Seit Paul Shilongo Frankfurt verlassen hat, ist es dunkel. Zuerst wurden die Lichter der Städte immer schwächer. Dann sah er nichts mehr.

"Du wirst zur Elite gehören! Du wirst Namibia wieder aufbauen!" Immer wieder hört er in seinem Kopf die Sätze, die ihm so oft zugerufen worden sind. Paul schaut aus dem Fenster der Boeing, in die Finsternis. Seine Hände umklammern die Armlehnen. Es ist die Nacht zum 26. August 1990. Zum zweiten Mal in seinem Leben sitzt der 15-Jährige in einem Flugzeug. Doch es ist nicht der Flug, der ihm Angst macht. Es ist die Ankunft. In zwei Stunden wird der Morgen anbrechen und die Maschine SW286 Windhoek erreichen.

Als kleines Kind saß Paul Shilongo schon einmal in einem Flugzeug. Es brachte ihn in ein fremdes Land – die DDR. Das Land, in dem er aufwuchs. Elf Jahre lang wohnte er mit 400 anderen namibischen Kindern auf Schloss Bellin in Mecklenburg; jeden Morgen traten sie dort im Hof zum Appell an: "Pioniere, als die zukünftigen treuen Verteidiger der namibischen Revolution, seid bereit! – Immer bereit!" Jetzt müssen die Kinder die DDR, die ihr Zuhause geworden war, verlassen, um zurück in ein fremdes Land zu fliegen – Namibia, ihre alte Heimat.

Zwanzig Jahre später kniet die Elite Namibias auf dem Boden. Paul Shilongo wischt über die Klobrille. Mit dem Bad ist er gleich fertig, die Küche hat er noch vor sich. Einmal die Woche kommt er hierher in die Wohnung einer Musikmanagerin. Zehn namibische Dollar, umgerechnet einen Euro, bekommt er dafür in der Stunde. Wenn er noch das Auto putzt, verdient er 60 Namibia-Dollar am Tag. Davon lebt er eine Woche lang. Nicht immer reicht das Geld zum Essen. Doch mehr Jobs hat er nicht. Die fleckige Hose schlabbert um seine langen, dünnen Beine, das schmale TShirt ist zwei Nummern zu groß. Wenn er sich schnell bewegt, zieht ein Geruch von Schweiß durch die Luft.

Sein alter Schulkamerad Patrick Hashingola wohnt heute in einem besseren Viertel Windhoeks, wo die Häuser Swimmingpools haben, die Zäune zwei Meter hoch sind und die Hälfte der Nachbarn weiß. Ein Viertel wie das, in dem Paul Shilongo putzt. Würde man die beiden zusammen auf der Straße treffen, sähe es so aus, als sei ein Geschäftsmann mit einem seiner Arbeiter unterwegs. Zwei Männer, die in Namibia geboren wurden und auf Deutsch denken. Die gemeinsam in der DDR aufgewachsen sind, die gleichen Erinnerungen haben, dasselbe Schicksal teilen. Einer ist heute erfolgreicher Manager, der andere ein Tagelöhner.

Ein letzter Blick auf die glänzenden Armaturen. Paul Shilongo ist fertig, das elektrische Tor der Wohnanlage schließt sich hinter ihm, er macht sich auf den Heimweg. Er wohnt in einer der zahllosen Blechhütten außerhalb Windhoeks, wo Bier in Literflaschen und Fleisch in schmutzigem Zeitungspapier verkauft wird. Jeder Vierte ist hier HIV-positiv, Plakate an der Straße warnen vor Aids. "Katutura" heißt die Township, in die die Weißen die Schwarzen während der Apartheid zwangsumsiedelten: "Ort, an dem wir nicht leben wollen". Mit acht Männern teilt Shilongo sich eine neun Quadratmeter große Hütte. Ohne Strom, ohne Wasser, ohne Toilette. Seine Habe passt in eine Plastiktüte. Eine durchgelegene Matratze ist sein wertvollster Besitz.

Wenn Paul Shilongo von seiner Kindheit erzählt, spricht er in akzentfreiem, flüssigem Deutsch. Abel Shafa Shuufeni, der Betreuer der namibischen Kinder in der DDR, hatte ihnen immer wieder eingebläut: "Ihr müsst in der Schule lernen. Euch anstrengen, die Besten sein!" Paul Shilongo lächelt: "Er sagte uns: Ihr werdet die zukünftigen Führer eures Landes sein!" Dann ist es still. Und der Satz hängt in der Luft, wie ein Versprechen, das nie eingelöst wurde.