Chronobiologie Aufstehen!
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Bei vielen passen der Takt des Alltags und jener der inneren Uhr nicht zusammen

Umgekehrt überfordert es den Körper, wenn er nachts wach und leistungsfähig sein muss, während der Biorhythmus eigentlich nach Schlaf verlangt. Deshalb leidet die Mehrheit aller Schichtarbeiter unter Schlafstörungen, Magenbeschwerden und innerer Unruhe. Zudem haben sie ein höheres Risiko für Herzerkrankungen, Bluthochdruck und sogar Krebs. Schichtarbeiter sind aber nicht nur häufiger krank; Unausgeschlafene machen auch mehr Fehler. Und damit wird die Sache auch für die Betriebe zu einem Kostenfaktor.

Schlafphasen

Im Laufe einer Nacht durchwandern wir mehrere 90-minütige Zyklen aus verschiedenen Schlafstadien und dem sogenannten REM-Schlaf (Rapid Eye Movement), einer Schlafphase, in der wir besonders intensiv träumen. Mit zunehmender Schlafdauer wird der Schlaf insgesamt weniger tief, und die REM-Phasen werden länger. Ältere Menschen haben einen flacheren Schlaf und wachen häufiger für längere Zeit auf.

Schlafbedarf

Diese Grafik zeigt den durchschnittlichen Schlafbedarf der allermeisten Menschen. Natürlich gibt es auch Menschen, die ihre optimale Erholung auch mit mehr oder weniger Schlaf bekommen.

Schlafzeiten

Die Auswertung des Münchner Chronotyp-Fragebogens ergab, wie häufig welcher Chronotyp ist. Die hier aufgeführten Schlafzeiten geben die natürlichen Zubettgeh- und Aufstehzeiten an, also keine Uhrzeiten, die beispielsweise durch den Beruf vorgegeben sind.

Chronotyp

Im Durchschnitt sind Jugendliche und junge Erwachsene so spät getaktet, wie nie wieder in ihrem Leben. Sie sind Spätschläfer und schlafen, sofern es die Umstände zulassen, morgens dafür länger. Für die Lernleistungen in der Schule wäre ein späterer Unterrichtsstart besser, da man die jungen Menschen wegen ihres Chronotyps quasi "nachts" zur ersten Stunde bittet. Erst mit Ende der Jugend kehrt sich dieser Trend schlagartig um.

Deshalb suchte Siemens Hilfe beim Münchner Chronobiologen Till Roenneberg. Seit über fünf Jahren vermisst er die Aktivität der Spandauer Arbeiter und lässt sie Schlaftagebücher führen: Wie sind Sie heute aufgewacht? Mit Wecker oder ohne? Fühlen Sie sich ausgeschlafen? Bei rund 320 Schichtarbeitern ermittelte Roenneberg bislang den individuellen inneren Rhythmus von Schlafen und Wachen, den »Chronotypus«.

Albträume

Die Hälfte aller Erwachsenen schreckt nachts hin und wieder aus Albträumen hoch, oft hängen sie mit schlimmen Ereignissen oder unbewältigten Konflikten zusammen. Geschieht das mehrmals pro Woche, empfiehlt sich eine Psychotherapie.

Jetlag

Wer mehr als zwei Zeitzonen überfliegt (besonders gen Osten), leidet meist unter Jetlag: Die innere Uhr hinkt hinterher. Therapie: Am Zielort den Tagesrhythmus konsequent einhalten. Oder weniger fliegen. Jahrelanges häufiges Ost-West-Jetten kann dauerhafte Insomnie verursachen.

Schichtarbeit

Rund 15 Prozent aller Erwerbstätigen hierzulande arbeiten in Schichten. Drei Viertel all jener, die das länger als drei Jahre tun, erleiden irgendwann eine Schicht-Schlafstörung. Nach Nachtschichten finden sie kaum erholsamen Schlaf. Im Extremfall verliert ihr Körper ganz den Rhythmus, Herzkrankheiten oder andere Störungen drohen. Da helfen nur andere Arbeitszeiten.

Schlafwandeln

Bei den rund drei Millionen Schlafwandlern aktiviert das Gehirn nachts die Muskeln – nicht aber das Bewusstsein. Meist ist der Spuk nach wenigen Minuten vorbei. Vorsicht vor Stürzen und Unfällen! Medikamente sind nur selten nötig.

Restless Legs

Das Restless-Legs-Syndrom quält mehr als zwei Millionen Bürger. Sie spüren ein Kribbeln oder Brennen in den Unterschenkeln. Ursache kann Dopamin- oder Eisenmangel sein, Abhilfe verspricht hoch dosiertes Eisen.

Zwar wird das Pendel der inneren Uhr bei uns allen hauptsächlich vom Sonnenlicht angestupst, aber eben bei jedem Einzelnen zu einem anderen Zeitpunkt. Manche sind früh aufstehende »Lerchen«, andere nachtaktive »Eulen«. Und dazwischen gibt es unzählig viele Abstufungen. Deshalb plädiert Roenneberg für »Schichtarbeit nach Chronotyp«. Frühtypen sollten eher morgens, Spättypen vermehrt am Abend arbeiten. Kommendes Jahr soll dies in einem Pilotprojekt erprobt werden. Dazu teilt der Schlafforscher im Siemenswerk Freiwillige in drei Gruppen ein: Früh-, Spät- und Normaltypen. Anhand seiner Messungen ermittelt Roenneberg dann für jeden Teilnehmer die ideale Schicht. Freiwillige gibt es genug, nur der Betriebsrat beäugte das neue Arbeitsmodell zunächst skeptisch: Er fürchtete, dadurch könnten Nacht- und Frühzuschläge wegfallen. Am Ende ließ er sich aber von den Vorteilen des Projekts überzeugen.

Narkolepsie

Narkoleptiker können von einem Moment auf den anderen ganz plötzlich einschlafen. Ihnen fehlt ein Botenstoff, der den Schlaf-/Wachrhythmus regelt. Die rätselhafte Krankheit ist zwar nicht heilbar, mit Medikamenten aber beherrschbar.

Apnoe

Bei der Schlafapnoe setzt die Atmung immer wieder komplett aus – für bis zu zwei Minuten. Die Folge: Sauerstoffmangel, langfristig drohen Herzinfarkt, Schlaganfall und geistige Störungen. Betroffen sind rund vier Millionen Menschen, am häufigsten Übergewichtige: zu viel Fett im Halsbereich verschließt die Atemwege. Sauerstoffgeräte helfen, vor allem aber ist Abnehmen nötig.

Kleine-Levin-Syndrom

Das Kleine-Levin-Syndrom äußert sich durch extremes Schlafbedürfnis (»Hypersomnie«). Betroffene schlafen oft tagelang bis zu 20 Stunden täglich – in den kurzen Wachphasen sind sie meist verwirrt, sexuell enthemmt und essen übermäßig. Die Attacken können zwei Wochen lang dauern und alle paar Jahre wiederkehren. Das Syndrom ist sehr selten, seine Ursache unbekannt.

Insomnie

Schlaflosigkeit (Insomnie) trifft rund fünf Millionen Menschen. Sie können abends regelmäßig nicht einschlafen, obwohl sie müde sind. Therapie: eine gute Matratze, ein dunkler Raum, Entspannungsübungen – und nicht so viel grübeln.

Schlafmangel

Wer ständig zu wenig schläft, riskiert langfristig, am Schlafmangelsyndrom zu erkranken. Einige Hunderttausend Menschen in Deutschland leiden darunter, oft ohne es zu merken. Die Leistungsfähigkeit leidet – Gereiztheit, Konzentrationsstörungen und schließlich Burn-out-Syndrom können folgen. Therapie: konsequent auf genug Schlaf achten.

Bei vielen Zeitgenossen passen der Takt des Alltags und jener der inneren Uhr nicht zusammen. Till Roenneberg hat mittlerweile rund 100.000 Menschen per Onlinefragebogen nach ihren Schlaf- und Wachzeiten befragt. Ergebnis: Die innere Uhr hängt bei den meisten Deutschen hinterher. Fast niemand wacht mehr ohne Wecker auf; Schul- und Arbeitszeiten beginnen generell zu früh – und führen zu chronischem Schlafmangel. »Alle Arbeitszeitmodelle stehen auf dem Prüfstand«, sagt der Chronobiologe, »hier geht es um einen Kulturwandel.«

Klar jedoch ist: Wer richtig wach sein will, muss zunächst einmal gut schlafen – und dem kann man auch durch entsprechende Beleuchtung nachhelfen. Blaues Licht wirkt eben nicht nur tagsüber aufmunternd, sondern auch abends vor dem Schlafengehen. Die blauen Wellenlängen von iPod und Laptop können das Einschlafen verzögern, ja sogar den erholsamen Schlaf stören. Beruhigend wirkt hingegen dunkleres Licht mit hohem Rotanteil. Davon werden die Wach-Rezeptoren auf der Netzhaut nicht angeregt, sodass der Körper ungestört Melatonin ausschütten und uns müde machen kann. Und das ist die beste Voraussetzung für einen wachen nächsten Tag.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Warum wird überhaupt nachts gearbeitet? Noch interessanter als die Schlaf-Forschung finde ich die Gier-Forschung, das Streben nach immer mehr Profit. Selbers schuld, wer so einen Arbeitssplatz annimmt, anstatt in Ruhe nachts zu pennen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn gewisse Berufsgruppen nachts nicht mehr arbeiten würden: gäbe es morgens weder frische Brötchen noch die Zeitung vor der Haustür, Post würde länger unterwegs sein. Supermärkte würden erst mittags öffnen, weil die Ware nicht im Morgengrauen kommt.
    Parties, Konzerte und Kneipenbesuche wären um 21h beendet, weil DJs und Servicepersonal ins Bett müssen...
    Schwangere müssten mit ihren Wehen warten bis das Krankenhaus morgens aufmacht, von Unfallopfern oder medizinischen Notfällen ganz zu schweigen. Menschen in Alten- und Pflegeheimen würden die ganze Nacht im eigenen Urin und Kot liegen, weil niemand vorbeikommt und sich um sie kümmert...
    Unsere Gesellschaft funktioniert nun mal auch deshalb, weil es Menschen gibt, die mit ihrer Berufswahl Arbeitszeiten in Kauf nehmen, die gegen den biologischen Rhythmus gehen und es hat nicht immer mit Gier und Profit des Arbeitgebers zu tun.

    • galena
    • 14.12.2010 um 1:17 Uhr

    Lieber Kommentarschreiber, bei Millionen Arbeitslosen, bei bestimmten Qualifikationen kann sich nicht jeder den Luxus leisten eine Schichtarbeitsstelle abzulehnen.

    Und im übrigen ist es nicht nur das Profitstreben. Haben wir früher unsere Einkäufe bis 18.30 Uhr erledigt gehabt, reicht vielen noch nicht aml 20.00 Uhr. Das Geschrei nach 22.00 Uhr oder besser noch rund um die Uhr ist nicht zu überhören.

    Und dann denken wir doch mal an all die Berufe, die so notwendig sind und ebenfalls Schichtdienst benötigen: Kranschenschwestern/Ärzte, Polizisten, Berufsfeuerwehr, Bus-/Bahnfahrer und viele mehr.

    Also erst mal nachdenken und dann schreiben.

    Wenn gewisse Berufsgruppen nachts nicht mehr arbeiten würden: gäbe es morgens weder frische Brötchen noch die Zeitung vor der Haustür, Post würde länger unterwegs sein. Supermärkte würden erst mittags öffnen, weil die Ware nicht im Morgengrauen kommt.
    Parties, Konzerte und Kneipenbesuche wären um 21h beendet, weil DJs und Servicepersonal ins Bett müssen...
    Schwangere müssten mit ihren Wehen warten bis das Krankenhaus morgens aufmacht, von Unfallopfern oder medizinischen Notfällen ganz zu schweigen. Menschen in Alten- und Pflegeheimen würden die ganze Nacht im eigenen Urin und Kot liegen, weil niemand vorbeikommt und sich um sie kümmert...
    Unsere Gesellschaft funktioniert nun mal auch deshalb, weil es Menschen gibt, die mit ihrer Berufswahl Arbeitszeiten in Kauf nehmen, die gegen den biologischen Rhythmus gehen und es hat nicht immer mit Gier und Profit des Arbeitgebers zu tun.

    • galena
    • 14.12.2010 um 1:17 Uhr

    Lieber Kommentarschreiber, bei Millionen Arbeitslosen, bei bestimmten Qualifikationen kann sich nicht jeder den Luxus leisten eine Schichtarbeitsstelle abzulehnen.

    Und im übrigen ist es nicht nur das Profitstreben. Haben wir früher unsere Einkäufe bis 18.30 Uhr erledigt gehabt, reicht vielen noch nicht aml 20.00 Uhr. Das Geschrei nach 22.00 Uhr oder besser noch rund um die Uhr ist nicht zu überhören.

    Und dann denken wir doch mal an all die Berufe, die so notwendig sind und ebenfalls Schichtdienst benötigen: Kranschenschwestern/Ärzte, Polizisten, Berufsfeuerwehr, Bus-/Bahnfahrer und viele mehr.

    Also erst mal nachdenken und dann schreiben.

  2. Ich könnte jedes Wochenende des Jahres eine Umstellung auf die Winterzeit vertragen.

    Antwort auf
    • Ranjit
    • 31.10.2010 um 11:55 Uhr

    Sehr spannende Erkenntnisse.
    Mich würde jetzt noch interessieren wo man solche hellen, leicht blauen Lampen herbekommt.
    Die meisten Sonnenlichtlampen scheinen mir eher gelblich. Bis dahin hält mich also mein Bildschirm wach ;)

    Apropos Bildschrim. Man kann ja zwischen eher wärmeren oder kälteren Farbspektren wählen.
    Das geht übrigens auch automatisch.
    F.lux ist ein kostenloses Programm, dass tagsüber den Bildschirm heller und Nachts die Farben graduell wärmer macht.

    http://www.ilovefreesoftw...

    Mal installieren.

  3. Welche Lampen liefern uns denn jetzt das bessere Licht? Energiesparlampen oder die Verbotenen Glühlampen. Wer von denen hat einen Blauanteil, oder wie komme ich an dunkleres Licht mit hohem Rotanteil ran?

    Etwas verwirrend der Bericht!

    Viele Energiesparlampenbenutzer (Wobei es Wohl auch auf die Benutzte Sparlampe ankommt.) berichten über Unwohlsein gegenüber voher benutzten Glühlampen.

    Viele Fragen, wenig Antworten darauf.

    Wenn ich jetzt neue Lampentechnik brauche und welche, wie sieht es dann mit Energiesparen aus?

  4. Die Zeitumstellung gehasst/geliebt von uns allen, zeigt wieder mal das Thema des gesundheitlichen Aspektes, denn das diese Sache Engerie sparen sollte, ist ja hinlänglich passe.

    Wir alle sei es Tier oder Mensch werden 1 Woche brauchen, um uns wieder an diese Winterzeit zu gewöhnen.

    Worin liegt eigentlich noch der Zweck des Ganzen?

    • Soffer
    • 31.10.2010 um 14:14 Uhr

    Die Annahme eines Arbeitsplatzes im Schichtbereich hat in den seltensten Fällen mit Gier zu tun.
    In der Industrie hat man als Arbeitssuchender nicht viel Auswahl, wird von den Vorgaben der Arbeitsagentur gedrängt. Man kann Angebote von Arbeitsplätzen nur mit Kürzungen (des ohnehin viel zu knappen) Arbeitslosengeldes ablehenn.
    Des weiteren befinden sich viele Schichtarbeitsplätze im Sozialen Bereich. Krankenhäuser, Kinderheime, Wohngruppen für Menschen mit Behinderung. Hier gibt es sogar noch "geteilte Dienste", in denen die tägliche Arbeitszeit noch aufgestückelt wird.
    Ich denke nicht, dass man Menschen, die in diesem Bereich tätig sind, Gier unterstellen kann. Dazu genügt ein Blick auf die Lohntabellen. Das sind absolut unterbezahlte Berufe.

  5. Ich stimme Nr. 4 absolut zu. Meine Frau arbeitet im Krankenhaus und arbeitet im Schichtdienst. Und sie fühlt sich dabei noch nicht mal ausgebeutet (obwohl die Zulagen etwas höher sein könnten). Manchmal macht es keinen Spaß, aber jeder in diesem Beruf weiß, dass er es für mehr als Profit tut, sondern dass es eben notwendig ist.

    Auch "ickbinBerliner" muss vielleicht einmal in ein Krankenhaus, wenn er vor Langeweile von seinem Berliner Beamtensessel gefallen ist.

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