Wir sehen ein Mädchen, Kopf und Blick gesenkt, es ist vielleicht sieben Jahre alt. Musik setzt ein. Dann erscheint Schrift: "Ich durfte ihn nicht kennenlernen. / Wir konnten nicht zusammen spielen. / Ich bin traurig. / Gab es ihn überhaupt? / Wo ist mein Ur-Opa?" So wirbt unter www.wo-ist-mein-uropa.de der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die tränenrührige Fantasie handelt dabei so offenkundig vom Nachwuchsproblem des Verbandes, dass sie sich ad absurdum führt. Kein Kind weint um einen Uropa, den es nie kennengelernt hat. Nein, die Generation der Urenkel trauert nicht am Familiengrab, wenn sie auf die Jahre 1933 bis 1945 blickt. Längst dem Grundschulalter entwachsen, sitzt sie – gelangweilt, gebannt und manchmal auch ziemlich ratlos – im Geschichtsunterricht.

Die Mehrzahl der heute 14- bis 19-Jährigen wird dort guten Gewissens sagen können: Opa war kein Nazi. Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat mit diesem Satz vor acht Jahren die Verleugnungsarbeit der Enkel beschrieben. Das aktive Familiengedächtnis der Urenkel dürfte hingegen nur selten noch über die Wirtschaftswunderjahre hinausreichen. Während die letzten Überlebenden und Täter sterben, ist eine Generation herangewachsen, für die der Nationalsozialismus ganz und gar Geschichte ist. Wird sich dadurch der Umgang mit der Vergangenheit verändern?

Ja – wobei die Antworten der vierten Generation auf die Frage "Was geht uns das noch an?" ein herausforderndes Bild ergeben. Nur eines steht von Anfang an fest: Die Jugendlichen wollen diese Frage nicht rhetorisch verstanden wissen. 69 Prozent interessieren sich nach eigenem Bekunden "sehr für die Zeit des Nationalsozialismus", 80 Prozent halten Erinnern und Gedenken für sinnvoll, 59 Prozent empfinden Scham angesichts der deutschen Verbrechen. Unterschiede zwischen Ost und West gibt es so gut wie keine. So hat es das Institut TNS Infratest für das ZEITmagazin ermittelt.

Was aber steckt hinter diesen Zahlen? Welche Erfahrungen machen Jugendliche mit der NS-Geschichte ? Und was folgt daraus für die Gegenwart? Wer das wissen will, muss mit Psychologen und Pädagogen sprechen, muss Schüler befragen – und Lehrer.

Berlin, Heinrich-von-Kleist-Oberschule, an einem 9. November: Zum Jahrestag der Pogromnacht plant die Schule eine Feierstunde, zu der auch Vertreter der jüdischen Gemeinde eingeladen sind. Mit einem Schweigegang zu einem ehemaligen Deportationsplatz will man der Opfer gedenken. Eine gute Idee – nur leider können viele Schüler wenig damit anfangen. "Ich habe gerade eine 9. Klasse unterrichtet", erzählt der Referendar Jens B. "Die fragten mich, warum sie da hinmüssen. Was sollte ich sagen? Ich war ja selbst innerlich gespalten. Ich hätte es besser gefunden, wenn das freiwillig gewesen wäre. Die Sache lief dann auch leider recht verkrampft ab" – ein verordneter Schweigegang unter nervöser Aufsicht der Lehrer. Benimmt sich auch keiner daneben? Die Furcht um den Ruf der Schule dürfte dabei größer gewesen sein als die Sorge, der Holocaust könnte in Vergessenheit geraten. Und vermutlich ist dies auch den Schülerinnen und Schülern nicht entgangen. Einige stehlen sich in eine Seitenstraße davon.

Jugendliche haben feine Sensoren für Peinlichkeiten, für falsche Töne und dafür, wie authentisch man ihnen begegnet. "In der Schule wird erwartet, dass man auf jeden Fall Betroffenheit zeigt", geben 43 Prozent der Schüler an. 41 Prozent beklagen: "Man kann seine Meinung über die NS-Vergangenheit in Deutschland nicht ehrlich sagen." Es ist zu befürchten, dass der Geschichtsunterricht allzu oft einem verordneten, nervös beaufsichtigten Schweigemarsch gleicht.

In vielen Klassenzimmern kommt es dadurch zu einem Konflikt zwischen Lehrererwartung und Schülerunlust. Und mancher Pädagoge greift in der Folge verzweifelt zu Schockmaßnahmen. So zitiert eine Studie des Departments für Psychologie an der Münchner Universität einen Geschichtslehrer, der mit seinen Klassen grundsätzlich nur im Winter in die KZ-Gedenkstätte Dachau fährt. Sonst käme nicht das "richtige Feeling" rüber. Bei einem der Besuche hätten die Schüler dennoch ihre Brote ausgepackt und im Bus gleich wieder mit ihren Handys gespielt. "Das nächste Mal fahren wir nach Auschwitz", sagt er. "Weil – es klingt jetzt furchtbar – aber es gibt mehr her, da wirklich drei Tage intensiv Geballtes zu machen."

Das hört sich tatsächlich nach einer Strafaktion an, wie Gudrun Brockhaus, eine Autorin der Münchner Studie, anmerkt. Wer darüber den Kopf schüttelt, macht es sich allerdings zu einfach. Schließlich rührt die (zumindest zeitweilige) Frustration vieler Geschichtslehrer gerade daher, dass das Thema den Kern ihres Berufsethos betrifft. Wo, wenn nicht hier, gibt es etwas wirklich Wichtiges zu vermitteln? Und wo, wenn nicht hier, sind abweichende Meinungen so schwer erträglich? Der Wunsch nach Harmonie im gemeinsamen Verurteilen der Nazi-Gräueltaten und im Bekenntnis zur Demokratie ist nur zu verständlich.

Fatalerweise aber erstickt dieser Wunsch in neun von zehn Fällen die wahrhaftige Auseinandersetzung, indem er das erwünschte Ergebnis unausgesprochen zur Vorbedingung erhebt. (Im zehnten Fall hat man es mit einem jener engagierten Lehrer zu tun, die mit ihren Schülern ein Forschungsprojekt angehen.) Der Geschichtsdidaktiker Meik Zülsdorf-Kersting, der 2004/2005 Schüler von sieben Münsteraner Gymnasien, Real- und Hauptschulen begleitet hat, kam in seiner Studie denn auch zu einem trüben Ergebnis: "Der Geschichtsunterricht", sagt er, "erreicht, nach allem, was man empirisch weiß, vor allem eines: Er übt ein sozial erwünschtes Sprechen über die Epoche des Nationalsozialismus ein."

Was "sozial erwünschtes Sprechen" heißt, zeigen die alljährlichen offiziellen Gedenkrituale. "Es liegt ein geradezu gegenaufklärerisches Moment in den gestanzten Phrasen der Gedenktagsreden", sagt Harald Welzer. "Letztlich sind sie ein Instrument, sich nicht mit der Geschichte zu befassen." Das normierte Sprechen erzeugt eine Fassade, die Erinnerungsarbeit vorspiegelt, aber letztlich nur davon ablenkt, dass man sich die wirklich schwierigen Fragen vom Hals hält, etwa die nach der Schuld. Lieber spricht man von "Verantwortung".

Die gängige Kritik an Political Correctness geht an diesem Problem vorbei. Sie will nicht die Geschichte von Phrasengeröll befreien, sondern die Sprache von Geschichte: Ihre Anhänger wollen wieder von Rasse und Volk sprechen, als habe es den Holocaust nie gegeben. Reflexhaft verfallen sie dabei in eine Rhetorik des Dürfens, die leugnet, dass sprechen handeln heißt ("Man wird ja wohl noch…"). Solche Rhetorik zu durchschauen könnte gerade das Ziel einer kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte sein. Verbale Trauerfloristik hingegen ist etwas für Bundespräsidenten und Oberbürgermeister und hat in der Schule nichts zu suchen.

Dass man es auch anders machen kann, beweisen die historischen Dokumentationszentren dieser Republik. Volkhard Knigge, seit 1994 Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, spricht dazu den befreienden Satz: "Über Betroffenheit erreicht man niemanden." Die Schüler, die hier bis zu fünf Tage verbringen, arbeiten stattdessen an historischem Material, forschend, im Archiv. "Die denken, hier müsse man demütig in die Knie gehen, und machen große Augen, wenn sie merken, dass es um etwas ganz anderes geht." Darf man in einem ehemaligen Konzentrationslager lachen? – "Ja. Aber nicht nur." Kommen auch Neonazis? – "Manchmal sogar in Gruppen, um sich ein Denkmal der Nazizeit anzuschauen. Da ist Aufklärung oft vergebens."

Gern möchte man Lehrern das Prinzip Knigge als Vorbild empfehlen – wären da nicht die Zwänge des Schulalltags. Jemand wie Volkhard Knigge muss eben nicht auch noch Deutsch oder Biologie unterrichten und am Ende eine Note geben. Was aber spricht dagegen, auch in der Schule offen über die Erwartungen an das Thema zu sprechen und als Lehrer bereit zu sein, "politisch inkorrekte" Schüleraussagen fruchtbar zu machen, statt sie empört abzuqualifizieren?

Zum Beispiel, wenn deutsche Schüler deutsche Täter bemitleiden. Das komme vor, selbst wenn man Fotos von Massenhinrichtungen zeige, sagt Volkhard Knigge. Die Grube mit den Toten, die Opfer, kniend am Rand; die SS-Männer oder einfachen Soldaten, die einem nach dem anderen ins Genick schießen. "Die armen Männer. Was die Schreckliches tun mussten – das ist mitunter die erste Reaktion." Meik Zülsdorf-Kersting erzählt von Schülern, die gar eine zweite Reihe von Schützen hinter der ersten imaginierten. "Da regiert die Vorstellung: Wenn die nicht gemordet hätten, wären sie sofort selbst dran gewesen." Auf verstörende Weise kommt dabei zutage, was die Schüler im Innersten bewegt: die Frage, wie ganz normale Menschen tun konnten, was kein normaler Mensch fassen kann. Es wird aber auch deutlich, was solche Bilder jenseits des bloßen Schreckens auslösen können: den Impuls, Schuld abzuwehren.