Verwunschenes Gelände, verwucherte Kleingärten. Kein Mensch auf der Straße, und dabei ist sie nur einen Katzensprung vom Hauptbahnhof entfernt. Wo ist 5d? Endlich Passanten! Die suchen dasselbe. Gemeinsam finden wir das Haus hinter Bäumen. Ein turmartiger Backsteinbau mit Klo auf halber Treppe. Im ersten Stock sitzt der Pianist Johannes Kersthold und spielt Am See für Flügel und PC. Das Regal an der Wand ist aus Ziegeln und Brettern, im Zimmer stauen sich 30 Zuhörer, alle auf den Spuren von "Piano City". Mehr als 70 Wohnzimmerkonzerte, verteilt auf ganz Berlin und ein Wochenende, organisiert über Internet, Bewerbung via Video, wobei es auf Vielfalt ankam.

Weil jeder mitmachen kann und mitunter sieben Konzerte gleichzeitig stattfinden, wird das Projekt zur Stadterkundung, deren Route sich jeder selbst durch den Dschungel legt. Was für Biotope! Jazzpianist Kersthold bewohnt und bespielt eines der krassesten. Hier stand das erste Gefängnis, in dem die Preußen Einzelhaft erprobten. Wilhelm Voigt saß hier wegen Fälschung ein, ehe er zum "Hauptmann von Köpenick" wurde. Vom Knast blieben nur die Häuser für Gefängniswärter. In so einem bastelt nun Kersthold, 45 Jahre alt, Computerbeats, Naturgeräusche und Jazz zusammen, wenn er nicht als Barpianist anschaffen geht. Leute wie er prägen das neue Berlin, das szenige.

Aber das ist ja nur ein Berlin. Es gibt so viele, und überall stehen Klaviere. Sogar im Tegeler Forst. Der Wald wirkt endlos, die Einfamilienhäuser der Siedlungen sind wie kleine weiße Festungen. Laura sitzt am Klavier, hinter blickdichten Stores, zwischen Gummibaum und Spitzendeckchen. Ihre Mutter hat Kaffee und Kuchen gemacht. Das Wohnzimmer ist rappelvoll, nicht nur mit Nachbarn. Ein Freak ist per Fahrrad aus Kreuzberg gekommen, "weil ich noch nie in Tegel war und wissen wollte, wie es da ist". Laura spielt für uns Stücke, die sie "voll schön" findet. Sie träumt sich mit Musik aus Amélie in die weite Welt. Sie ist nicht nervös. Ihr Klavier ist ein treuer Vertrauter.

Auch Uschik Choi träumt, aber ganz konkret von einer Solistenlaufbahn. Könnte klappen. Der 17-jährige Berliner Gymnasiast sitzt in Kreuzberg. Draußen scheppert es am Flaschencontainer, drinnen jagt der Koreaner mit Liszt und Chopin so virtuos über die Tasten des Blüthner, dass man die Ohren anlegt. Räusche der Romantik, Welten entfernt von der Charlottenburger Wohnung, in der eine Musiktherapeutin meditative Stimmung verbreitet. Am Ende ein altirischer Reisesegen, zu dessen Melodie von droben, vom Hochbett, eine Männerstimme Gottes Segen erbittet. Reisen wir also, nach Schönefeld! Berlin, ein Stück für zehn Klaviere und Navigationsgerät…

Weit im Süden, wo einst die Mauer war, stehen nagelneue Häuser mit Sprossenfenstern. "Sie werden Leidenschaft erleben und eiserne Disziplin", erklärt die Hausherrin, eine rumänische Mathematikerin. Ihre 16-jährige Tochter heißt Lara. Statt Amélie spielt sie Beethoven. Ihre Mutter hat recht. Hier wird am Fortepiano nicht geträumt. Hier geht es auch um Anerkennung, um das Klavier als Zentralmaschine bürgerlicher Kultur wie vor hundert Jahren.

In Friedenau klingt es, als sei die völlig ungefährdet. Friedenau ist der Akademikerstadtteil mit Ökomärkten, in denen Nobelpreisträger einkaufen. Hier sitzen Marie und Anna, zwölf und dreizehn Jahre, Töchter französischer Musiker, und spielen vierhändig. Sie sind ganz bei sich und in der Musik. In den Jeux d’enfants von Bizet leuchtet es, als seien der Jardin du Luxembourg und das Jahr 1871 gleich nebenan. Berlin, was ist das? Wärtertürmchen, Hinterhöfe, Siedlungshäuser, alles nur verlinkt, hinter jedem Fenster eine andere Welt. Nur sieben Oktaven halten die Stadt noch zusammen.