Deutschland hat die Rückkehrer entdeckt – die Türken, die sich von Deutschland abkehren. Die Abwanderung ist heute größer als die Zuwanderung. Die Rückkehrer sind, so heißt es, ungehalten, weil sie sich diskriminiert fühlen. Oder sie sind undankbar, weil das Land ihnen doch einiges geboten hat. Es sind die Fachkräfte, die verloren gehen. Ausgerechnet die besten! Stimmen die Urteile? Warum verlassen Türken Deutschland?

Istanbul, 16 Millionen Menschen, Stein gewordene Verheißung – hier sind die meisten gerade erst angekommen, auch viele Rückkehrer. Ayca Abaci sitzt im Restaurant 360GradIstanbul. Ein voll verglaster Ausgehtempel hoch über der nächtlichen Stadt. Abaci ist IT-Spezialistin bei Mercedes vor den Toren Istanbuls. Zurückgebundene Haare, moderne Brille, schnelle Zunge. Die 33-Jährige ist genau der Typ, von dem in Deutschland so viele reden, ging in Niederbayern zur Schule, studierte Wirtschaftsinformatik, bekam in München sofort einen Job, spricht perfekt deutsch und türkisch, gut englisch. Wer wissen will, warum sie und andere nun in Istanbul leben, muss drei Fragen stellen: nach dem Aufwachsen, dem Auswandern und dem Zurückblicken auf Deutschland.

Aufwachsen in Neustadt an der Donau war für Ayca Abaci stete Arbeit an der Integration. Ein Kopftuch wollte sie irgendwann mal tragen. Für ihren Vater, einen Schweißer, kam das nicht in Frage: »Wir sind hier in Deutschland, wir passen uns an.« Mit der Mutter malte die junge Muslimin Eier zum Osterfest an. Sie spielte Tischtennis, ging mit Akkordeon aufs Stadtfest. Ihr Bruder studiert am Mozarteum in Salzburg Operngesang. Eigentlich ging alles gut, trotz des Schocks in der Kindheit, als neben ihr in der Schule ein Platz frei war, und ein deutsches Mädchen sagte: »Nee, neben der Negerin da mag ich nicht sitzen.«

Um die Grafik zu vergrößern, klicken Sie auf das Bild © ZEIT-Grafik/ Quelle: Statistisches Bundesamt

Solche Geschichten haben alle Rückkehrer zu erzählen. Hasan Ali San nimmt zwischen zwei Terminen am Sonntagvormittag am Bosporus eine Auszeit. Schnell einen Tee trinken und die Schiffe schaukeln sehen. Es sind einige mehr als auf der Spree in Berlin-Moabit, wo er aufgewachsen ist. Gymnasium, dann ein Doppelstudium mit Ausbildung zum Architekten und Großhandelskaufmann. Arbeit als freier Architekt im bauwütigen Berlin. Grund zum Selbstbewusstsein. Und trotzdem beschlich den 43-Jährigen in Berlin manchmal ein dummes Gefühl: »Sobald du falsch parkst, kommt der Gedanke auf, man hätte sich vielleicht nicht richtig integriert.«

Integration hat viel mit Wohlfühlen zu tun. Șükriye Dönmez wartet in ihrem Istanbuler Lieblingscafé im Stadtteil Cihangir: Graffiti an der Wand, Stühle auf dem Bürgersteig, erst Cappuccino, dann Rotwein. Für die 40-jährige Kreuzbergerin ist das »wie zu Hause«, ein Stadtteil voller »Künstler, Intellektueller, Penner, Proleten, Schickimicki-Leute«. Hier schreibt die erfolgreiche Schauspielerin und Filmemacherin ihre Skripte, derzeit eine Comedy-Serie über Deutschtürken, die auswandern. Dönmez spielte in Kurz und schmerzlos, Fatih Akins erstem langen Spielfilm von 1998, es war auch ihr erster als Schauspielerin. Sie sagt, was viele Rückkehrer empfinden: »In Deutschland war ich zu Hause und wurde wie eine Fremde behandelt. Hier muss ich mich integrieren, werde aber nicht als Fremde behandelt.« Was in Deutschland nervte, war die ständige Rechtfertigung dafür, dass sie Türkin war. Fragen wie: »Musst du nicht Kopftuch tragen?« – »Was hältst du von Ehrenmord?« Dönmez antwortete am Ende nur noch mit ihrer Mischung aus Impulsivität und Ironie: »Steh ich voll drauf!«

Ein Grund zum Auswandern? Nicht wirklich. Die große Enttäuschung für Șükriye Dönmez kam vom Staat. Sie hat jahrelang um einen deutschen Pass gekämpft. 1998 bewarb sie sich das erste Mal darum. Nach einem zähen Anwaltskrieg verweigerte man ihr 2004 endgültig die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie konnte als Freiberuflerin kein regelmäßiges Einkommen nachweisen. »Gehen Sie doch putzen«, war der gute Rat einer Sachbearbeiterin. Am Ende lehrte Dönmez, um Geld zu verdienen, Deutsch für Migranten. Das macht sie nebenbei auch in Istanbul, beim Goethe-Institut. »Hier fange ich noch mal von null an.« Und das reizt sie.