ChronobiologieAufstehen!

Übers Wachen und Schlafen entscheidet die innere Uhr. Wie sie tickt, zeigen Forschungen an Schülern und Schichtarbeitern. von Maria Rossbauer

Das Pendel unserer inneren Uhr wird hauptsächlich vom Sonnenlicht angeschubst

Das Pendel unserer inneren Uhr wird hauptsächlich vom Sonnenlicht angeschubst  |  © Kilian.Sky/photocase.com

Das Läuten des Weckers bringt uns zwar auf die Beine; die Schläfrigkeit jedoch kann es oft genug nicht vertreiben. Worauf es ankomme, seien »Licht und unsere Gene«, sagt Dieter Kunz. »Diese zwei Dinge bestimmen vor allem, wann wir wach und aktiv werden.«

Kunz ist Chefarzt der Abteilung für Schlafmedizin am Berliner St. Hedwig-Krankenhaus. Sein Fachgebiet ist die Chronobiologie, die Lehre von der inneren Uhr. Und die untersucht Kunz gerade in der Schule. Acht Klassenräume der Königin-Luise-Stiftung in Berlin-Dahlem hat der Wissenschaftler zu Labors erklärt. Vier der Klassen sind mit »biologisch optimierten« Deckenlampen ausgerüstet. Sie gleichen sich automatisch den im Tageslauf wechselnden Lichtverhältnissen an; zudem strahlen sie heller und in anderen Farbtönen als konventionelle Lampen. Nach sechs Monaten wird verglichen: Welche Schüler haben in Mathe mehr gelernt – jene mit den neuen Lampen oder jene in den anderen Klassen?

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Schwerpunkt: Warum schlafen wir?

ZEIT ONLINE und DIE ZEIT haben dem Thema Schlaf einen Schwerpunkt gewidmet. In Interviews, Videos, Reportagen und Umfragen klären wir die wichtigsten Fragen rund um den Zustand, in dem wir gut ein Drittel unseres Lebens verweilen.

Wie erklären Hirnforscher den Schlaf, gibt es die produktive Siesta und was kostet die Wirtschaft unsere Müdigkeit? Und wie schlafen die Menschen in verschiedenen Kulturen?

Auf unserer Themenseite können Sie zudem berechnen, wie viel Zeit Sie bereits in Ihrem Leben geschlafen haben.

Kunz ist überzeugt, dass besseres Licht die Lernleistung positiv beeinflusst, nicht nur bei Schülern. Viele Häuser, Büroräume und U-Bahnen seien zu dunkel, sagt der Mediziner. Einmal stattete er zehn seiner Studenten mit sensorgespickten Brillengestellen aus und schickte sie durch einen normalen Werktag. Die Brillen maßen die Lichtmenge, die am Auge ankam: durchschnittlich nur 50 Lux. »Da merkt man ja gar nicht, dass der Tag schon begonnen hat«, sagt Kunz. Deshalb hilft er den müden Schülern jetzt nach: Wenn es im Winter draußen noch stockdunkel ist, strahlen 500 Lux von der Decke, viel stärkeres Licht als üblich.

Doch nicht allein die Intensität des Lichts beeinflusst unsere Munterkeit, sondern auch seine Farbe. Anfang des Jahrzehnts erst entdeckten britische und US-amerikanische Forscher auf der Netzhaut neben Stäbchen und Zapfen eine dritte Rezeptorenart. Diese Zellen reagieren hauptsächlich auf blaues Licht von 480 Nanometern Wellenlänge. Sie senden Reize an den sogenannten Suprachiasmatischen Nucleus (SCN). Dort sitzt die Steuerzentrale unserer inneren Uhr, nur wenige Zentimeter hinter dem Nasenrücken. Der SCN dirigiert Stoffwechsel, Körpertemperatur und Gehirnaktivität des Menschen im 24-Stunden-Rhythmus. Blaues Licht hemmt dabei die Ausschüttung des Müdigkeitshormons Melatonin und macht uns binnen kurzem wach. Deshalb strahlt es in Kunz’ »biologisch optimierten« Modellklassen bläulich weiß von der Decke – nicht gelblich funzelig wie sonst.

Mit einem ähnlichen Versuchsaufbau hatte schon der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort die kurzfristigen Effekte biologisch optimierten Lichts an 116 Schülern getestet: Ihre Lesegeschwindigkeit stieg um 35 Prozent, ebenso zeigten sie sich signifikant aufmerksamer. Kunz’ Langzeitstudie dauert zwar noch bis Mitte nächsten Jahres. Doch schon heute glaubt der Chronobiologe: »Das Einzige, was wir falsch machen können, ist, das Licht so zu lassen, wie es heute üblicherweise ist.«

Ebenfalls im Berliner Westen versucht man in einer Dynamofabrik, dem aufreibenden Rhythmus der Schichtarbeit besser zu begegnen. Denn wenn die Männer des Siemenswerks in Spandau ihre Nachtschicht beenden und morgens um sechs die Schweißgeräte aus der Hand legen, die Blaumänner ausziehen und die rote Backsteinhalle verlassen, dann blinzelt ihnen die Sonne entgegen – ein Weckruf für jeden Organismus. Bloß brauchte der jetzt dringend nächtliche Ruhe.

Leserkommentare
  1. Warum wird überhaupt nachts gearbeitet? Noch interessanter als die Schlaf-Forschung finde ich die Gier-Forschung, das Streben nach immer mehr Profit. Selbers schuld, wer so einen Arbeitssplatz annimmt, anstatt in Ruhe nachts zu pennen.

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    Wenn gewisse Berufsgruppen nachts nicht mehr arbeiten würden: gäbe es morgens weder frische Brötchen noch die Zeitung vor der Haustür, Post würde länger unterwegs sein. Supermärkte würden erst mittags öffnen, weil die Ware nicht im Morgengrauen kommt.
    Parties, Konzerte und Kneipenbesuche wären um 21h beendet, weil DJs und Servicepersonal ins Bett müssen...
    Schwangere müssten mit ihren Wehen warten bis das Krankenhaus morgens aufmacht, von Unfallopfern oder medizinischen Notfällen ganz zu schweigen. Menschen in Alten- und Pflegeheimen würden die ganze Nacht im eigenen Urin und Kot liegen, weil niemand vorbeikommt und sich um sie kümmert...
    Unsere Gesellschaft funktioniert nun mal auch deshalb, weil es Menschen gibt, die mit ihrer Berufswahl Arbeitszeiten in Kauf nehmen, die gegen den biologischen Rhythmus gehen und es hat nicht immer mit Gier und Profit des Arbeitgebers zu tun.

    • galena
    • 14. Dezember 2010 1:17 Uhr

    Lieber Kommentarschreiber, bei Millionen Arbeitslosen, bei bestimmten Qualifikationen kann sich nicht jeder den Luxus leisten eine Schichtarbeitsstelle abzulehnen.

    Und im übrigen ist es nicht nur das Profitstreben. Haben wir früher unsere Einkäufe bis 18.30 Uhr erledigt gehabt, reicht vielen noch nicht aml 20.00 Uhr. Das Geschrei nach 22.00 Uhr oder besser noch rund um die Uhr ist nicht zu überhören.

    Und dann denken wir doch mal an all die Berufe, die so notwendig sind und ebenfalls Schichtdienst benötigen: Kranschenschwestern/Ärzte, Polizisten, Berufsfeuerwehr, Bus-/Bahnfahrer und viele mehr.

    Also erst mal nachdenken und dann schreiben.

  2. Ich könnte jedes Wochenende des Jahres eine Umstellung auf die Winterzeit vertragen.

    Antwort auf
    • Ranjit
    • 31. Oktober 2010 11:55 Uhr

    Sehr spannende Erkenntnisse.
    Mich würde jetzt noch interessieren wo man solche hellen, leicht blauen Lampen herbekommt.
    Die meisten Sonnenlichtlampen scheinen mir eher gelblich. Bis dahin hält mich also mein Bildschirm wach ;)

    Apropos Bildschrim. Man kann ja zwischen eher wärmeren oder kälteren Farbspektren wählen.
    Das geht übrigens auch automatisch.
    F.lux ist ein kostenloses Programm, dass tagsüber den Bildschirm heller und Nachts die Farben graduell wärmer macht.

    http://www.ilovefreesoftw...

    Mal installieren.

    • genius1
    • 31. Oktober 2010 12:50 Uhr

    Welche Lampen liefern uns denn jetzt das bessere Licht? Energiesparlampen oder die Verbotenen Glühlampen. Wer von denen hat einen Blauanteil, oder wie komme ich an dunkleres Licht mit hohem Rotanteil ran?

    Etwas verwirrend der Bericht!

    Viele Energiesparlampenbenutzer (Wobei es Wohl auch auf die Benutzte Sparlampe ankommt.) berichten über Unwohlsein gegenüber voher benutzten Glühlampen.

    Viele Fragen, wenig Antworten darauf.

    Wenn ich jetzt neue Lampentechnik brauche und welche, wie sieht es dann mit Energiesparen aus?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • foo.
    • 24. September 2014 18:40 Uhr

    Glühlampen sind Vollspektrumlampen, d.h. sie strahlen auf allen Frequenzen des sichtbaren Lichts ab. Da ist dann sowohl Rot als auch Blau enthalten. Für Halogenlampen gilt im Großen und Ganzen das gleiche.

    Die "Energiesparlampen" der Bauform Miniatur-Leuchtstoffröhren geben Licht nur auf einigen wenigen Frequenzen intensiv ab und sind im restlichen Spektrum dunkel. Das reicht zwar, um genausogut zu sehen, wenn es um Formen geht, aber Farben kann man damit weit schlechter erkennen - und was es mit der Biologie macht, ist noch nicht erforscht.
    Bei LED-Lampen gibt es unterschiedliche Spektren je nach Herstellungsart, das ist im Durchschnitt Mitte zwischen Glühlampe und "Energiesparlampe".

    Für die persönliche Gesundheit sind Glühlampen und Halogenlampen die beste Wahl.

    (Für eigene Recherche: Die wenigsten Hersteller rücken das Spektrum der Lampe heraus; aber kann man unter dem Thema "Farbwiedergabe" zumindest gelegentlich Informationen dazu bekommen.)

  3. Die Zeitumstellung gehasst/geliebt von uns allen, zeigt wieder mal das Thema des gesundheitlichen Aspektes, denn das diese Sache Engerie sparen sollte, ist ja hinlänglich passe.

    Wir alle sei es Tier oder Mensch werden 1 Woche brauchen, um uns wieder an diese Winterzeit zu gewöhnen.

    Worin liegt eigentlich noch der Zweck des Ganzen?

    • Soffer
    • 31. Oktober 2010 14:14 Uhr

    Die Annahme eines Arbeitsplatzes im Schichtbereich hat in den seltensten Fällen mit Gier zu tun.
    In der Industrie hat man als Arbeitssuchender nicht viel Auswahl, wird von den Vorgaben der Arbeitsagentur gedrängt. Man kann Angebote von Arbeitsplätzen nur mit Kürzungen (des ohnehin viel zu knappen) Arbeitslosengeldes ablehenn.
    Des weiteren befinden sich viele Schichtarbeitsplätze im Sozialen Bereich. Krankenhäuser, Kinderheime, Wohngruppen für Menschen mit Behinderung. Hier gibt es sogar noch "geteilte Dienste", in denen die tägliche Arbeitszeit noch aufgestückelt wird.
    Ich denke nicht, dass man Menschen, die in diesem Bereich tätig sind, Gier unterstellen kann. Dazu genügt ein Blick auf die Lohntabellen. Das sind absolut unterbezahlte Berufe.

    Eine Leserempfehlung
  4. Ich stimme Nr. 4 absolut zu. Meine Frau arbeitet im Krankenhaus und arbeitet im Schichtdienst. Und sie fühlt sich dabei noch nicht mal ausgebeutet (obwohl die Zulagen etwas höher sein könnten). Manchmal macht es keinen Spaß, aber jeder in diesem Beruf weiß, dass er es für mehr als Profit tut, sondern dass es eben notwendig ist.

    Auch "ickbinBerliner" muss vielleicht einmal in ein Krankenhaus, wenn er vor Langeweile von seinem Berliner Beamtensessel gefallen ist.

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