Es ist 2.52 Uhr, als ein Mann in flauschig-weißem Ganzkörperhasenkostüm am Bahnhof Erfurt aus dem Zug steigt und einem Polizisten zwei Kastanien in die Hand drückt, eingepackt in Zellophan mit der Aufschrift "Stuttgarter Pflastersteine". Aus den offenen Zugfenstern schallt der Schlachtruf der Stuttgart-21-Gegner: "Oben bleiben." Auf dem Bahnsteig sind der Hase und der Polizist über die Schlagkraft von Kastanien ins Gespräch gekommen. Von einer Kastanie getroffen zu werden, könne schon wehtun, er habe das bei einer Übung mal getestet, sagt der Polizist. Der Hase schaut verlegen. "Aber Pflastersteine sind diese Kastanien wohl nicht, wie die Politiker behauptet haben", sagt er dann. Und plötzlich schwenkt das Gespräch um, die beiden sind sich schnell einig, dass die da oben nicht immer ehrlich sind, dass sie das Volk nicht mehr respektieren. Da ist er wohl übergesprungen, der Funke, den die Protestler von Stuttgart aus wie ein olympisches Feuer ins ganze Land tragen wollen. "Der Westerwelle und diese Mövenpick-Sache, also wirklich", sagt der Polizist dem Hasen zum Abschied.

500 Menschen haben am Montagabend im Stuttgarter Bahnhof einen Sonderzug nach Berlin bestiegen. Nun, fünf Stunden später beim Zwischenhalt in Erfurt, sitzen sie mit Schlafsäcken, Transparenten und Trillerpfeifen in den Waggons, auf kratzig gepolsterten Liegen, umrahmt von braunen Vorhängen, sechs Mann pro Abteil.

Eigentlich geht es doch nur um einen Bahnhof. Warum also bringen ein paar Tausend Stuttgarter Demonstranten die ganze Republik inklusive ihrer politischen Führung in Wallung?

Der Protest, er fühlt sich wie Abifahrt, Kegeltour, Makramee-Volkshochschulkurs-Exkursion, Studiosus-Reise und Bandtournee an, je nachdem in welchem Waggon man ihm begegnet. In Waggon 7 erzählt Gotthart Schulz, 71 Jahre alt, pensionierter Schulrektor mit blauer Allzweckjacke und Vicco-von-Bülow-Gesicht, von seinem 15-jährigen Enkel, der zusammen mit anderen Demonstranten aufs Dach der Staatsgalerie gestiegen ist, als unter dem Dach Oberbürgermeister Wolfgang Schuster eine Festrede hielt. Er sagt das so, als habe sein Enkel eine schwierige Mathearbeit als Klassenbester bestanden.

Schulz ist in seinem ganzen Leben noch nie auf die Straße gegangen, bis "diese S-21-Sache in Stuttgart" anfing. Er hat im Internet über das Bahnhofsprojekt gelesen, und was er gelesen hat, hat ihm nicht gefallen. Also schaute er sich einfach mal eine Demonstration an. Das war im Sommer, seitdem ist er bei jeder Demo dabei. Seine Frau hält im Schlosspark Mahnwache, seit zwei Monaten verbringt sie dort die Nächte. Nur heute ist sie zum Schlafen nach Hause gefahren, einer muss die Hühner füttern. Der Funke, er ist auf die Schulzes übergesprungen. "Ob sie für oder gegen den Bahnhof sind, die Menschen in unserer Stadt sind wieder miteinander im Gespräch", sagt Schulz. Offenbar erzeugt der Protest ein Wir-Gefühl, das es sonst kaum noch gibt in einer Gesellschaft, die sich in Alt und Jung, Reich und Arm, Fortschrittlich und Traditionell, Links und Rechts teilt. "Vor Stuttgart 21 hab ich einmal demonstriert, das war in den 60ern", sagt der ältere Herr auf der Liege gegenüber von Schulz. "Die IG Metall hat damals alles bezahlt", für jeden habe es Schnitzel, Kartoffelsalat und zwei Biere gegeben. Früher ist er mit seiner Frau oft durch den Schlosspark spaziert. Jetzt ist seine Frau nicht mehr da, und er will, dass wenigstens der Schlosspark bleibt.

Jeder der 500 in dem Zug hat seine ganz eigenen Gründe, warum er sich nach Berlin aufmacht. Und die haben selten mit einem Bahnhof zu tun. Es seien Erinnerungen an gemeinsame Spaziergänge, das Gefühl, dazuzugehören, oder Existenzängste, weil die Mittelschicht schrumpfe und die Atomkraftwerke länger liefen, wie eine Gruppe SPD-Wähler am Tresen im Waggon 3 ihre Protestmotivation beschreibt. Waggon 3 ist der Tanzwagen, mit lilafarbenen Wänden und Lichtorgel, hier schunkeln, rauchen und trinken sie. Ausgeschenkt wird das Widerstandsbier "Resist S21" und der "Merlot K21", so heißt das Alternativkonzept für einen Kopfbahnhof. Am Fenster steht Amal, ihr dunkles Haar und ihr weißer Schal wehen im Fahrtwind, in der Hand hält sie eine Flasche Widerstandsbier. Sie sei in dem Zug, weil sie für "den Weltfrieden" demonstriere, sagt Amal. Wie nur will die Politik mit Planfeststellungsverfahren eine junge Frau überzeugen, die nicht weniger als den Weltfrieden fordert?

Neben dem Tresen, inmitten von Kartons mit Kastanien, steht Karin. Auf die Idee,  dieKastanien in Stuttgarter Pflastersteine umzubenennen und in Geschenktütchen zu füllen, sind sie in Karins Bezugsgruppe beim Sitzblockade-Training gekommen. Karin ist 48, sie ist schon in den Achtzigern bei den Anti-AKW-Demos mitgelaufen. So richtig mitblockiert hat sie aber noch nie, daher hat sie bei den "Aktiven Parkschützern" geübt, wie man in die Hocke geht, Arme und Beine anwinkelt, sodass die Polizei einen problemlos wegtragen kann.

Am Dienstagmorgen fahren die Demonstranten in den Berliner Bahnhof ein, auf einem der oberen Gleise, wie es einem Protestzug gegen einen Tiefbahnhof angemessen ist. Oben bleiben wird heute auch Karin bei dem Demonstrationsmarsch quer durch die Stadt. Trotz Sitzblockade-Trainings.

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