Türkei : Brezeln für den Bosporus

Viele gut ausgebildete Deutschtürken gehen in die Türkei zurück. Und bleiben dabei überraschend deutsch.
"Istanbul ist fast wie Kreuzberg, nur zum Fahrradfahren zu gefährlich" © Louisa Gouliamaki/ AFP/ Getty Images

Deutschland hat die Rückkehrer entdeckt – die Türken, die sich von Deutschland abkehren. Die Abwanderung ist heute größer als die Zuwanderung. Die Rückkehrer sind, so heißt es, ungehalten, weil sie sich diskriminiert fühlen. Oder sie sind undankbar, weil das Land ihnen doch einiges geboten hat. Es sind die Fachkräfte, die verloren gehen. Ausgerechnet die besten! Stimmen die Urteile? Warum verlassen Türken Deutschland?

Istanbul, 16 Millionen Menschen, Stein gewordene Verheißung – hier sind die meisten gerade erst angekommen, auch viele Rückkehrer. Ayca Abaci sitzt im Restaurant 360GradIstanbul. Ein voll verglaster Ausgehtempel hoch über der nächtlichen Stadt. Abaci ist IT-Spezialistin bei Mercedes vor den Toren Istanbuls. Zurückgebundene Haare, moderne Brille, schnelle Zunge. Die 33-Jährige ist genau der Typ, von dem in Deutschland so viele reden, ging in Niederbayern zur Schule, studierte Wirtschaftsinformatik, bekam in München sofort einen Job, spricht perfekt deutsch und türkisch, gut englisch. Wer wissen will, warum sie und andere nun in Istanbul leben, muss drei Fragen stellen: nach dem Aufwachsen, dem Auswandern und dem Zurückblicken auf Deutschland.

Aufwachsen in Neustadt an der Donau war für Ayca Abaci stete Arbeit an der Integration. Ein Kopftuch wollte sie irgendwann mal tragen. Für ihren Vater, einen Schweißer, kam das nicht in Frage: »Wir sind hier in Deutschland, wir passen uns an.« Mit der Mutter malte die junge Muslimin Eier zum Osterfest an. Sie spielte Tischtennis, ging mit Akkordeon aufs Stadtfest. Ihr Bruder studiert am Mozarteum in Salzburg Operngesang. Eigentlich ging alles gut, trotz des Schocks in der Kindheit, als neben ihr in der Schule ein Platz frei war, und ein deutsches Mädchen sagte: »Nee, neben der Negerin da mag ich nicht sitzen.«

Um die Grafik zu vergrößern, klicken Sie auf das Bild © ZEIT-Grafik/ Quelle: Statistisches Bundesamt

Solche Geschichten haben alle Rückkehrer zu erzählen. Hasan Ali San nimmt zwischen zwei Terminen am Sonntagvormittag am Bosporus eine Auszeit. Schnell einen Tee trinken und die Schiffe schaukeln sehen. Es sind einige mehr als auf der Spree in Berlin-Moabit, wo er aufgewachsen ist. Gymnasium, dann ein Doppelstudium mit Ausbildung zum Architekten und Großhandelskaufmann. Arbeit als freier Architekt im bauwütigen Berlin. Grund zum Selbstbewusstsein. Und trotzdem beschlich den 43-Jährigen in Berlin manchmal ein dummes Gefühl: »Sobald du falsch parkst, kommt der Gedanke auf, man hätte sich vielleicht nicht richtig integriert.«

Integration hat viel mit Wohlfühlen zu tun. Șükriye Dönmez wartet in ihrem Istanbuler Lieblingscafé im Stadtteil Cihangir: Graffiti an der Wand, Stühle auf dem Bürgersteig, erst Cappuccino, dann Rotwein. Für die 40-jährige Kreuzbergerin ist das »wie zu Hause«, ein Stadtteil voller »Künstler, Intellektueller, Penner, Proleten, Schickimicki-Leute«. Hier schreibt die erfolgreiche Schauspielerin und Filmemacherin ihre Skripte, derzeit eine Comedy-Serie über Deutschtürken, die auswandern. Dönmez spielte in Kurz und schmerzlos, Fatih Akins erstem langen Spielfilm von 1998, es war auch ihr erster als Schauspielerin. Sie sagt, was viele Rückkehrer empfinden: »In Deutschland war ich zu Hause und wurde wie eine Fremde behandelt. Hier muss ich mich integrieren, werde aber nicht als Fremde behandelt.« Was in Deutschland nervte, war die ständige Rechtfertigung dafür, dass sie Türkin war. Fragen wie: »Musst du nicht Kopftuch tragen?« – »Was hältst du von Ehrenmord?« Dönmez antwortete am Ende nur noch mit ihrer Mischung aus Impulsivität und Ironie: »Steh ich voll drauf!«

Ein Grund zum Auswandern? Nicht wirklich. Die große Enttäuschung für Șükriye Dönmez kam vom Staat. Sie hat jahrelang um einen deutschen Pass gekämpft. 1998 bewarb sie sich das erste Mal darum. Nach einem zähen Anwaltskrieg verweigerte man ihr 2004 endgültig die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie konnte als Freiberuflerin kein regelmäßiges Einkommen nachweisen. »Gehen Sie doch putzen«, war der gute Rat einer Sachbearbeiterin. Am Ende lehrte Dönmez, um Geld zu verdienen, Deutsch für Migranten. Das macht sie nebenbei auch in Istanbul, beim Goethe-Institut. »Hier fange ich noch mal von null an.« Und das reizt sie.

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Kommentare

50 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Kehrt die Zeit zu sachlichem Journalismus zurück?

Endlich mal wieder ein Zeit-Artikel (zum Thema Integration) der nicht einem politischen Pamphlet gleicht, sondern auf differenzierte Art und Weise ein gesellschaftliches Phänomen beleuchtet. Hatte schon befürchtet, dass es bei der Zeit gar keine Qualitätsjournalisten mehr gibt. Sie sollten vielleicht auf der nächsten Redaktionssitzung diskutieren, wie die Zeit wieder dazu beitragen kann, dass die Integrationsdebatte weniger emotional und etwas differenzierter geführt wird.

@baywatch: Vielleicht werden wir nicht gesehen

Immer wenn so ein Thema aufkommt, gibt es Stimmen, die behaupten, es würde sich nur um wenige Betroffene handeln.
Zwei junge Deutsch-Türken, die sich in der Ubahn laut unterhalten, bemerkt jeder. Aber die gut ausgebildeten Deutsch-Türken fallen einfach nicht auf-wie es sich gehört. Im Gegensatz zu der öffentlichen Meinung, sind wir nicht alle dunkel, haben eine markante Nase und dicke Augenbrauen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen den äußerlichen Merkmalen eines Türken aus Anatolien und der West-Türkei. Wenn ich irgendwo Menschen kennenlerne und irgendwann äußere, dass ich türkischer Herkunft bin, will man das nicht glauben."Ich dachte, Sie wären italienischer Herkunft." "Sie sehen so spanisch aus." "ich hätte wirklich auf Portugal getippt. Das ist ja ein Ding." Ich will die Probleme nicht ignorieren,aber für manche von uns ist dieses gesellschaftliche Ausschließen und der Verdacht, anders zu sein,unangenehm anders zu sein, wirklich unerträglich. Leider trifft es auch jene von uns, die für das schlechte Bild in der Öffentlichkeit nichts können.

Istanbul statt Isenbüttel?

Guten Abend,

es ist eine quälende Erfahrung, hierzulande allein aufgrund des mediterranen Erscheinungsbildes als beruflich disqualifiziert zu gelten. Die Türen, die sich aufgrund eines türkischen Namens in der BRD oft schließen, stehen in der Türkei für Deutsch-Türken sperrangelweit offen. Einige - z.T. nicht einmal indigene - Deutsche versäumen es, gut ausgebildete Türken als Chance und Glücksfall für das Gemeinwohl wahrzunehmen. Istanbul statt Isenbüttel? Vielleicht, auch wenn Deutschland für die allermeisten "Heimat" ist.

Mit freundlichem Gruß
AU

Warum stets wechseln:Deutsch-Türken > Türken?

""""Q" Die Türen, die sich aufgrund eines türkischen Namens in der BRD oft schließen, stehen in der Türkei für Deutsch-Türken sperrangelweit offen. Einige - z.T. nicht einmal indigene - Deutsche versäumen es, gut ausgebildete Türken als Chance und Glücksfall für das Gemeinwohl wahrzunehmen."""""

Ich glaube es muss nun einmal eindeutig heissen:

Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund
statt
Deutsch-Türken,
diese Nation gibt es nicht, vielleicht im Traum von Erdogan

und dann, wenn es Ihnen opportun ist, bezeichnen Sie dieselbe Gruppe wieder als Türken.

Bei soviel hin und her geschüttele muss es den Leuten ja schwindlig werden.

Legen Sie sich zuerst einmal fest:
Entweder Sie sind deutsch oder Sie sind türkisch.

Türke? Deutscher? Deutsch-Türke?

Ihre Begrifflichkeiten sind ohne genaue Beschreibung des Terms "Deutscher" ihrerseits irreführend.
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Einer meiner Verwandten lebt seit 30 Jahren in den USA, seine drei Kinder sprechen fließend englisch, aber kaum türkisch. Wenn die Beherrschung einer jeden Sprache eine bislang im Schatten verbliebene Seite der eigenen Persönlichkeit aufdeckt, muß ich etwas Derartiges als fatal bezeichnen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich überall dort gut lebe, wo ich die jeweilige Sprache spreche, also nicht nur in Deutschland und in der Türkei...
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Jeder sollte viele Sprachen lernen, für ein Kind mit türkischen Eltern eignet sich als "weitere" Muttersprache türkisch hervorragend.

Opfer einer fehlenden Differenzierung

Wir leben in einer Gesellschaft, die immer weniger Menschen gerecht wird. Der Bedarf nach Differenzierung, gerade im Bereich der Immigration, ist enorm und kann insgesamt von Gesellschaft und Politik immer weniger umgesetzt werden. Zusätzlich gibt es genügend Differenzierungsverweiferer: in der Politik, bei den türkischen Verbänden und bei Journalisten, die hartnäckig ignorieren, dass der allergrößte Teil der (türkischen) Immigranten eben nicht dem Bild entspricht, dass sie bevorzugt wiedergeben möchten. Das Ignorieren von gescheiterter Integration kann langfristig nicht im Interesse derjenigen sein, deren Integration eigentlich gelungen ist.