Michael Czupallas Auftritt beginnt erst nach der Show. Eben stand der Landrat noch auf der Bühne des Berliner Friedrichstadtpalastes, wo er den Medienpreis Goldene Henne in der Kategorie Charity verliehen hat. Doch richtig wohl fühlt er sich erst ohne Scheinwerfer, zwischen den Unternehmern und Prominenten auf der Aftershow-Party. Sein graues Haar ist wie stets glatt nach hinten gekämmt, sein Schnauzer getrimmt, sein Einstecktuch lugt knitterfrei aus der Jacketttasche. Mal bleibt er bei einem Grüppchen stehen, schüttelt die Hand der Schauspielerin Simone Thomalla, spricht mit Geschäftsleuten. Vielleicht ergibt sich ja etwas für den Landkreis.

Den Abend in Berlin nutzt er aber auch, um seine Macht in der Lokalpolitik zu festigen. Als Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes sponsert er die Goldene Henne der Super Illu . Auf seine Einladung hin feiern auch der Chefarzt des Kreiskrankenhauses Delitzsch, der Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung und eine Dezernentin aus dem Landratsamt mit den Stars. Czupalla ist in seinem Element, als Strippenzieher.

»Don Czupa«, wie ihn einige in Nordsachsen nennen, regiert einen mit 2000 Quadratkilometern relativ großen Landkreis, 1300 Mitarbeiter hat er unter sich, an vier Amtssitzen. 14-Stunden-Arbeitstage sind die Regel. Das geht seit 20 Jahren so. Der in Delitzsch geborene CDU-Politiker wurde bereits vier Mal als Landrat wiedergewählt. Er ist einer von nur zwei Landräten in Sachsen, die seit der Wiedervereinigung regieren. Wie hat er es geschafft, zwei Jahrzehnte an der Macht zu bleiben?

Als er 1990 als Kreischef der DDR-Blockpartei CDU eher zufällig die Gelegenheit bekam, Landrat zu werden, griff er zu und ließ nie wieder los. Seitdem wurde Nordsachsen Czupalla-Land. »Ich bin jeden Tag glücklich und dankbar für diese Chance«, sagt er. »Ich mag das Regieren, die Freiheit der Macht.« Das wird auch deutlich, wenn man ihn einige Tage beim Regieren begleitet.

»Pass mal auf!« Damit beginnen viele Sätze an diesem Morgen. Es ist 7.30 Uhr. Im Halbstundentakt lässt der Landrat sich Dezernenten, Assistenten und Pressesprecher in sein feudales Büro zitieren. Alle tragen Namensschilder, eine Czupalla-Idee. Die meisten Mitarbeiter sprechen ihn mit »Herr Landrat« an. Über seinem Schreibtisch hängt ein Ölgemälde von Otto von Bismarck, dem Eisernen Kanzler. »Pass mal auf, machen Sie mir einen Vermerk dazu?« – »Pass mal auf, mir geht’s um die Arbeitsplätze« – »Passt mal auf, so machen wir das jetzt.« Spricht jemand etwas länger, beginnen Czupallas Füße zu wippen. Ungeduldig trommelt er mit den Fingern auf der Tischkante. Er kann nicht lange ruhig sitzen, darum meidet er Akten. »Ich muss raus zu den Leuten und nachfragen«, sagt er. Im Jahrbuch des Kreises wird der Landrat auf jeder dritten Seite erwähnt: Czupalla in der Brauerei, beim Sportbund, im Kindergarten. »Zeitweise war er häufiger in der Leipziger Volkszeitung als früher Erich Honecker«, sagt ein Redakteur.

»Wenn ihn eine Idee fasziniert, ist er erbarmungslos«

An einem gewöhnlichen Mittwoch sitzt Michael Czupalla innerhalb von vier Stunden in einer Preisjury in Delitzsch, besucht den Flughafen Leipzig-Halle und trifft Ministerpräsident Stanislaw Tillich in Dresden. Mit seinem Fahrer Lutz verbringt er mehr Zeit als mit seiner Lebensgefährtin. Ruhig lenkt jener den silbernen 5er BMW über die Straßen Nordsachsens. Sein Chef sitzt neben ihm auf dem Beifahrersitz. Sie fahren durch Alleen und kleine sanierte Städte, vorbei an Kartoffelfeldern und Gänsegattern in den Dörfern. Es vergeht fast keine Minute, ohne dass Czupalla etwas entdecken würde, wo er seine Finger beim Bau, bei der Sanierung oder Ansiedlung im Spiel gehabt hätte. Das ist sein Land, und er ist der Pate.

»Da hinten ist Porsche«, sagt er dann und zeigt aus dem Fenster. Ohne ihn gäbe es das Werk nicht in der Leipziger Peripherie, verkündet er. Oder den Internationalen Flughafen, BMW, DHL, das Heide Spa in Bad Düben und den modernen Kreiskrankenhauskonzern, der schwarze Zahlen schreibt. »Wenn ihn eine Idee fasziniert, ist er erbarmungslos«, sagt eine Mitarbeiterin, »dann müssen wir ihn manchmal daran erinnern, dass es Gesetze gibt und nicht alles sofort funktioniert«. Mit seinem Engagement überschreitet er zuweilen Grenzen. Dabei kann es passieren, dass die Demokratie als Kollateralschaden auf der Strecke bleibt. 

Als Mitbegründer des Handballvereins Concordia Delitzsch sorgte Czupalla beispielsweise dafür, dass der Trainer für zehn Jahre bei den kommunalen Kreiswerken angestellt wurde. Mitarbeiter behaupten, dass der Coach nur vormittags in seinem Kreiswerke-Büro gesehen wurde – das Gehalt bekam er trotzdem. Für Siege in der Bundesliga. »Es war nie so, dass ich nichts gemacht habe«, sagt der Trainer heute, »aber ich hatte natürlich die ein oder andere Freiheit.« Neben dem Gehalt sponserte das kreiseigene Unternehmen den Handballverein auch offiziell.