Reicht das schon? Seit drei Monaten wache ich mitten in der Nacht auf. Bin schlagartig hellwach. Ich starre auf den Wecker: drei oder vier Uhr. Warte auf den Schlaf, aber der ist weit weg. Schwarze Gedanken überfallen mich, wahllos aus den Abteilungen Ökonomie, Soziales und Gesundheit. Ich werde sauer, weil ich morgen tüchtig sein muss, mir aber jede halbe Stunde Wachen den kommenden Tag schlimmer zerhaut. Am Ende ist mein Puls über 100 und der imaginierte Disput mit der Gattin vergiftet. Im Hals drückt es: Ist das schon Kehlkopfkrebs? Gegen sechs nicke ich nochmal ein. Auf dem Weg zur Arbeit tun mir alle Knochen weh, den ganzen Tag lang hinkt mein Hirn.

Bin ich reif für die Schulbank? Hätte mich nicht die Redaktion geschickt, ich hätte das alles zwar für lästig und ungemein störend gehalten, nicht aber für behandlungsbedürftig. Doch nun sitze ich im lieblichen Bad Mergentheim an der Tauber. In der Schlafschule. So heißt das Seminar, von Freitag bis Sonntag gibt es hier Vorträge, Diskussionen, Entspannungsübungen, persönliche Ratschläge. Unser Lehrer ist der aus Funk und Fernsehen bekannte Jürgen Zulley, Emeritus der Universität Regensburg, Chef des dortigen Schlafmedizinischen Zentrums, Schlaflehrer von mittlerweile 1500 Schülern. Ein wahrer Schlafpapst.

Ein trister Seminarraum; draußen werden die letzten Blätter von den Bäumen geweht. Winterdepression ist angesagt. Ein Beamer wirft Objektives an die Wand: Der Durchschnittsdeutsche schläft von 23:04 Uhr bis 6:18 Uhr, das sind sieben Stunden und 14 Minuten, im europäischen Vergleich ist das kurz. Die Vorstellungsrunde der elf Schlafschüler zeigt, dass keiner von ihnen Durchschnitt ist. 

Am ärgsten hat es eine der acht Frauen erwischt, eine 56-jährige Pädagogin, die nächtelang überhaupt nicht schläft. Dafür tagsüber. Ihre Schüler kennen das schon: ein bisschen Stillarbeit, und die Lehrerin pennt. Eine Selbstständige aus Sachsen kommt seit Jahren nur noch auf vier Stunden Nachtschlaf, sie hat schon Angst vor ihrem Bett, das mit Sicherheit jede Idee von Schlaf vertreibt. Die Bankangestellte aus dem Saarland hat tagsüber Probleme – sie nickt ein, sobald es ihr zu monoton wird. Sogar am Steuer. Ich schäme mich, als ich meine Schlafstörung schildern soll. Peanuts gegenüber den Leiden von Menschen, die seit Jahren Pillen schlucken, um wenigstens das Gefühl von richtigem Schlaf zu erleben. Doch Zulley hat uns alle lieb, auch den Ingenieur aus Kassel, dem gar nichts fehlt und den prophylaktisches Interesse umtreibt.

Wir machen ein Date um drei Uhr früh aus. Falls es mit Schlafen nicht klappt

Professors Lehrplan: Erst mal die Leute schlaumachen. So wie beim Flugangstseminar – wer weiß, dass das Rumpeln vor der Landung ein gutes Zeichen ist, weil das Fahrwerk ausgefahren wird, der hat schon etwas weniger Angst. Mit sanfter Stimme stößt Zulley Gewissheiten um: "Schlaf ist kein Ruhezustand!" (Im Gegenteil, Hormoncocktails würden dem Blut beigemischt, der Puls gehe rauf und runter. Mal Tiefschlaf, mal harte Traumarbeit mit Rapid Eye Movement.) Oft, so lernen wir, geht es auch um das Verdauen von Eindrücken, gar nicht zu reden von Trauerarbeit oder Stressbewältigung. Das Hirn ist nächtens bisweilen schwerer beschäftigt als tagsüber.