ZEITmagazin: Ihr habt beide einen persönlichen Bezug zu den Verbrechen der Nazis. Könnt ihr euch erinnern, wann ihr zum ersten Mal etwas darüber erfahren habt?

Jan: Ja, da war ich zwölf. Meine Großmutter und ich haben so ein Ritual, wir gehen regelmäßig miteinander essen, und damals hatte sie das Buch dabei, das sie über ihren Vater, der bei der Gestapo war, geschrieben hat.

Nina: Ich kann mich nicht erinnern, nichts über die Nazizeit zu wissen. Wir reden zu Hause zwar selten direkt darüber, aber irgendwie war die Vergangenheit doch immer präsent. Mein Opa und sein Bruder sind die einzigen Überlebenden ihrer Familie. Aber ich habe mit meinem Opa nie darüber geredet.

ZEITmagazin: Dein Großvater Max Mannheimer hält seit 25 Jahren als Zeitzeuge Vorträge an Schulen, Woche für Woche. Und mit dir hat er nie darüber gesprochen, was er im Holocaust erlebt hat?

Nina: Ich glaube, ich war fünf, als ich ihn mal gefragt habe, was er da für eine Nummer auf dem Arm tätowiert hat. Er sagte, das sei die Telefonnummer eines Freundes, die er auf keinen Fall vergessen wolle. Später sind wir nie mehr auf dieses Thema gekommen. Ehrlich gesagt, ist es mir recht. Und wenn man gerade am Tisch sitzt, will man zwischen Hühnersuppe und Gemüseauflauf eigentlich nicht fragen: Du, wie war das damals in Auschwitz? Wenn ich ihm gegenübersitze, möchte ich nicht darüber nachdenken, was mein Großvater im KZ durchgemacht hat.

ZEITmagazin: Weil das entwürdigend ist?

Nina: Nein, für mich ist er dadurch nicht entwürdigt. Für mich ist er vor allem der gutgelaunte alte Mann, der immer Witze erzählt und sich über uns alle und das Leben lustig macht. Daher ist es ist so schwer, das Schreckliche, das er erlebt hat, mit ihm in Verbindung zu bringen. Ich will das Buch, das er über seine Erlebnisse veröffentlicht hat, lieber nicht lesen, solange er lebt. Ich weiß auch nicht, ob mein Vater mit meinem Opa darüber geredet hat. Wir verdrängen den Holocaust nicht, ich habe mehrere Bücher darüber gelesen und in der Schule viel dazu gemacht, aber er ist in unserem Familienalltag kein Thema. Man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll. Außerdem geht es meinem Großvater gut. Es ist nicht so, dass wir da eine große Wut in der Familie zu verarbeiten hätten. Mein Opa sorgt eher für entspannte Stimmung. Von der ganzen Verwandtschaft ist er der Fröhlichste.

ZEITmagazin: Jan, deine Großmutter hat vor einigen Jahren die Verbrechen ihres Vaters Bruno Sattler in der NS-Zeit aufgedeckt, von denen sie bis dahin nichts gewusst hatte: Er war unter anderem Gestapo-Chef in Belgrad und für die Ermordung Tausender Menschen verantwortlich. Was hat sie dir von ihm erzählt?

Jan: Nur die groben Fakten. Die ganzen Dinge, die ein bisschen härter waren, hat sie weggelassen. Ich konnte damals mit zwölf, ehrlich gesagt, noch gar nicht so viel damit anfangen. Trotzdem wollte ich unbedingt das Buch lesen. Doch sie sagte: Nein, das verstehst du noch nicht, das ist auch zu brutal für dein Alter. Ich hätte wahrscheinlich nicht mehr schlafen können. Dann in der zehnten Klasse war die NS-Zeit Thema in der Schule, und da habe ich sie gefragt, ob sie in unsere Klasse kommen will. Sie hat eine Stelle aus dem Buch vorgelesen.

ZEITmagazin: Warum hast du das vorgeschlagen?

Jan: Weil ich stolz auf meine Oma bin und möchte, dass sie anderen Leuten erzählt, was sie getan hat. Sie hat sich mit der Geschichte unserer Familie auseinandergesetzt und das Thema nie ruhen lassen, sie hat immer weitergesucht nach neuen Details. Man soll wissen, was mein Urgroßvater getan hat.