Schlafkultur Wir Unausgeschlafenen

Unser hektischer Alltag erzeugt chronischen Schlafmangel. Erwachsene kann er in den Burn-out treiben und Schulkinder zu Zappelphilippen machen. Wir brauchen eine neue Schlafkultur!

Unsere Gesellschaft leidet an chronischem Schlafmangel, denn wir feiern die Aktivität und missachten die Nachtruhe

Unsere Gesellschaft leidet an chronischem Schlafmangel, denn wir feiern die Aktivität und missachten die Nachtruhe

Wer kennt ihn schon, den Tag des Schlafs am 21. Juni? Er ist ähnlich belanglos wie der internationale World Sleep Day im März. Wirkungsvoller ist der kommende Sonntag, an dem die Uhr eine Stunde zurückgestellt wird. An diesem Tag wird uns allen eine Stunde Schlaf geschenkt. Die haben wir bitter nötig. Denn viele von uns sind chronisch übermüdet – und die meisten merken es nicht einmal.

So wie die Tänzerinnen des Berliner Staatsballetts, die der Mediziner Ingo Fietze untersuchte. Fast zehn Wochen lang führten sie ein Tagebuch, in dem sie ihre Schlafzeiten vermerkten. Zugleich trugen sie sogenannte Aktometer am Handgelenk, die entfernt an Digitaluhren erinnern und jede Bewegung aufzeichnen. Damit konnte Fietze, Schlaflaborleiter an der Berliner Charité, für jede Ballerina ein unbestechliches Tätigkeitsprofil erstellen. Wann war sie aktiv, wann schlummerte sie friedlich, wann wälzte sie sich schlaflos im Bett? Der Vergleich zwischen den Tagebuchnotizen und seinen Daten zeigte: Viele der Untersuchten überschätzten ihre Ruhezeiten und häuften ein beachtliches Schlafdefizit an.

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Schwerpunkt: Warum schlafen wir?

ZEIT ONLINE und DIE ZEIT haben dem Thema Schlaf einen Schwerpunkt gewidmet. In Interviews, Videos, Reportagen und Umfragen klären wir die wichtigsten Fragen rund um den Zustand, in dem wir gut ein Drittel unseres Lebens verweilen.

Wie erklären Hirnforscher den Schlaf, gibt es die produktive Siesta und was kostet die Wirtschaft unsere Müdigkeit? Und wie schlafen die Menschen in verschiedenen Kulturen?

Auf unserer Themenseite können Sie zudem berechnen, wie viel Zeit Sie bereits in Ihrem Leben geschlafen haben.

Die Berliner Ballerinen sind typische Vertreter unserer Leistungsgesellschaft – junge, gut trainierte Menschen, die einen fordernden Job bewältigen. Ebenso typisch ist, dass sie zu wenig Schlaf bekommen und dafür das Gespür verloren haben. Denn wir sind die »schlaflose Gesellschaft« – so der Titel eines Symposiums der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, das Anfang Oktober in Berlin stattfand. Die Bilanz der Experten: Im hektischen Alltag bekommen heute viele Menschen zu wenig Schlaf. Und darunter leidet das körperliche wie das seelische Gleichgewicht. Wer zu wenig schläft, wird leichter Opfer eines Burn-outs, er erhöht sein Risiko für Übergewicht und Diabetes ebenso wie für Depressionen und Angsterkrankungen. Und bei Kindern gilt Schlafmangel inzwischen sogar als Auslöser für Hyperaktivität. 

Nach allen Regeln ihrer Kunst erforschen Wissenschaftler heute die Nachtruhe. Sie verteilen Aktometer, verkabeln Testschläfer in Schlaflaboren, werten Tausende Fragebögen aus. So belegen sie empirisch, wie der Schlaf an Raum verliert. »Die Menschen in westlichen Ländern schlafen im Durchschnitt etwa eine Stunde weniger als vor 20 Jahren«, fasst Thomas Pollmächer, Schlafmediziner und leitender Psychiater am Klinikum Ingolstadt, die Datenlage zusammen.

Stress ohne Schlaf

Das Burn-out-Syndrom und das »Zappelphilipp-Leiden« ADHS ließen sich bei vielen Betroffenen womöglich einfach durch mehr Schlaf vermeiden. Mit Ausgebranntsein reagiert der Körper von Erwachsenen auf Dauerstress – gegen den die beste Vorsorge lautet: häufig ausschlafen, früher zu Bett gehen, tagsüber Pausen und Nickerchen einlegen. Und so wie die Leistungsgesellschaft unausgeschlafene Erwachsene in den Burn-out treibe, sagt der Freiburger Somnologe Dieter Riemann, »so sind einige Kinder mit ADHS vielleicht unerkannte Langschläfer, die nicht genug Zeit zum Schlafen bekommen«.

Zappelphilippe

Unter Kinderärzten sorgte vergangenes Jahr eine Studie aus Finnland für Aufsehen: Sieben- und Achtjährige, die mit 7,7 Stunden für ihr Alter zu wenig Schlaf bekamen, waren deutlich zappeliger als Normalschläfer. Ergebnisse einer US-Studie von 2006 runden das Bild ab: Kinder, die ihr eigenes Schnarchen im Schlaf störte, erhielten oft die Diagnose ADHS. Wurde das Extremschnarchen behandelt, beruhigten sie sich jedoch. Deshalb rät auch der Zürcher Kinderarzt Oskar Jenni: »Ein gewisser Prozentsatz der ADHS-Kinder sollte einfach länger schlafen.«

Als ideale Schlafdauer für die Mehrheit der Erwachsenen gelten sieben bis neun Stunden. Allerdings gibt es enorme Unterschiede. Für einige wenige sind schon fünf Stunden genug, andere brauchen mindestens zehn Stunden Schlaf. Umfragen zufolge schläft der Deutsche im Schnitt sieben Stunden und acht Minuten. Das heißt aber auch: Viele schlafen deutlich länger, andere sehr viel kürzer. Zu den Unausgeschlafenen gehören vor allem Leistungsträger – und Schüler. Kurz gesagt: all jene, die am Wochenende oder in den Ferien das Bedürfnis haben, einmal richtig auszuschlafen.

Warum gönnen wir uns nicht mehr Zeit zwischen den Kissen? »Mehr Schichtarbeit, mehr Medienkonsum, längere Ladenöffnungszeiten«, zählt Pollmächer die Ursachen auf. Oft wird einfach zu viel gearbeitet. 1,7 Millionen Erwerbstätige in Deutschland arbeiten laut Statistischem Bundesamt pro Woche 60 oder mehr Stunden. »Und je mehr die Menschen arbeiten, desto weniger schlafen sie«, sagt Mathias Basner. Der Forscher von der University of Pennsylvania in Philadelphia hat das Schlafverhalten empirisch ausgewertet und festgestellt: Viele Menschen stehen morgens extra früh auf, um abends keine Freizeit zu opfern. Zu Bett gehen dann alle fast zur selben Zeit, meist nach der Lieblingssendung im Fernsehen. »Es ist absurd«, so Basner, »alle wissen, wie gut Schlaf tut, doch den meisten ist fast alles andere wichtiger.«

Leser-Kommentare
  1. aber an diesen einfachen Regeln kann niemand Geld verdienen, deshalb werden diese Erkenntnisse sicherlich nur sehr zögerlich ins Hirn der Menschen wandern, da niemand von ihnen profitiert.
    Und es widerspricht zudem dem Zeitgeist, der ständige Aufmerksamkeit, Fitness und anderes mehr fordert, ohne zu fragen, woher die dazu nötige Energie kommt.
    Trotzdem DANKE für die Erkenntnisse!

  2. Die Ergebnisse entsprechen genau meinen persönlichen Erfahrungen: Zu wie wenig Schlaf ich als Mutter eines ausgesprochenen schlecht schlafenden Kindes (2)komme, merke ich weniger an einer konkreten Müdigkeit, als daran, dass ich mich nur sehr schlecht konzentrieren kann, und mir konzeptionelles, abstraktes Denken schwerer fallen (ärgerlich, wenn man gerade promoviert...). Auch einzelne durchschlafene Nächte (wenn man denn schlafen kann, auch wenn das Kind nicht aufwacht) holen das nicht wieder rein.
    Ich sollte meinem Sohn die sieben Regeln an die Tür pinnen, vielleicht hilft's ;-)

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    Als Mutter zweier erwachsener Söhne die mich meist gut haben schlafen lassen und zwar schon als Säuglinge, obwohl von den Anlagen her sehr verschieden, erlaube ich mir hier Rat zu geben: Das Kind sollte als erstes satt ins Bett gehen, dann zu regelmäßigen Zeiten (wirklich so gut wie keine Ausnahme), am besten um ca. 7 Uhr, auf Quengeln nicht eingehen, nur schauen, ob alles in Ordnung ist, vielleicht irgendetwas freundliches sagen oder auch noch einmal ans Bett herantreten und das Kind kurz streicheln und ihm sagen, dass jetzt Schlafenszeit ist. Wichtig ist auch ein Zu-Bett-geh-Ritual mit Vorlesen, auch wenn das Kind es noch nicht versteht, oder ein Lied singen - das Kind sollte dabei passiv sein. Wenn nicht - ignorieren und das Programm durchziehen. Irgendwann gibt es klein bei. Mit zwei Jahren muss ein Kind durchschlafen, ihm fehlt der Schlaf ja auch. Und ja - nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken, es sollte sich schon ein wenig allein beschäftigen können, natürlich ruhig in Gegenwart der Mama. Und wenn es die Töpfe aus dem Schrank räumt .... Es sollte einigermaßen viel Bewegung am Tage gehabt haben und nicht zuviel Aufregung, also ein Krippenalltag wäre sicher okay.

    Als Mutter zweier erwachsener Söhne die mich meist gut haben schlafen lassen und zwar schon als Säuglinge, obwohl von den Anlagen her sehr verschieden, erlaube ich mir hier Rat zu geben: Das Kind sollte als erstes satt ins Bett gehen, dann zu regelmäßigen Zeiten (wirklich so gut wie keine Ausnahme), am besten um ca. 7 Uhr, auf Quengeln nicht eingehen, nur schauen, ob alles in Ordnung ist, vielleicht irgendetwas freundliches sagen oder auch noch einmal ans Bett herantreten und das Kind kurz streicheln und ihm sagen, dass jetzt Schlafenszeit ist. Wichtig ist auch ein Zu-Bett-geh-Ritual mit Vorlesen, auch wenn das Kind es noch nicht versteht, oder ein Lied singen - das Kind sollte dabei passiv sein. Wenn nicht - ignorieren und das Programm durchziehen. Irgendwann gibt es klein bei. Mit zwei Jahren muss ein Kind durchschlafen, ihm fehlt der Schlaf ja auch. Und ja - nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken, es sollte sich schon ein wenig allein beschäftigen können, natürlich ruhig in Gegenwart der Mama. Und wenn es die Töpfe aus dem Schrank räumt .... Es sollte einigermaßen viel Bewegung am Tage gehabt haben und nicht zuviel Aufregung, also ein Krippenalltag wäre sicher okay.

    • hjo
    • 29.10.2010 um 14:42 Uhr

    ...sondern die Winterzeit gehört abgeschafft! In manchen Provinzen Kanadas wird das schon länger so gemacht, und es ist wirklich angenehm wenn es nicht um vier dungkel wird....

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    Ja, wollen Sie denn wirklich, dass es von Dezember bis in den Februar hinein morgens erst um 9:30 Uhr hell wird? Nee, danke.

    nicht sommer oder winterzeit, sondern weltzeit einführen und sich nicht von Zahlen iritieren lasse wenn man halt 22.30 Uhr zum Frühstück kommt weil es gerade hell wird.

    Ja, wollen Sie denn wirklich, dass es von Dezember bis in den Februar hinein morgens erst um 9:30 Uhr hell wird? Nee, danke.

    nicht sommer oder winterzeit, sondern weltzeit einführen und sich nicht von Zahlen iritieren lasse wenn man halt 22.30 Uhr zum Frühstück kommt weil es gerade hell wird.

    • qbrick
    • 29.10.2010 um 15:00 Uhr

    "Das Kleine-Levin-Syndrom äußert sich durch extremes Schlafbedürfnis (»Hypersomnie«). Betroffene schlafen oft tagelang bis zu 20 Stunden täglich – in den kurzen Wachphasen sind sie meist verwirrt, sexuell enthemmt und essen übermäßig."
    Kann ich bestätigen; eine typische Studentenkrankheit, die nach dem 10. bis 12. Semester wieder abklingt.

  3. Wieso soll die Sommerzeit abgeschafft werden? Wenn's wegen der Rhytmusverschiebung ist, dann doch bitte die Winterzeit abschaffen.

  4. Ja, wollen Sie denn wirklich, dass es von Dezember bis in den Februar hinein morgens erst um 9:30 Uhr hell wird? Nee, danke.

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    • cinor
    • 29.10.2010 um 18:57 Uhr

    Ja, das will ich. Dann würde ich als klassische Eule im Winter nämlich endlich mal was von der Helligkeit mitbekommen.

    • cinor
    • 29.10.2010 um 18:57 Uhr

    Ja, das will ich. Dann würde ich als klassische Eule im Winter nämlich endlich mal was von der Helligkeit mitbekommen.

  5. ... wenn man es lässt. Voraussetzung ist, dass es morgens früh geweckt und tagsüber ordentlich ausgelastet, gesund ernährt wird und sonst (Blutbild) gesund ist. Das gleiche gilt für jeden Erwachsenen. Die Probleme gehen erst los, wenn man das Kind morgens zu lange schlafen lässt, tagsüber und abends zu lange fernsehen und computerspielen lässt, so wie es statistisch eben in Deutschland flächendeckend vorkommt. Was meine ich mit ausgelastet? Nichts außergewöhnliches, nur das, was alle Entwicklungsexperten sagen: -in den KiGa / die Schule laufen, Schulranzen dabei selber tragen lassen (bis 2,5 km), ja, diese Zeit muss man investieren
    - nachmittags eine Bewegungszeit draußen (1-2 Stunden) oder eben im Sportverein
    - wenig Zucker zuführen (v.a. als Getränke oder Trost oder Belohnung nicht)

    Gilt alles analog auch für Erwachsene. Aber die machen es den Kindern ja vor: -möglichst alles mit dem Auto
    -möglchist dauernd was Süßes zum Naschen als (Selbst-)Trost,
    -möglichst kein Tag ohne Glotze

    Und wo soll das Problem sein, wenn ein Kind im Auto ein Nickerchen macht? Besser kann man die Zeit doch gar nicht nutzen.
    Viele wissenschaftliche Quellen gibt`s dazu: Spitzer, Hurrelmann usw. für den ders braucht, eine Portion gesunder Menschenverstand tuts aber auch.
    Kein Kind muss schlafen lernen. Gehen schon, sprechen auch, schlafen nicht.
    Ich plädiere dafür, den Blick wegzulenken vom Schlaf, hin zur Tagesgestaltung. Dann ergibt sich der Schlaf von selbst.

  6. wer aber das Pech hat, in einer Stadt zu wohnen, der wird immer weiter steigendem Lärm ausgesetzt!
    Man macht gewaltige Aufstände um Zug- und Fluglärm - die aber oft "harmlos" gegen das sind, was einem Stadtbewohner oft fast rund um die Uhr zu gemutet wird!
    Das geht mit der ach so beliebten Straßenbahn los, deren Lärmpegel gewaltig ist und sich meist über fast zwanzig Stunden, also auch in der Schlafenszeit, erstreckt! Kreischen, Quietschen, Poltern, Dröhnen und das zum Frustabbau der Straßenbahnfahrer sehr beliebte meist völlig sinnlose Daurklingeln!
    Dazu kommen vor allem unsere "lieben ausländischen Mitbürger", deren liebste Beschäftigung ist, zu zeigen, dass sie ein Auto besitzen!
    Hupen rund um die Uhr - wenn man jemanden abholen will, wenn man sich im Straßenverkehr begrüßen muss, wenn man z.B. anläßlich einer t. Hochzeit einen Autokorso fahre muss (natürlich auch an unseren höchsten Feiertagen!), dazu kommt auch noch der Stolz über hochdrehende Motoren und durchdrehende Räder und vieles mehr!
    Motorradfahrer zeigen letzteres besonders gerne - vor allem nachts, weil es viel Lärm und Spaß macht!

    Dazu jede Menge rollender Diskotheken, mit Bassfundameenten, die gnaze Häuserzeilen zum Mitschwingen anregen!

    Selbst wer hier in Ruhe schlafen möchte, damit er leistungsfähig für seinen Job und fürs Leben bleibt, hat nur geringe Chancen!

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