Rastlos streifen die Security-Leute durch die Hotelhalle, draußen, hinter dem Wald, lauert abrufbereit die Polizei. Und das alles in der Nähe der deutschen Grenze. Immer wieder wirft das Publikum besorgte Blicke zu den Fenstern des schmucklosen Raumes. Doch draußen bleibt alles ruhig, und auch der Mann auf dem Podium lächelt zuversichtlich. Auf seinem blank rasierten Schädel spiegelt sich die Deckenlampe, die schwarze Hornbrille scheint wuchtiger denn je. Ja, der Eindruck täuscht nicht. René Kuhns Wangen sind eingefallen, und seine Hose schlottert. Die Aufregungen der letzten Woche haben ihn fünf Kilo gekostet.

Kein Wunder. Begonnen hat es vor zwei Wochen damit, dass er plötzlich ohne Konferenzsaal für seine 150 angemeldeten Anti-Feministen da stand. In letzter Minute hatte das gebuchte Giardino verde abgesagt, ein Gewächshaus auf der grünen Wiese – und damit Traumziel für alle Chaoten. Auch die anderen angefragten Lokalbesitzer wollten kein Risiko eingehen. Dann verschmierten Linksaktivisten ein paar Wände und drohten mit einer Demo während des Kongresses. Um ihren Gegner gewichtiger erscheinen zu lassen, machten sie aus dem 1. Internationalen Anti-Feministen-Kongress die Speerspitze eines rechtsradikalen Trupps, der kurz davor steht, das Bundeshaus für seine Sache zu gewinnen: Frauen, zurück an den Kochherd! Händereibend vermeldeten die Medien, allzeit bereit in Sachen Political Correctness, René Kuhns Schicksalsschläge. Und der fragte sich entnervt: »Wo leben wir eigentlich? In Nordkorea, wo es keine Versammlungs-, Rede- und Meinungsfreiheit gibt?«

Doch vergangenen Samstag zeigte sich, zu welch logistischen Meisterleistungen ein unter Druck gesetztes Männerhirn fähig ist. René Kuhn bestellte seine Antifeministen morgens um sechs Uhr via SMS auf den Flughafen Zürich. In der Abflughalle A mussten sie nach einem Pappkarton mit dem Geheimcode »Egala« suchen und diverse Checkpoints passieren. Um mögliche Verfolger abzuschütteln, wurden sie in Privatautos auf Nebenstraßen, an herbstlichen Äckern und weidenden Kühen vorbei, in ein Hotel am Rhein gefahren, dessen Namen sie – auch später, auch unter Folter! – nie nie preisgeben durften. Der Hotelier sollte nicht für seine Zivilcourage bestraft werden. Der nicht.

Bescheiden senkt René Kuhn den Kopf, als der Applaus für seinen Mut losrauscht. »Eine Sternstunde!«, ruft ein Mann im Publikum und erhebt sich. »In Deutschland würde jeder gelyncht, der einen Anti-Feministen-Kongress organisiert«, fügt der Leiter eines Kölner Kinderhilfswerks bei. In der Schweiz ja auch. René Kuhn weiß inzwischen, dass man straflos über Papst und Propheten herziehen darf. Doch wer Frauen kritisiert, riskiert, in einen Topf mit bekennenden Pädophilen, Vergewaltigern, Holocaustleugnern und anderen Scheusalen geworfen zu werden.

Was immer René Kuhn durch den Kopf ging, die Zeitungen druckten es

Kuhns Helden-Karriere begann mit einem Zufall. Da hämmerte der Luzerner Informatiker und ehemalige Parteipräsident der städtischen SVP seinen Abscheu über die »zerlumpten Vogelscheuchen« in seinen Privat-Blog. Schimpfte, in Stammtischmanier, über das »Gruselkabinett« der linken und grünen Frauen, die weder Schmuck noch Schminke trügen, »obwohl sie es nötig hätten«.

Eine Woche später war das SVP-Mitglied der Frauenhasser der Nation. Glücklich, einen bekennenden Macho am Wickel zu haben, grasten die Journalisten regelmäßig seinen Blog nach neuen Aufregern ab. Und René Kuhn enttäuschte sie nicht. Was immer ihm durch den Kopf ging, stets fand sich eine Zeitung, die es druckte. Selbst sein Unmut darüber, dass Männer in der Boutique nicht mehr vor den Umkleidekabinen warten dürfen, war einer Luzerner Zeitung eine halbe Seite wert. Ihm kann’s recht sein. Jeder Artikel erhöht die Zahl seiner Fans. Und die Mitgliederzahl seiner im September gegründeten Männer-Interessengemeinschaft nähert sich inzwischen der zweitausender Grenze. 

Beflügelt von so viel Aufmerksamkeit, legte René Kuhn nach. »In meiner aktiven SVP-Zeit hat sich kein Schwein für meine Website interessiert.« In nur drei Monaten schlenzte er das Buch Zurück zur Frau – weg mit den Mannsweibern und Vogelscheuchen. Ein Tabubruch hin. Bis heute verkaufte er 5000 Exemplare seines Werkes, was in der Schweiz schon ein Bestseller ist. 

Weil viele Buchhandlungen das Buch boykottieren, vermutet der Autor das Geschäft in Feministinnen-Hand. Zu Recht, meint er, die ins Internet gestellten Fotos der Filialleiterinnen bestätigten ihm das. Seither wundere ihn, schreibt er, »gar nichts mehr«.