Seit Paul Shilongo Frankfurt verlassen hat, ist es dunkel. Zuerst wurden die Lichter der Städte immer schwächer. Dann sah er nichts mehr.

"Du wirst zur Elite gehören! Du wirst Namibia wieder aufbauen!" Immer wieder hört er in seinem Kopf die Sätze, die ihm so oft zugerufen worden sind. Paul schaut aus dem Fenster der Boeing, in die Finsternis. Seine Hände umklammern die Armlehnen. Es ist die Nacht zum 26. August 1990. Zum zweiten Mal in seinem Leben sitzt der 15-Jährige in einem Flugzeug. Doch es ist nicht der Flug, der ihm Angst macht. Es ist die Ankunft. In zwei Stunden wird der Morgen anbrechen und die Maschine SW286 Windhoek erreichen.

Als kleines Kind saß Paul Shilongo schon einmal in einem Flugzeug. Es brachte ihn in ein fremdes Land – die DDR. Das Land, in dem er aufwuchs. Elf Jahre lang wohnte er mit 400 anderen namibischen Kindern auf Schloss Bellin in Mecklenburg; jeden Morgen traten sie dort im Hof zum Appell an: "Pioniere, als die zukünftigen treuen Verteidiger der namibischen Revolution, seid bereit! – Immer bereit!" Jetzt müssen die Kinder die DDR, die ihr Zuhause geworden war, verlassen, um zurück in ein fremdes Land zu fliegen – Namibia, ihre alte Heimat.

Zwanzig Jahre später kniet die Elite Namibias auf dem Boden. Paul Shilongo wischt über die Klobrille. Mit dem Bad ist er gleich fertig, die Küche hat er noch vor sich. Einmal die Woche kommt er hierher in die Wohnung einer Musikmanagerin. Zehn namibische Dollar, umgerechnet einen Euro, bekommt er dafür in der Stunde. Wenn er noch das Auto putzt, verdient er 60 Namibia-Dollar am Tag. Davon lebt er eine Woche lang. Nicht immer reicht das Geld zum Essen. Doch mehr Jobs hat er nicht. Die fleckige Hose schlabbert um seine langen, dünnen Beine, das schmale TShirt ist zwei Nummern zu groß. Wenn er sich schnell bewegt, zieht ein Geruch von Schweiß durch die Luft.

Sein alter Schulkamerad Patrick Hashingola wohnt heute in einem besseren Viertel Windhoeks, wo die Häuser Swimmingpools haben, die Zäune zwei Meter hoch sind und die Hälfte der Nachbarn weiß. Ein Viertel wie das, in dem Paul Shilongo putzt. Würde man die beiden zusammen auf der Straße treffen, sähe es so aus, als sei ein Geschäftsmann mit einem seiner Arbeiter unterwegs. Zwei Männer, die in Namibia geboren wurden und auf Deutsch denken. Die gemeinsam in der DDR aufgewachsen sind, die gleichen Erinnerungen haben, dasselbe Schicksal teilen. Einer ist heute erfolgreicher Manager, der andere ein Tagelöhner.

Ein letzter Blick auf die glänzenden Armaturen. Paul Shilongo ist fertig, das elektrische Tor der Wohnanlage schließt sich hinter ihm, er macht sich auf den Heimweg. Er wohnt in einer der zahllosen Blechhütten außerhalb Windhoeks, wo Bier in Literflaschen und Fleisch in schmutzigem Zeitungspapier verkauft wird. Jeder Vierte ist hier HIV-positiv, Plakate an der Straße warnen vor Aids. "Katutura" heißt die Township, in die die Weißen die Schwarzen während der Apartheid zwangsumsiedelten: "Ort, an dem wir nicht leben wollen". Mit acht Männern teilt Shilongo sich eine neun Quadratmeter große Hütte. Ohne Strom, ohne Wasser, ohne Toilette. Seine Habe passt in eine Plastiktüte. Eine durchgelegene Matratze ist sein wertvollster Besitz.

Wenn Paul Shilongo von seiner Kindheit erzählt, spricht er in akzentfreiem, flüssigem Deutsch. Abel Shafa Shuufeni, der Betreuer der namibischen Kinder in der DDR, hatte ihnen immer wieder eingebläut: "Ihr müsst in der Schule lernen. Euch anstrengen, die Besten sein!" Paul Shilongo lächelt: "Er sagte uns: Ihr werdet die zukünftigen Führer eures Landes sein!" Dann ist es still. Und der Satz hängt in der Luft, wie ein Versprechen, das nie eingelöst wurde.

 

Im Winter 1977 flieht Pauls Mutter mit ihrem zweijährigen Sohn nach Angola. Südafrika hält zu dieser Zeit Namibia besetzt und unterdrückt mit seiner Apartheidpolitik die schwarze Bevölkerung. Pauls Vater schließt sich dem Widerstand an, der Swapo, South-West Africa People’s Organisation, wie sich die marxistische Befreiungsbewegung nennt. Ihr Anführer ist Sam Nujoma. Pauls Vater befehligt Truppen an der angolanischen Grenze. Bis ihn eine Landmine tötet. Pauls Mutter stirbt ein paar Wochen später im Flüchtlingslager.

Hunderte kommen ums Leben, als am 4. Mai 1978 die südafrikanische Armee das Lager in Angola bombardiert. Die Swapo bittet die kommunistischen Staaten um Hilfe. Die DDR sagt zu, verwundete Soldaten in ostdeutschen Krankenhäusern gesund zu pflegen. Doch Sam Nujoma fordert mehr: Weil ein zukünftiges Namibia gut ausgebildete Führer brauche, soll die DDR Kinder aus den Flüchtlingslagern aufnehmen und nach sozialistischem Vorbild zur künftigen Elite Namibias erziehen. Über 400 namibische Kinder, die meisten von ihnen Waisen, kommen so bis 1989 in die DDR.

Paul Shilongo und Patrick Hashingola sind vier und sieben Jahre alt, als sie in die DDR kommen. Die Kinder werden im Schloss Bellin in der Nähe von Güstrow untergebracht, einem alten Gutshaus mit mächtigen Säulen und Freitreppe zum Park. Der Salon mit seinem dunklen Holzboden und dem steinernen Kamin wird zum Spielzimmer, im ersten Stock liegen mehrere Sechsbettzimmer und ein großer Waschraum.

Das Leben in Mecklenburg ist für den kleinen Paul voller Rätsel. Er isst die Zahnpasta, weil sie so lecker schmeckt, beißt in den Schnee, den er für Zucker hält, versucht, den linken Schuh auf dem rechten Fuß anzuziehen. Schuhe hat er vorher nie getragen. Wenn Paul Shilongo heute von der DDR spricht, dann redet er nicht über die Stasi oder Mauertote. Seine DDR ist ein friedliches Land, das nach Knusperflocken schmeckt und nach Tannennadeln duftet. Der Ort, an dem er glücklich war.

Sowohl die Swapo als auch die DDR versprechen sich einiges von den Kindern: Die Swapo will disziplinierte, militärisch ausgebildete Führungskräfte, die DDR erhofft sich Einfluss auf ein künftiges sozialistisches Bruderland. Die Erziehung der Kinder zu Zucht und Ordnung ist Chefsache. 1982 schreibt das Ministerium für Volksbildung im Bericht zur Lage des Kinderheimes Bellin 1980–1982, abgezeichnet von der Ministerin Margot Honecker persönlich: "Die Kinder lernen einfache körperliche Maßnahmen kennen und mit Hilfe der Erzieherinnen auszuführen (...). Sie lernen Waschutensilien kennen, beginnen sich selbständig die Hände und Gesicht zu waschen und beachten das Hochstreifen der Ärmel; werden mit Funktionen des Kammes vertraut gemacht, daran gewöhnt, sich die Nase mit Zellstoff zu säubern, und dazu geführt, zu erleben, wie angenehm Sauberkeit ist."

In der Schule lernen die Kinder nach dem Lehrplan der DDR. Paul Shilongo und Patrick Hashingola rechnen aus, wie viel Kohle ein sowjetisches Kraftwerk benötigt, um Wärme für eine Großstadt zu erzeugen. "Die Schüler stellen viele Fragen zur gesellschaftlichen Entwicklung der DDR (Wart ihr schon immer frei? Waren bei euch auch Faschisten?). Großes Interesse bezeugen sie für das Leben und den Kampf Ernst Thälmanns", heißt es in einem Bericht über die Unterrichtsarbeit. Sie werden in der Schule zu Höchstleistungen angetrieben; wer eine Zwei schreibt, wird vom Lehrer getadelt. 1983 besucht Sam Nujoma die DDR und trifft sich mit der Abteilung Volksbildung des Zentralkomitees der SED. "Nach Meinung von Genosse Nujoma kommt es darauf an, diesen Kindern nicht nur eine gute fachliche, sondern vor allem auch eine gute politisch-ideologische Bildung und Erziehung zu vermitteln, damit sie auf Führungsfunktionen in Namibia – als Mitarbeiter des Staatsapparats, als Ökonomen, Ärzte usw. – gut vorbereitet werden", hält eine Aktennotiz fest.

Paul Shilongo erinnert sich an den Besuch von "Vater Nujoma", wie er ihn nennt. Mit einem Appell empfangen sie ihn. Sie stehen stramm, als er sie auf den Kampf gegen die Südafrikaner einschwört. "Wenn euer Land euch braucht, müsst ihr kämpfen!", ruft er den Kindern zu. "Viva Swapo! Viva Sam Nujoma!", brüllen sie in ihren Pionieruniformen zurück und recken die kleinen Fäuste gen Himmel.

Nachts marschieren Paul und Patrick mit den anderen durch die Wälder Güstrows, immer bereit, den imaginären Feind mit einem selbst gebastelten Holzgewehr zu erschießen. In den Ferien fahren sie ins Zeltlager an der Ostsee, zusammen feiern sie Geburtstage und Weihnachten. Abends schauen sie die Aktuelle Kamera im Gemeinschaftsraum. Die Älteren, die später in einem Internat in Staßfurt leben, helfen vier Stunden in der Woche in volkseigenen Betrieben. "Am Wochenende sind wir zu Sportwettkämpfen gefahren oder haben bei Erntearbeiten auf dem Feld geholfen", erzählt Paul Shilongo. Und nachts schleichen sie sich manchmal durch den Zaun des Internats und gehen in Staßfurt in die Disco.

Wenn die Betreuer oder die Swapo-Soldaten, die sie manchmal besuchen, von der Rückkehr in die Heimat sprechen, hört Paul kaum noch hin. Mit jedem Jahr verblassen seine Erinnerungen an Namibia. In Gedanken stellt er sich ein exotisches Land mit Palmen und Strand vor, ein Land, in dem Bananen auf den Bäumen wachsen und jeden Tag die Sonne scheint. Ein Land, unsagbar weit weg.

Dann fällt in Berlin die Mauer, und in Namibia finden die ersten freien Wahlen statt. Die Swapo siegt, Sam Nujoma wird der neue Präsident. Namibia ist unabhängig. Doch die DDR ist am Ende. Schnell steht fest: Die Kinder sollen zurückgebracht werden. Am Abend des 25. August 1990 hebt die erste von drei Chartermaschinen in Richtung Windhoek ab.

Als das Flugzeug am nächsten Morgen landet, hat sich neben dem Rollfeld eine Menschenmenge versammelt. Swapo-Führer, Eltern und Journalisten sind gekommen, um sich die neue Elite anzuschauen. Mädchen in grünen Röcken, blau-weißen Blusen und mit roten Halstüchern führen traditionelle Tänze auf. Das Geräusch von Buschtrommeln dröhnt über den Flugplatz. Auch an Begrüßungsgeld für die GDR kids, wie die namibischen Zeitungen sie nennen, hat man gedacht: 50 Namibia-Dollar für jeden. Sam Nujoma heißt die "Kinder des Freiheitskampfes" in ihrer Heimat willkommen und spricht vom Stolz auf die Rückkehrer. Von den Kindern als künftigen Führern spricht er nicht.

 

Patrick Hashingola sitzt im Café Schneider, dem ältesten deutschen Café in Windhoek, einem Überbleibsel der deutschen Kolonialzeit. Schwarze Frauen bedienen in weißen Spitzenschürzen, es gibt Kaffee in Kännchen und Schwarzwälder Kirschtorte. Hashingola ist Manager für Unternehmenskommunikation bei der Brauerei Namibia Breweries . Sein weiß-blau gestreiftes Hemd ist frisch gestärkt, seine Lederschuhe glänzen.

Damals, 1990, holte ihn niemand am Flughafen ab. Elf Jahre lang hatte er nichts von seiner Familie gehört, seine Mutter war als Kind zum Ziegenhüten geschickt worden statt in die Schule, Briefe schreiben konnte sie nicht. "Für mich waren wir auf Schloss Bellin so etwas wie eine Familie", sagt er. Man brachte ihn und die anderen in eine Art Auffanglager, ein Heim für die "DDR-Kinder". Nach und nach meldeten sich einige Eltern, viele kamen aus dem Ovamboland im Norden Namibias, wo die Menschen traditionell von Rinder- und Ziegenzucht leben und in Holzhütten wohnen. Über 200 Kinder verschwanden in diesen Tagen mit ihren Verwandten ins Ovamboland, um Ziegen zu hüten und Mais zu stampfen. Niemand weiß, was aus ihnen geworden ist.

Irgendwann kam auch eine kleine, dürre Frau, die ihren Sohn suchte. Sie nannte ihren Namen, Theresia Hashingola, Patricks Mutter. Sie stand vor ihm in ihrer bunten Ovambotracht, die ihm genauso fremd erschien wie die Frau, die sie trug, und wie das Land, das seine Heimat sein sollte.

Anfangs können sich Mutter und Sohn kaum verständigen. Seine Mutter spricht kein Deutsch, auch kein Englisch, und Patrick versteht kaum Oshivambo, die Sprache seines Stammes. Nur an ein paar Brocken, die ihm die namibischen Erzieher in der DDR beigebracht haben, erinnert er sich noch. Seine Mutter lässt ihn bei Verwandten in Windhoek, er soll die Schule beenden.

Paul Shilongo hatte keine Eltern mehr, die nach ihm hätten suchen können. Eine deutschstämmige Familie nahm ihn als Pflegekind auf. Seine Pflegemutter, Marie Seidel, hatte in der deutschsprachigen Allgemeinen Zeitung gelesen, dass viele Kinder keine Eltern mehr hatten und Familien gesucht wurden, die sie in der Ausbildung unterstützten. Die Seidels hatten genug Geld, sie besitzen mehrere Farmen.

"Irgendwie waren sie ja deutsch, da wollten wir helfen", sagt Marie Seidel, die eigentlich anders heißt, aber mit ihrem richtigen Namen nicht in der Zeitung stehen will. Marie Seidel hält viel von deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit, Ordnung und Disziplin. Ihr Haar ist sorgsam hochgesteckt, ihre Bluse bis oben hin zugeknöpft. Kerzengerade sitzt sie in der Bibliothek ihres 200 Quadratmeter großen Hauses, um sie herum antike Möbel, die mit ihrem dunklen Holz, den schweren Stoffen und ausladenden Sitzpolstern aussehen, als stammten sie noch aus der Kolonialzeit. An den Wänden hängen Fotos ihrer leiblichen Kinder, dazwischen eine Zeichnung, die Soldaten der kolonialen deutschen Schutztruppe zeigt. Von Paul Shilongo gibt es keine Bilder.

Am Anfang, als sie Paul als Pflegekind zugeteilt bekam, sei alles gut gelaufen, erzählt sie, während sie Gebäck und Tee reicht. Paul lebte im Heim der deutschen Schule, ihr Mann und sie bezahlten das Schulgeld, die Ferien verbrachte er bei ihnen. Nach dem Schulabschluss besorgte ihr Mann dem Jungen eine Ausbildungsstelle bei einer Bank. Alles schien in Ordnung. Richtig stolz sei sie gewesen auf ihren schwarzen Deutschen. Wenn Marie Seidel von Paul spricht, klingt es, als rede sie von einem Projekt. Sie habe Hoffnung in den Jungen gesetzt, kurz nach der Unabhängigkeit. In dieser unsicheren Zeit, in der man nicht gewusst habe, ob die neue schwarze Regierung den Weißen nicht alles wegnehmen würde. Ein schwarzes Pflegekind als Pfand. Ein Beweis für Toleranz und doch einer von ihnen. Ein Deutscher.

Doch Marie Seidels Projekt geht schief. Paul ist 17 Jahre alt, als er anfängt zu trinken. Immer häufiger kommt er nicht zur Arbeit, weil er betrunken in einer der zahllosen Shebeens, der Blechhüttenkneipen der Township, herumhängt. Irgendwann ist er verschwunden. "Mein Mann hat ihn dann gefunden, verlaust und verdreckt wie ein Tier." Seidels Vorzeigeschwarzer war keiner mehr. "Schließlich musste ich mir dann doch eingestehen, dass er kein Deutscher ist, sondern nur ein Schwarzer, der deutsch spricht", sagt sie, "die Sprache hatte mir etwas vorgemacht."

Marie Seidel weiß nicht, dass ihr Pflegesohn sich oft alleine fühlte in jener Zeit. Dass er trank, um nicht mehr darüber nachzudenken, warum viele Schwarze ihn als Deutschen und die Weißen ihn als Kaffer, als Neger, beschimpften. In der Bank, in der er seine Ausbildung machte, redeten seine weißen Kollegen oft über ihre Hausangestellten. Kaffer, die mal wieder den Pool nicht richtig gesäubert hatten. Manchmal, wenn sie etwas von ihm wollten, riefen sie: "Hey, Kaffer, mach du das!" Schloss er sich seinen schwarzen Kollegen zum Mittagessen an, hielten sie Abstand zu ihm. Denn auch Paul spricht nur gebrochen Oshivambo. In den elf DDR-Jahren hat Shilongo seine Muttersprache verlernt, sein Deutsch dagegen ist akzentfrei. "Geh zu den Weißen, du bist Deutscher", sagten seine schwarzen Kollegen. Jeden Tag hat er sich in die heile, abgeschiedene Welt des Schlosses Bellin zurückgewünscht.

Rassismus bekam Patrick Hashingola erst in Namibia zu spüren

Rassismus bekam Patrick Hashingola erst in Namibia zu spüren

Marie Seidel weiß davon nichts, sie hat ihn nie danach gefragt. "Was habe ich bloß falsch gemacht?", fragt sie, und für einen Moment nimmt man ihr die besorgte Mutter ab. Dann erzählt sie, wie sie vor Kurzem ein anderes DDR-Kind traf. Einen jungen Mann in Pauls Alter, der damals auch von einer weißen Familie adoptiert worden sei und nun als Touristenführer arbeite. "Ich war ein wenig neidisch, als ich gesehen habe, wie gut er sich entwickelt hat. Wenn man mit ihm spricht, dann kommt er einem fast vor wie ein richtiger Mensch." Dann fügt sie hastig hinzu: "Na ja, Menschen sind es ja alle – auch Paul."

Mit dem Menschen Paul Shilongo will Marie Seidel heute nichts mehr zu tun haben. Früher habe Paul oft vor ihrer Tür gestanden, habe gebettelt, um Essen, um Geld, um Anerkennung. Manchmal habe sie ihn reingelassen. Letztes Jahr sind die Seidels umgezogen. Ein zwei Meter hohes Tor, Stromdrähte und eine Gegensprechanlage halten ungebetene Gäste fern. "Ich würde Paul heute kein Geld mehr geben", sagt sie. Zu tief sitze ihre Enttäuschung. Darüber, dass Paul Shilongo nicht so funktionierte, wie sie es sich gewünscht hat.

Dabei ist Marie Seidel kein geiziger Mensch. Als das Reiterdenkmal, das an die Kolonialkriege des deutschen Kaiserreichs gegen die Herero erinnern soll, dieses Jahr versetzt werden musste, spendeten sie und ihr Mann mehrere Tausend Namibia-Dollar. Mehr als 60000 Hereros schlachtete die deutsche Schutztruppe damals ab oder ließ sie in Konzentrationslagern verhungern. Es gingen so viele Spenden ein, dass der Deutsche Kulturrat Windhoeks irgendwann zu einem Spendenstopp aufrufen musste. Seidel blickt auf die Zeichnung an der Wand. Auf jene Männer, die damals die Hereros ermordeten. Dann sagt sie: "Die deutsche Gemeinschaft hier hält zusammen, das war schon immer so."

Diese Gemeinschaft besteht aus 22000 Deutschnamibiern, das ist ein Prozent der namibischen Bevölkerung. Eine kleine Gruppe, die immer noch die Wirtschaft des Landes fest in ihren Händen hält – 95 Jahre nach dem Ende der Kolonialzeit. Von den 4000 Farmen in Namibia gehören fast drei Viertel Weißen. Ohlthaver & List, die größte private Unternehmensgruppe in Windhoek mit rund 4000 Angestellten und 72 Millionen Namibia-Dollar Gewinn im letzten Geschäftsjahr, wird seit 1919 von Deutschstämmigen geleitet.

An der Hauptstraße Windhoeks, der Independence Avenue, liegt der Juwelier Adrian & Meyer, ein paar Meter weiter das Safariland Holtz und die Gaststätte "Wirtshaus Windhoek". In den Supermarktregalen findet man deutsches Graubrot, "Gut & Günstig"-Bohnensuppe" und Milka-Schokolade. Jedes Jahr zieht ein "deutscher" Karnevalsumzug durch Windhoek, organisiert vom Sportklub.

Die Kinder dieser deutschen Minderheit besuchen die Deutsche Oberschule Windhoek. 1990 bekamen sie neue Klassenkameraden: die schwarzen DDR-Kinder. Schwarze kannten die weißen Kinder bis dahin nur als Poolboys oder Farmarbeiter ihrer Eltern. An den neuen Klassenkameraden war einiges anders. Wenn eines der DDR-Kinder vom Lehrer einen Tadel erhielt und den Klassenraum verlassen sollte, gingen alle geschlossen raus. Der Gedanke des sozialistischen Kollektivs hatte sie geprägt, aber an der Oberschule wurden Eigenverantwortlichkeit und Individualität gefördert. Das Einzige, was die einheimischen deutschen Kinder mit denen aus der DDR verband, war die Sprache. Aber selbst die war nicht dieselbe.

Das Deutsch der weißen Namibier hatte sich mit Afrikaans, der Sprache der südafrikanischen Besatzer, vermischt. Sie sagen "Ich bin auf Pad", wenn sie sich auf einem Weg oder einer Straße befinden, reden von "braaien", wenn sie grillen meinen, oder sagen "Ich krieg kalt". Die deutsche Sprache in Namibia klingt roh. Die Sprache der DDR-Kinder dagegen ist förmlich, fast Schriftsprache. Sätze wie "Was ich darüber hinaus noch erwähnen muss" sind für sie normaler Sprachgebrauch, genauso wie die Wörter "Solidarität" und "Genosse". Dass das Deutsch der DDR-Kinder grammatikalisch besser ist als das der weißen Namibier, trennte die Gruppen besonders. "Ein Schwarzer, der besser Deutsch spricht als wir", sagt ein ehemaliger Klassenkamerad, "das ging für uns gar nicht."

Patrick Hashingola merkte schnell, dass die Deutschen in Namibia anders sind als die Deutschen in der DDR. "Ich hab erst in Namibia gelernt, was Rassismus bedeutet", sagt Hashingola, während er mit seinem VW Passat durch eine der weißen Gegenden Windhoeks fährt. Lehrer, die einen nie drannehmen, obwohl man sich meldet. Mitschüler, die die Duschen nicht betreten wollen, weil vorher ein "Kaffer" drin war. Manchmal sieht er sie noch, die Jungs von damals. "Na ja", sagt er, "vielleicht haben sie sich ja geändert." Er glaubt es nicht.

Patrick Hashingola ist auf dem Weg zur Pelican Bar. Abel Shafa Shuufeni ist in der Stadt und hat ihn angerufen. Shuufeni war Swapo-Beauftragter, verantwortlich für alle namibischen Kinder in der DDR. Er war es, der die Appelle und die Märsche mit ihnen geübt hat. Der 55-Jährige ist der Swapo treu geblieben. Shuufeni arbeitet heute für das Tourismusministerium, verwaltet eine Lodge für die Regierung.

Die beiden Männer sitzen auf weißen Plastikstühlen, Shuufeni bestellt Bier, Hashingola trinkt Tee. Obwohl er seinen ehemaligen Betreuer überragt, wirkt er klein neben ihm – als wäre der Geschäftsmann plötzlich wieder ein kleiner Junge. Shuufenis Musterschüler, der sich immer brav nach links gedreht hat, wenn Shuufeni beim Morgenappell "Turn left!" gerufen hat.

Abel Shafa Shuufeni spricht gern über seine Schützlinge. Über Nixon zum Beispiel, der Anwalt ist. Naaita, die im Institut für Demokratie arbeitet. Rachel, die bei der Friedrich Ebert Stiftung als Projektmanagerin angestellt ist.

Shuufeni spricht nicht über Mecki, die als Prostituierte in der Gaststätte "Zum Wirtshaus" arbeitet, wo weiße Farmer gern mal einen Zwischenstopp einlegen. Er spricht auch nicht über Elias, der im Stadtpark rumhängt und den ganzen Tag nur säuft und kifft. Nicht über Cliffy, der an Depressionen leidet und bis vor wenigen Wochen noch in einer psychiatrischen Klinik war. Nicht über Rebecca, die in der Township lebt, nicht über Tukki, der im Knast starb, und nicht über Philip, der erst vor Kurzem aus England wiedergekommen ist, wo er sieben Jahre lang illegal lebte.

"Wir, die Swapo, sind stolz auf euch", sagt Shuufeni stattdessen und tätschelt sich den Bauch. Patrick nippt an seinem Tee. Eine Weile sitzen sie schweigend nebeneinander. Der ehemalige Funktionär und der ehemalige Jungpionier. Shuufeni weiß, dass die Swapo mit der Rückkehr der Kinder überfordert war, dass man nicht so recht wusste, was man mit den Sozialisten aus der DDR anfangen sollte. Der Sozialismus war am Ende, und die Swapo baute kein sozialistisches Land auf, wie sie es ihren Unterstützern versprochen hatte. Im kapitalistischen Namibia nutzte es den DDR-Kindern nichts, dass sie wussten, wie ein volkseigener Betrieb funktioniert. Der Befreiungskrieg, für den Shuufeni sie jahrelang trainiert hatte, war vorbei. Die Fähigkeiten der DDR-Kinder wurden im neuen Namibia nicht gebraucht.

Im »Ossi-Klub« in Windhoek schauten sie deutsche Filme

Im "Ossi-Klub" in Windhoek schauten sie deutsche Filme

"Wir sind stolz auf euch", sagt Shuufeni noch einmal. Patrick Hashingola schweigt. Sein Erfolg, sagt er später, habe nichts mit der Swapo zu tun. Seinen gut bezahlten Job verdanke er nicht der Partei, sondern einer Ausbildung in Westdeutschland. Nach seinem Schulabschluss in Windhoek bekam Hashingola ein Stipendium und machte eine Lehre als Industriekaufmann in Trossingen im Schwarzwald. Zum ersten Mal sah er den in der DDR verteufelten Westen, arbeitete in der freien Marktwirtschaft. Seine Arbeit bei der Matthias Hohner AG habe ihm Spaß gemacht, mit seinen Kollegen habe er sich gut verstanden, sagt er. Schnell habe er den schwäbischen Dialekt beherrscht. Das wirtschaftliche System des Westens habe ihn beeindruckt, die vielen mittelständischen Unternehmen, die schwäbische Geschäftigkeit. "Im Gegensatz zur DDR funktionierte dort alles. Ich hab gesehen, dass der Kapitalismus doch nicht jeder gegen jeden war, wie sie uns in der DDR immer weismachen wollten", sagt er.

Es war Hannelore Hopf, die Patrick Hashingola die Lehrstelle in Trossingen, Windhoeks Partnerstadt, verschaffte. Sieben Jahre lang betreute die Sozialpädagogin die DDR-Kinder in Namibia, sprach bei Problemen mit den Lehrern, besorgte Ausbildungsstellen in Deutschland für diejenigen, die in Windhoek keine fanden. Heute bildet Hopf in Deutschland Entwicklungshelfer aus, sie lebt in einer kleinen Wohnung in Bonn.

Dass sie den Job in Namibia aufgegeben hat, bereut sie nicht. "Irgendwann hatte ich das Gefühl, da ist nichts mehr, was ich geben kann", sagt sie. Sie weiß nicht mehr, wie oft sie ganz schnell eine Unterkunft für ein Mädchen finden musste, das zu Hause rausgeschmissen worden war, oder wie oft sie die Kaution für einen der Jungs bezahlt hat, der mal wieder rebelliert hatte.

Was Hopf erzählt, klingt nicht nach der Elite, von der Shuufeni spricht. Es klingt nach Integrationsprogramm. 150 Jugendliche hat Hopf betreut, mit ihren Lehrern und Pflegeeltern gesprochen. Einen Jugendklub hat sie mit den Jugendlichen gegründet, "Ossi-Klub" haben sie ihn genannt, denn das waren sie ja irgendwie auch – Ossis. Einmal die Woche trafen sie sich, um sich auszutauschen und deutsche Filme zu sehen wie Der Himmel über Berlin oder Jenseits der Stille. Manchmal sangen sie alte DDR-Lieder.

Hannelore Hopf weiß, dass viele ihrer Ossis in Namibia keine neue Heimat gefunden haben. "Sie haben den Bruch nicht verkraftet, gerade den Waisenkindern fehlte der Halt", sagt sie. Sie macht eine Pause, denkt nach. "Manchmal hatte ich den Eindruck, dass vor allem die Jüngeren, die in der Pubertät waren, als sie zurück nach Namibia mussten, einfach nicht erwachsen werden wollten. Sie fangen immer wieder neue Ausbildungen an, brechen die alte ab."

Die namibischen DDR-Kinder mussten sich in einer Welt zurechtfinden, in der es das Land ihrer Zukunft, ein sozialistisches Namibia, nie geben würde.

Paul Shilongo war 15 Jahre alt, als er nach Namibia zurückkehrte, Patrick Hashingola war 18. Der eine mitten in der Pubertät, auf der Suche nach der eigenen Identität. Der andere schon fast erwachsen, fähig, das Leben im Sozialismus zu reflektieren. Es sind die älteren DDR-Kinder, die es geschafft haben. Die jüngeren sind noch heute auf der Suche nach sich selbst.

Auch Paul Shilongo hat immer wieder in seinem Leben etwas angefangen und nicht zu Ende gebracht. Eine Ausbildung als Bankkaufmann, eine Lehre als Touristenführer, einen Job im Callcenter. Er bewundert Patrick Hashingola, mit dem er früher im Schlosspark Fußball spielte. Und er beneidet ihn: "Patrick hat eine Familie, die ihn unterstützte, er konnte eine Ausbildung in Deutschland machen. Ich sollte heute eigentlich Banker sein. Aber ich habe irgendwie den Halt verloren."

Paul Shilongo sitzt in einem offenen Geländewagen neben dem Fahrer. Er ist nervös, heute ist seine große Chance: Er darf zur Probe arbeiten. Als Guide soll er deutschen Touristen die Stadt zeigen. "Diesmal schaffe ich es, ich muss", sagt er immer wieder, streicht sich fahrig übers schmale Gesicht.

Aufmerksam hören die vier Touristen aus Deutschland zu, als der Geländewagen in Richtung Township fährt. Shilongo erzählt vom Leben in Havana, einem der ärmsten Teile der Stadt. "Die meisten hier wohnen in Blechhütten", sagt er und zeigt auf die aus Müll und Blech zusammengebauten Behausungen. "Das ist besonders hart im Winter, wenn die Temperatur unter null fällt." Die Touristen wissen nicht, dass er von sich selbst spricht.

Drei Stunden dauert die Tour. Sein Chef ist fürs Erste zufrieden. Er will Shilongo einstellen, zunächst auf Probe. Dann könne man weitersehen.

Das Schloss ihrer Kindheit ist heute ein vornehmes Hotel

Das Schloss ihrer Kindheit ist heute ein vornehmes Hotel

Eenhana, in der Nähe der angolanischen Grenze. Patrick Hashingola hockt zwischen Hühnern und Holzhütten. Die Frauen kochen wie jeden Tag Pap, einen geschmacklosen Maisgrieß. Die Männer sitzen wortkarg am Feuer. Das Huhn ist geschlachtet. Hashingola ist zu Besuch bei seiner Mutter, er trägt eine beigefarbene Hose und ein sandfarbenes Shirt. Tarnfarben. Er hat gelernt, sich anzupassen. Seine Stimme wird tiefer, wie die der anderen Männer, wenn er die Sprache seines Volkes spricht. Redet er mit einem alten Freund aus Süddeutschland, dann spricht er schwäbischen Dialekt. Bei einer Verabredung mit einem Deutschen kommt Hashingola fünf Minuten eher, bei einem Afrikaner rechnet er eine Stunde Verspätung mit ein.

Jahrelang hat er sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt, dem Leben in der DDR, seinen afrikanischen Wurzeln. Er ist kein politischer Führer geworden, wie die Swapo einst versprochen hatte. Er hat die Außenseiterrolle zum Prinzip gemacht: "Ich bin Weltbürger", sagt er. Zwanzig Jahre nach seiner Rückkehr ist Patrick Hashingola angekommen. Es verbindet ihn nicht mehr viel mit Paul Shilongo, dem Suchenden, für den die DDR ein Märchenland geblieben ist, in das er sich bis heute zurückwünscht.

Einmal noch durfte Paul Shilongo an den Ort, der für ihn dieses Glück verkörpert, zurückkehren. Vor zehn Jahren arbeitete er als Betreuer des namibischen Stands auf der Expo. Von Hannover aus fuhr er nach Bellin. Das Schloss ist heute ein vornehmes Hotel, das für sich als "Refugium der Stille und Erholung" wirbt. Aber für Shilongo hatte sich nichts verändert, er war wieder an dem Ort seiner Kindheit. "Alles sah noch aus wie damals", sagt er, "das Schloss, die Wege. Genauso, wie wir es verlassen hatten."

Paul Shilongo hat den Job als Fremdenführer nicht angetreten. Am Tag nach der Probearbeit hat er wieder angefangen zu trinken.

Es ist später Nachmittag, als Patrick Hashingola auf der Rückfahrt von seinem Familienbesuch in seinem VW Passat die Außenbezirke Windhoeks erreicht. Er lässt die Hütten Katuturas hinter sich, vor ihm liegt das Stadtzentrum. Im CD-Player seines Autoradios erzählt ein alter Osthit von sieben Brücken, über die man gehen müsse.

Auf der Independence Avenue, die früher einmal Kaiser-Wilhelm-Straße hieß, setzt Hashingola den Blinker. Er biegt ab. Ein kurzer Schulterblick. Dann gibt er Gas.