Robert Enke Der Fremde
Vor einem Jahr nahm sich Fußball-Nationaltorwart Robert Enke das Leben. Er ist in der DDR aufgewachsen und hat den Osten immer vermisst. Die Geschichte eines Heimatlosen.
© Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Robert Enke in seinem letzten Bundesliga-Spiel am 8. November 2009
Am 9. November 2009 gedenkt das ganze Land, nein, die ganze Welt des Mauerfalls. Angela Merkel, Gordon Brown, Nicolas Sarkozy, Dmitrij Medwedjew und Hillary Clinton spazieren stolz durchs Brandenburger Tor, als wären sie selbst die Helden gewesen, die die Mauer zum Einsturz gebracht haben. Robert Enke notiert in sein Tagebuch: »Ziege Geburtstag«, der Spitzname eines alten Freundes. Am nächsten Tag stellt er sich in der Nähe von Hannover einem Zug entgegen und beendet mit diesem Schritt auf die Gleise sein Leben. Robert Enke wurde 32 Jahre alt.
Elf Monate später, am 3. Oktober 2010, feiert das ganze Land den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung. Der Bundespräsident hält eine Rede zur deutschen Einheit. Am nächsten Tag sitzt Enkes Biograf Ronald Reng in einem Frankfurter Hotel, um vor Journalisten sein Buch Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben vorzustellen, und sagt: »Robert war 13 Jahre alt, als die DDR verschwand. Für sein weiteres Leben hatte das keine Bedeutung. Das ist das Ergebnis meiner Recherche.«
Ronald Reng sagt diese Sätze ganz leicht, ohne böse Absicht. Er sagt sie so, als gäbe es nichts Einfacheres, als eine Kindheit, eine Herkunft einfach so mit Worten abzuschneiden. Der Osten kommt in seinem Buch so gut wie nicht vor.
»In der Berichterstattung nach Roberts Tod ging sein Leben scheinbar erst im Westen los«, sagt ein früherer Klassenkamerad. Nach seinem Tod ist der Torwart in den Medien stets der Hannoveraner gewesen. Dabei war die Stadt nicht mehr als seine letzte Station im Fußball. Fünf Jahre lang hat er dort für Hannover 96 gespielt. Robert Enke stammt aus Jena. 1977 geboren, hat er hier 19 Jahre seines Lebens verbracht.
Die Viertel heißen Lobeda, Leutra, Maua, Paradies. Wenn man wissen will, warum die Menschen in der DDR vor 21 Jahren auf die Straße gegangen sind, dann muss man nach Jena fahren. In keiner anderen Stadt ist der Aufbau Ost zu so einer Erfolgsgeschichte geworden. Nur um den FC Carl Zeiss Jena hat das Glück in letzter Zeit einen Bogen gemacht. Im Moment spielt der Verein, in dem Enke mit 18 seinen ersten Profivertrag unterzeichnet hat, in der Dritten Liga.
Von hier aus ist Robert Enke 1996 in die große Welt des Profifußballs aufgebrochen. Von hier aus wäre es schon nach Hannover, in die Erste Liga, ein langer Weg. Enkes Weg aber ging weiter, er führte über Mönchengladbach, Lissabon, Barcelona, Istanbul, Teneriffa bis nach Hannover. Dieser Weg war voller Brüche, Widersprüche und voller Ungewöhnlichkeiten. Der Tod seiner Tochter Lara 2006 und seine Krankheit, die Depression, die heute den Blick auf sein Leben ein wenig verstellt. Daneben bleibt die Frage: Ist Robert Enke als ein Fremder gestartet, ist er sein Leben lang ein Fremder geblieben? Weil er aus dem Osten kam?
Für die Schriftstellerin Ines Geipel, geboren in Dresden, ist die Rezeption von Robert Enke nach seinem Tod »eine Enteignungsgeschichte« gewesen, die ihr sehr symbolisch vorgekommen sei. »Die Enke-Generation«, sagt sie, »soll nicht mehr ostdeutsch sein, weil die deutsche Großerzählung eine der Einheit ist.« Geipel war Ende der siebziger Jahre auf derselben Schule wie Robert Enke, auf der Kinder- und Jugendsportschule, der KJS. Ein langes Kapitel in ihrem neuen Buch Seelenriss wendet sich seiner Herkunft zu. Bei ihren Recherchen hat sie festgestellt, wie sehr die Freunde und Altersgenossen von Robert Enke innerlich an ihrer alten Heimat festhalten, wie sehr sie sich weigern, sich vom Ort ihrer Kindheit zu lösen: »Ich glaube, dass es in der Enke-Generation eine Beschädigung gibt, weil ihnen niemand eine Trauerarbeit zugesteht.«
Es gehört zum großen deutschen Einheitsmythos wie selbstverständlich dazu, dass nur die Älteren noch von der DDR geprägt wurden. Von den Jüngeren dagegen erwartet man, dass sie ohne Wenn und Aber im Westen angekommen sind. Männer wie Michael Ballack oder Robert Enke sollen nun die Protagonisten dieses Mythos sein. Eigentlich.
- Datum 28.10.2010 - 13:57 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 28.10.2010 Nr. 44
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Daumen hoch für Jana Hensel
dass es so weitergehen muss. Ich konnte schon mit Frau Hensels letztem Artikel "Wir Ostdeutschen sind anders" nicht viel anfangen und das obwohl gerade ich mich als Ostdeutscher "Migrant gen Westen" davon hätte angesprochen fühlen müssen. Das Problem mit Frau Hensels Artikeln ist nicht, dass sie nicht Wahrheiten oder Fakten enthalten würden, sondern das sie polemisch und auseinandertreibend geschrieben sind. Wenn Bernd Schneider nach 10 Jahren (!!) bei einem einzigen Verein (!!) wieder nach Jena zurückkehrt, liegt das WOHL daran, dass er in Lev. nicht heimisch geworden ist. Weil Robert Enke ein Ossi ist, muss er sich WOHL auch wie ein Fremder in Hannover gefühlt haben. Vermutungen und Mutmaßungen! Aus der Vita von Frau Hensel lese ich nur schwer "Westdeutsche Erfahrungen" heraus, aber Abgrenzen von West und Ost beherrscht sie dafür umso mehr! Ich persönlich habe in über 7 Jahren "Westdeutscher Erfahrung" keinerlei Ausgrenzung erfahren.
Die konsequente Hochhaltung der Ostdeutschen "Tugenden", das Zusammengehörigkeitsgefühl was NUR die Ostdeutschen besitzen, eine Menschlichkeit die man NUR in Ostdeutschland antreffen kann habe ich leider nicht allzu oft erlebt, im Osten. Für mich als knapp 30-jährigen nimmt sich das Leben untereinander zwischen Ost und West nicht viel. Nur soviel ist klar: Das Beiträge wie der von Frau Hensel dazu führen, dass in Ostdeutschland ein falsches Selbsbewusstsein wächst - nämlich das Gefühl von Anderssein, was so wunderbar dem Zeitgeist entspricht.
bei allem Mitgefühl für den gefühlten Verlust von Heimat, aber mir lag's schon bei Ihrem 'Wir Zonenkinder' auf der Zunge: aus der Heimat seiner Kindheit wird jeder Mensch vertrieben.
Das schreibe ich zögerlich, weil ich sehr gut weiß, daß dem Osten eine Identität übergestülpt wurde und 'Wiedervereinigung' eine mißverständliche Vokabel ist, handelte es sich doch weit eher um Übernahme.
Irgendwie liest sich der Artikel so, als ob es Menschen in der ehemaligen DDR ganz anders als allen anderen gegangen wäre. Aber wenn man sich selbst betrachtet, vergisst man nie seine eigene Herkunft, egal wo man her kommt. Und es passiert auch allen, dass sie auf den Arm genommen werden, wenn sie anderswo hinkommen: Bei mir war es z. B. sogar so, dass ich im Schwarzwald immer als "Bayer" abgestempelt wurde, obwohl ich aus dem BW Allgäu stamme, und alles wurde passend zum Bierzelt Bayern hingedreht.
Das gleiche gilt für meinen derzeitigen Aufenthaltsort in Italien, wo spasseshalber vorausgesetzt wird, dass ich (als Deutscher) mich vorwiegend von Bier und Bratwurst ernähre, obwohl es nicht stimmt.
Es dauert seine Zeit, bis man sich wo eingelebt hat, aber wenn man den richtigen Menschen begegnet und Spaß versteht, schafft man es. Und das schlimmste, was man tun kann, ist, seine eigene Herkunft zu verleugnen.
Nun zu Robert Enke: Ich denke nicht, dass es sein "nicht in Jena sitzen" war, was ihn zur Verzweiflungstat getrieben hat. Es war der Verlust eines der beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben, seiner Tochter, gepaart mit dem traurigen Umstand, dass er zu Depressionen neigte.
In Jena wäre zwar die Wahrscheinlichkeit höher gewesen, dass ihn jemand an seiner Tat hindert, weil mehr Bekannte um ihn herum gewesen wären. Aber sicher verhindert hätte dieser Umstand den Freitod nicht. Es ist zu schwer, ein Kind zu verlieren. Auch wenn man nicht unter Depressionen leidet.
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Und wenn ein Mensch völlig verzweifelt, dann tut er das egal wo auf der Welt. Und egal, woher er kommt.
Ich denke ganz oft an Robert Enke. Und denke, man hätte ihm helfen können. Aber was wissen wir denn überhaupt.... Nichts.
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Und wenn ein Mensch völlig verzweifelt, dann tut er das egal wo auf der Welt. Und egal, woher er kommt.
Ich denke ganz oft an Robert Enke. Und denke, man hätte ihm helfen können. Aber was wissen wir denn überhaupt.... Nichts.
Nach der Lektüre dieses schwachen Werkes will man das neue ZEIT-Magazin ja gar nicht mehr aufblättern.
Sie irren, wenn Sie schreiben, dass auf jede Depression eine Besserung erfolgt und das ein "Psychiater" sagt eine Depression halte nicht ein ganzes Leben lang ist auch eher unwahrscheinlich, ist doch die korrekte Formulierung hier: "Es kommt darauf an"; nämlich auf Ursachen (biologische/kognitive/ exogene). Abhängig von den Ursachen ist eine Depression behandelbar oder eben nicht und möglicherweise bleibt sie eben auch ein Leben lang Begleiter. Entsprechend ist Ihre Vorverurteilung falsch und zudem von genau jenen Vorurteilen geprägt, die Sie selbst als veränderungswürdig anführen.
Ob man Robert Enke ein Denkmal setzen sollte, ist eine Frage. Es gibt viele Menschen die an dieser Krankheit leiden und die erhalten auch kein Denkmal. Ich selbst komme aus Hannover und bin Hannover 96 Fan und fand es einfach nur sehr traurig. Nun aber zu der Krankheit Depression: Diese Erkrankung hat viele Gesichter - wie alle psychischen Erkrankungen. Das Problem ist die Hoffnunglosigkeit. Ein Mensch mit Depression glaubt eben in der Regel nicht an eine Besserung! Weiterhin kann diese Erkrankung mit einem stark verzerrten Denken und mangelndem Selbstbewusstsein einhergehen. Menschen mit dieser Erkrankung begehen oft Suizid, eben weil sie an ihre Familie denken. Sie haben das Gefühl eine Last für sie zu sein und haben den Glauben, dass die Familie ohne sie viel besser zurecht käme. Das ist das perfide an einer Depression. Robert Enke hat Therapie gemacht, aber scheinbar hat ihm diese bis zu seinem Todestag nicht geholfen, seine Gefühlsverfassung oder auch seine Denkmuster so zu verändern, um diesen Schritt eben nicht zu gehen. Man sollte vorsichtig mit Verurteilungen sein, wenn Menschen diesen Schritt gehen. Ein großer Teil der Gesellschaft hat noch immer nicht verstanden, dass eine Depression eine sehr ernsthafte psychische Erkrankung ist, die eben nicht immer zu heilen ist!
..und so wenig Inhalt. Es wirkt, als benutzte man prominente Namen um seine "gefühlten" Fakten etwas strahlender darzustellen.
Übrigens, Frau Hensel: Auch Ronald Reng, der die Biografie über Enke geschrieben hat, war ein Freund von Robert Enke.
Die beiden wollten das Buch eigentlich zusammen verfassen, durch den Tod Enkes ist nichts mehr daraus geworden.
Könnte man mal erwähnen. Aber Reng ist halt aus dem Westen, das passt dann wohl nicht so gut ins Bild.
Ich habe tiefen Respekt vor Robert Enke, der, soweit man das von jemandem sagen kann, den man nur aus den Medien kennt, ein beeindruckender Mensch gewesen sein muss. Er hat es nicht verdient, dazu "missbraucht" zu werden um die etwas kruden Thesen von Entwurzelung der "Generation Mittdreißiger" aus dem Osten aufzupeppen.
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