In freier Wildbahn leben nur 500 Exemplare. Der Sibirische Tiger ist die größte lebende Katze der Welt © Pedro Armestre/AFP/Getty Images

Alle erstreben es, aber fast keiner erreicht es: Leben in Harmonie. »Life in harmony« lautete das Motto der Umweltorganisation der Vereinten Nationen (Unep) für ihre zweiwöchige Weltkonferenz über Erhalt und Nutzung der Biodiversität, die bis Ende Oktober im japanischen Nagoya stattfand. Rund 8000 Teilnehmer aus 192 Vertragsstaaten waren angereist, um den globalen Vertrag über die biologische Vielfalt CBD (Convention on Biological Diversity) zu renovieren. Diese Konvention, 1992 beim Erdgipfel in Rio feierlich aus der Taufe gehoben, hatte versagt: Sie sollte die Vielfalt aller Lebewesen und Ökosysteme besser schützen, doch weltweit schreitet die Zerstörung der Arten- und Lebensraumvielfalt unvermindert voran.

Handlungsdruck und Anspruch in Nagoya waren dementsprechend riesig – und riesig war am Ende auch die Erleichterung darüber, dass man den Verhandlungsmarathon um kontroverse und höchst komplexe Themen überhaupt einstimmig abschließen konnte . Nicht weniger als 49 Dokumente wurden verabschiedet – und alle 20 eingangs gesetzten Ziele tauchten irgendwo darin wieder auf. Als größter Streitpunkt galt die Frage nach der Nutzung der genetischen Ressourcen armer Länder (oft als »Biopiraterie« verpönt) und einem fairen Ausgleich dafür, doch auch hier fand sich eine Antwort.

Die unerwartete Meisterleistung an Kompromissen endete mit minutenlangem Applaus. Und der Konferenzpräsident, Japans Umweltminister Ryu Matsumoto, schlug den Bogen zum Tagungsmotto: »Mit diesem starken Ergebnis können wir beginnen, eine Beziehung der Harmonie mit unserer Welt aufzubauen.« In völligem Einklang verkündete schließlich die Unep: »Auf dem Nagoya-Biodiversitätsgipfel ist eine neue Ära des Lebens in Harmonie mit der Natur entstanden.« Selbst die Umweltverbände WWF, Greenpeace, Nabu und BUND begrüßten das Abkommen als Erfolg. Hegen und pflegen die Menschen künftig Pflanzen und Tiere, Gewässer und Wälder – überall Harmonie?

Ein Schlusskommentar von Ahmed Djoghlaf , dem Exekutivsekretär der CBD, weist ungewollt auf die Schwächen. Djoghlaf würdigte die neue globale Allianz für den Lebensschutz als historisch: »So wie Kyoto in die Geschichte einging als Stadt, in der das Klimaabkommen entstand, wird man sich an Nagoya erinnern als die Stadt, in der das Biodiversitätsabkommen entstanden ist.« Kyoto steht zwar für Bewusstseinsbildung, doch das gleichnamige Klimaschutzabkommen war ein Flop. Sicher wird auch die Konvention von Nagoya das Bewusstsein fördern. Aber wird sie die riesige Vielfalt an Lebensformen und Ökosystemen ebenso wirksam schützen können?

Das wäre ein Wunder. Denn man kann nur das effektiv schützen, was man tatsächlich kennt. Gegenwärtig sind zwar rund 1,9 Millionen Arten bekannt, doch jährlich werden Tausende neue entdeckt, ob im Amazonasbecken oder in der Tiefsee . Schätzungen zufolge wurden bisher nur etwa zwei bis zehn Prozent der gesamten biologischen Vielfalt erfasst.

Klar ist, dass des Menschen Ressourcenhunger zu Druck auf die Ökosysteme führt, etwa in Form von Entwaldung, Überfischung oder Zersiedelung der Küsten, was wiederum den Artenreichtum akut gefährdet. Doch lässt sich dessen Schwund nicht zuverlässig schätzen. Denn halbwegs solide Bestandsaufnahmen über längere Zeiträume – ohne die man die Dynamik nicht einmal richtig beurteilen kann – gibt es allenfalls für Europa und Nordamerika. Vergleichbare Erhebungen für die armen und besonders artenreichen Länder fehlen. Deshalb war es ein Grundfehler der alten, politisch geprägten CBD, für das Jahr 2010 eine »signifikante« Reduktion des Artensterbens zu versprechen. Mangels Daten entbehrte dieses Gelöbnis jeder wissenschaftlichen Grundlage. Experten erwarten inzwischen, dass es selbst bis 2020 schwerfallen wird, eine Reduktion klar zu belegen.