Demonstranten der Tea Party auf einem Marsch in Washington im vergangenen September © Nicholas KAMM/AFP/Getty Images

Es ist ein Aufruf, der dringlicher kaum sein könnte. »Es ist an uns, gegen den größten Anschlag auf Amerikas Freiheit und Wohlstand zu unseren Lebzeiten zu kämpfen«, schreibt Charles Koch in drängendem Ton. »Wir müssen uns dem Erringen großer Fortschritte in Richtung ökonomischer Freiheit widmen.« Und er ruft zu radikalen Maßnahmen auf, sich auf kleine Änderungen zu beschränken werde lediglich den Niedergang verlangsamen. Der Autor ist einer der reichsten Männer der Welt und der Chef eines globalen Konzerns. Mit diesem Brandbrief, der der ZEIT vorliegt, haben er und sein Bruder David einflussreiche Bundesgenossen zu einem vertraulichen Treffen in ein Luxusresort in Palm Springs, Kalifornien, eingeladen.

Gemeinsam wollen sie die politische Zukunft der USA in die von ihnen gewünschten Bahnen lenken, und das heißt vor allem: Präsident Obama und seine Parteifreunde entmachten .

Bei den Kongresswahlen am kommenden Dienstag könnten sie große Fortschritte machen: Umfragen sagen voraus, dass die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus, möglicherweise auch im Senat verlieren könnten. Präsident Obama droht die zweite Hälfte seiner Amtszeit als lame duck, als lahme Ente, zu verbringen – oder mindestens den Republikanern heftige Zugeständnisse machen zu müssen. Seine politischen Gegner seien angetrieben von »Unternehmerinteressen, die für ihre Kampagnen gezahlt haben« , klagte jüngst der bedrängte Präsident.

Es ist ein Wahlkampf, der durch Spenden von Konzernen dominiert wird wie seit dem berüchtigten Watergate-Skandal unter Präsident Richard Nixon nicht mehr. Damals flogen die Boten buchstäblich mit Koffern voller Geldbündel nach Washington. Was die Koch-Brüder besonders macht: Sie geben nicht nur Geld. Sie liefern ideologischen Rückenwind. David Koch gründete eine der Organisationen, die maßgeblich halfen, die Tea Party zu stärken – jene Bürgerbewegung, die seit vergangenem Jahr viel Zulauf erhält und Obamas Gesundheitsreform wie seine Energiepolitik heftig bekämpft.

Ihre Strategie für die Kongresswahlen kommende Woche haben Charles und David von langer Hand geplant und bei einem früheren Treffen im Edelurlaubsort Aspen im Juni mit gut 150 handverlesenen Mitstreitern abgestimmt. Mit von der Partie waren der Vizepräsident der US Chamber of Commerce, der mächtigsten Wirtschaftslobby im Land, außerdem führende US-Bauunternehmer wie der Chef von Fluor und der Eigner von Bechtel, dazu Hedgefonds- und Private-Equity-Prominenz sowie Öl- und Kohlebarone. Die Sache sollte geheim gehalten werden: »Um effektiver Strategien entwickeln zu können, unterliegen die Vorgänge bei diesem Treffen der Geheimhaltung«, hieß es in dem Begleitheft der Veranstaltung.

Das passt zu den Kochs. So politisch engagiert sie sind, so sehr meiden sie die Öffentlichkeit. Sie können es sich leisten, ihre Namen tauchen regelmäßig auf der Liste der 400 amerikanischen Superreichen des US-Wirtschaftsmagazins Forbes auf. Charles und David teilen sich Platz 5 mit jeweils 21,5 Milliarden Dollar. Ihr Vermögen verdanken sie ihrem Unternehmen: Koch Industries mit Sitz in Wichita, Kansas. »Das größte Unternehmen, von dem Sie nie etwas gehört haben«, wie David Koch einmal prahlte. Es ist neben dem Agrargiganten Cargill der größte private Konzern der USA. An Aktionären, die Mitspracherechte und Einblick in die Bilanzen und Aktivitäten haben, ist den Kochs nicht gelegen. »Nur über seine Leiche« werde Koch Industries an die Börse gehen, hat Charles einem Forbes- Reporter einmal gesagt.

Koch Industries erwirtschaftet rund 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz, fast so viel wie Microsoft, Alcoa und American Express zusammen. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben in 60 Ländern aktiv und hat 70.000 Mitarbeiter. Zu Kochs Produkten gehört die Kunstfaser Lycra, die etwa Badeanzügen ihre Elastizität verleiht, sowie die Dixie-Kaffeebecher und die Küchenrollen der Marke Brawny, die fast jeder Amerikaner kennt. 2006 hat Koch den bis dahin börsennotierten Papier- und Baustoffriesen Georgia Pacific für 21 Milliarden Dollar übernommen und privatisiert. Die Kochs sind auch große Rancher: Sie züchten Vieh in Kansas, Montana und Texas, auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie die Berlins. Das Kerngeschäft des Mischkonzerns ist jedoch Öl. Die Kochs besitzen Tausende Meilen Pipelines quer durch die USA und Kanada und sind groß im Raffineriegeschäft. Ein Tochterunternehmen verarbeitet allein 800.000 Barrel Rohöl am Tag – das entspricht dem Tagesverbrauch der Türkei.