens verbracht.

Die Viertel heißen Lobeda, Leutra, Maua, Paradies. Wenn man wissen will, warum die Menschen in der DDR vor 21 Jahren auf die Straße gegangen sind, dann muss man nach Jena fahren. In keiner anderen Stadt ist der Aufbau Ost zu so einer Erfolgsgeschichte geworden. Nur um den FC Carl Zeiss Jena hat das Glück in letzter Zeit einen Bogen gemacht. Im Moment spielt der Verein, in dem Enke mit 18 seinen ersten Profivertrag unterzeichnet hat, in der Dritten Liga.

Von hier aus ist Robert Enke 1996 in die große Welt des Profifußballs aufgebrochen. Von hier aus wäre es schon nach Hannover, in die Erste Liga, ein langer Weg. Enkes Weg aber ging weiter, er führte über Mönchengladbach, Lissabon, Barcelona, Istanbul, Teneriffa bis nach Hannover. Dieser Weg war voller Brüche, Widersprüche und voller Ungewöhnlichkeiten. Der Tod seiner Tochter Lara 2006 und seine Krankheit, die Depression, die heute den Blick auf sein Leben ein wenig verstellt. Daneben bleibt die Frage: Ist Robert Enke als ein Fremder gestartet, ist er sein Leben lang ein Fremder geblieben? Weil er aus dem Osten kam?

Für die Schriftstellerin Ines Geipel, geboren in Dresden, ist die Rezeption von Robert Enke nach seinem Tod »eine Enteignungsgeschichte« gewesen, die ihr sehr symbolisch vorgekommen sei. »Die Enke-Generation«, sagt sie, »soll nicht mehr ostdeutsch sein, weil die deutsche Großerzählung eine der Einheit ist.« Geipel war Ende der siebziger Jahre auf derselben Schule wie Robert Enke, auf der Kinder- und Jugendsportschule, der KJS. Ein langes Kapitel in ihrem neuen Buch Seelenriss wendet sich seiner Herkunft zu. Bei ihren Recherchen hat sie festgestellt, wie sehr die Freunde und Altersgenossen von Robert Enke innerlich an ihrer alten Heimat festhalten, wie sehr sie sich weigern, sich vom Ort ihrer Kindheit zu lösen: »Ich glaube, dass es in der Enke-Generation eine Beschädigung gibt, weil ihnen niemand eine Trauerarbeit zugesteht.«

Es gehört zum großen deutschen Einheitsmythos wie selbstverständlich dazu, dass nur die Älteren noch von der DDR geprägt wurden. Von den Jüngeren dagegen erwartet man, dass sie ohne Wenn und Aber im Westen angekommen sind. Männer wie Michael Ballack oder Robert Enke sollen nun die Protagonisten dieses Mythos sein. Eigentlich.