Der Kampf der Siebenjährigen gegen die Sächsische Staatsregierung mündet in eine Tortenschlacht auf Leipzigs Augustusplatz. Es ist ein Kuchenbasar wider den Kultusminister. Die Kinder haben ein Plakat gemalt, Filzstift auf Bastelpapier, ein Hilferuf in Schreiblernschrift, da steht: »Wir sind da gegendas Freien Schulen das Geld gekürzt würt.« Es ist ein Satz von entzückender Unbedarftheit; ein entwaffnender Satz, der in Dresden beachtet werden soll, wo der Landtag im Dezember entscheidet, wer diesen Kampf gewinnen wird. Es sieht nicht gut aus für den Kultusminister.

Dieser, der 40-jährige CDU-Politiker Roland Wöller, hat zur Schlacht gegen Freie Schulen gerufen, und man gewinnt den Eindruck, es überrasche ihn, wie viele gekommen sind – um sich zu wehren. Wegen seiner Sparpläne für die kommenden zwei Jahre bangen etliche Bildungsträger um ihre Existenz. 148 Bastionen bürgerlichen Engagements, vielfach von Elterninitiativen getragene Grundschulen, Mittelschulen, Gymnasien; fast alle mit dreimal so vielen Anmeldungen wie Plätzen, stehen plötzlich infrage. Freie Schulen, so will es das Kultusministerium, sollen pro Schüler rund elf Prozent weniger Geld vom Freistaat erhalten. Sozial schwachen Familien soll das Schulgeld nicht länger erstattet werden. Schulneugründungen will man erschweren. Es ist ein Schritt zurück in Richtung eines staatlichen Schulmonopols. Aus blanker Konkurrenzangst, glauben die einen.

»Wir müssen die Kannibalisierung staatlicher Einrichtungen dämpfen«, erklärte der andere, Kultusminister Wöller selbst, im Juni einer Zeitung. Es sagt viel über seine Haltung, man würde ihn gerne danach fragen. Doch Wöller spricht nicht mehr. Man sei nicht länger Herr des Verfahrens, begründet das Ministerium. Was doppelt stimmt. Aus juristischer Sicht; der Haushaltsentwurf der Regierung liegt beim Landtag. Es stimmt aber auch wörtlich.

Ein ungekannter Proteststurm hat dazu geführt, dass vom Entwurf des Ministers am Ende wenig bleiben wird. Noch in den kommenden Tagen dürfte im Streit eine Einigung verkündet werden. Der Groll, der sich gegen Wöller richtet, kommt von Verbänden und Parteien, er kommt aus der eigenen Regierungsfraktion, vor allem kommt er aus den Kirchen, denen sich ein Drittel der Freien Schulen zugehörig fühlt. Im ganzen Freistaat kämpfen nun Menschen, vornehmlich Wendebewegte. Für sie sind Privatschulen eine Errungenschaft, nach Jahrzehnten realsozialistischer Einheitsbildung.

Wie für Gerhard Voigt, 50 Jahre alt, Vertriebsmitarbeiter einer Sportzeitschrift. Feierabends beginnt sein neuer Job, als stellvertretender Schulelternsprecher des Freien Gymnasiums Mylau im Vogtland. Voigt, ein Mann in Jeans und Jeansjacke, wird zum Mann, der Hunderte Briefe schreibt, der Abgeordnete trifft und Eltern berät und der jetzt immer eine schwarze Dokumentenmappe mit sich trägt. Zahlen und Diagramme, sagt Voigt, sie zeigten das ganze Problem. Das Gymnasium in Mylau heißt Futurum, das soll weltgewandt klingen und zukunftsträchtig, aber die Zukunft ist in Gefahr, glaubt Voigt. »Wir haben das Gefühl«, sagt er, »dass man hier missliebige Konkurrenz loswerden will.« Dass man sie über den neuen Haushalt abzuwickeln versuche, ohne Diskussion. Sie bauen in Mylau eine Burg zum Schulhaus um, das über dem Göltzschtal thront. Das Futurum, diese Schule in Trägerschaft eines Vereins vogtländischer Bürger, war zu groß geworden für das eigentliche Schulgebäude, aus dem sich der Staat längst verabschiedet hatte. Gerade bewarben sich 79 Schüler um 44 Plätze.

»Artikel 7, Absatz 4«, sagen Leute wie Voigt und meinen das Grundgesetz: »Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen«, steht da, »wird gewährleistet.« Aber zur Gewährleistung, erklären sie, gehöre auch, dass man es sich leisten kann. In ganz Sachsen gibt es plötzlich Eltern wie Gerhard Voigt, die mit Mappen und Jeansjacken und Kindern gegen den Kultusminister kämpfen, einen Mann, der Anzüge trägt und keine Kinder hat, und Gerhard Voigt kann sehr genau sagen, warum er kämpft. »Ich hatte eigentlich nichts mit Reformpädagogik am Hut«, sagt Voigt. Dann erzählt er von »Stammgruppen« und »Lernjobs«, von »Flüsterzeiten« und dem »Logbuch«, es klingt, als wäre die Schule ein Raumschiff und sein Sohn der Kapitän. Es gibt hier Altersmischung, es gibt Klassenräume, die wie Jugendzimmer aussehen, es gibt helle Holzregale und viel Ikea. Es ist wahrlich nicht alles besser als in einer staatlichen Schule. Aber anders. »Das hier ist nicht nur Schule«, sagt Voigt, »es ist Lebensstil, der mir nahekommt. Es gibt hier so vieles, von dem ich denke: Es kann nur gut sein für meinen Zwerg.« Doch wenn die Sparpläne umgesetzt werden, fehlen im Reich des Zwergs 1,17 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren. »Dann können wir zumachen«, sagt Futurum-Geschäftsführer Christoph Rabbeau.