Es gab einmal eine Zeit, da lag es sehr nahe, gegen Atomkraft zu sein. Damals standen auf der einen Seite die neuen Reaktoren mit ihren Gefahren. Und auf der anderen Seite stand die absurde Drohung, ohne die Meiler gingen »die Lichter aus«. Was sonst hätte man damals auf die Frage nach der Atomkraft antworten sollen als: »Nein, danke«?

Wann genau diese Zeit zu Ende ging, ist nicht leicht zu sagen. Wenn es ein Schlüsseldatum gibt, dann ist es der dritte Bericht des Weltklimarats, veröffentlicht 2001, nach dem ein Zusammenhang zwischen Erderwärmung und Treibhausgasen kaum noch abzustreiten war. Spätestens da war der Atomindustrie ein neues Argument zugewachsen: Sie produziert klimafreundlichen Strom.

Natürlich hatten die Ingenieure und Konzernherren daran zuallerletzt gedacht, als sie ihre Kraftwerke bauten. Dennoch muss die Abwägung spätestens seither eine andere sein. Es steht jetzt in Europa ein Risiko, das die Bewohner dieses reichen Kontinents vor allem selbst tragen – das Risiko eines Atomunfalls –, einem anderen gegenüber, das sie mit verursachen, dessen Folgen aber überwiegend andere treffen: dem Klimawandel. Atomkraftwerke gefährden nun einmal vor allem die Menschen in ihrer Umgebung, während Dürren, Missernten, Wetterkatastrophen und andere Begleiterscheinungen der Erderwärmung nicht unser Problem sind und es auch kaum je sein werden.

Das ist noch kein Grund, für neue Atomkraftwerke zu werben; Sonne und Wind sind attraktive und in absehbarer Zukunft auch billigere Alternativen. Aber es könnte durchaus ein Argument dafür sein, die Reaktoren, die schon stehen, einstweilen weiter zu betreiben, um möglichst schnell aus der klimaschädlichen Kohlekraft aussteigen zu können. Und es ist auf jeden Fall ein Grund, der neu erstarkten Anti-AKW-Bewegung, die sich am Wochenende zum traditionellen Spektakel um den Castor-Transport im Wendland trifft, ein paar Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Wie erklärt ihr den Opfern des Klimawandels, dass ihr Straßen und Schienen besetzt, um eine klimafreundliche Art der Stromproduktion zu verhindern? Ist das Ignoranz? Oder westlicher Egoismus?

Um das wichtigste Resultat vorwegzunehmen: Die Antworten sind wenig überzeugend. Und manche sind ganz einfach unwahr.

Man muss der Anti-Atom-Bewegung zugute halten, dass sie oft recht behalten hat. Die alten Kernkraftwerke, die von Brunsbüttel bis Gundremmingen in der Landschaft stehen, wirken heute wie betonierte Denkmäler einer größenwahnsinnigen Epoche; ihre gewaltigen Energiemengen vergeuden sie größtenteils, um Kühltürme und Flüsse aufzuheizen. Kaum jemand bestreitet noch, dass die Welt besser dran wäre, wenn sie die Atom-Milliarden rechtzeitig in Wind- und Sonnenstrom investiert hätte. Und dass jedenfalls einige der Leute, die von den Kernkraftgegnern damals die »Atommafia« genannt wurden, tatsächlich so kriminell waren, wie ihre Widersacher es behaupteten, darf inzwischen als bewiesen gelten, spätestens seit der Inhalt der illegalen Atommüllkippe Asse 2 ans Licht kommt.

All das kann aber kein Grund sein, den Klimawandel zu ignorieren. Vielleicht ist aber genau das eines der Probleme der Atomgegner: Sie haben so oft recht behalten, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, im Unrecht zu sein.