"Orly" im Kino Einsteigen, bitte!

Leben im Transit: Angela Schanelecs eindrücklicher Flughafen-Film "Orly".

Kurze Option auf Zweisamkeit: Bruno Todeschini und Natascha Régnier

Kurze Option auf Zweisamkeit: Bruno Todeschini und Natascha Régnier

Da laufen sie verhuscht nebeneinander, im Gewühl eines Flughafens. Eine junge Frau, ein noch etwas jüngerer Mann. Und eigentlich unterscheidet sie nichts von all den Menschen um sie herum. Das Auf und Ab der Körper im Rhythmus ihrer nicht allzu eiligen Schritte, die erzwungene Passivität, der suchende oder selbstverlorene Blick, der Rollkoffer rechts, die letzten Einkäufe links. Sie treiben in ihrer eigenen kleinen Geschichte, ihrer eigenen beschränkten Wahrheit voran, und dennoch stechen die beiden heraus aus dem Ganzen. Schwer zu sagen, warum. Doch genau darum geht es in Orly, dem neuen Film von Angela Schanelec, der seine Akteure in den Massenszenen im tatsächlichen Alltag des Pariser Flughafens abtauchen lässt: um das irritierende Schweben zwischen inszeniertem Spiel und scheinbar planlos verfließendem Leben. Um die Scharniere, an denen das eine ins andere kippt, sich spiegelt oder gar beeinflusst. Und schließlich um die magische Vereinzelung, mit der Schanelec ihr Ensemble erst aus der Menge schält, um es im Zeitbrei des Wartens später wieder in ihr verschwinden zu lassen.

Der Transitraum wird in Orly zur Bühne für ein wundervoll eigensinniges Welttheater, in dem die Spielleiterin Schanelec allen textlichen und dramaturgischen Vorgaben zum Trotz nicht gottgleich die totale Kontrolle sucht, sondern die überraschende Kollision zwischen ungeschientem Leben und theatralem Konzept.

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Im angeleiteten Spiel begegnen sich ein Mann, Vincent (Bruno Todeschini), und eine Frau, Juliette (Natascha Régnier), pendelnd zwischen Kontinenten, den Resten ihrer Familie und den eigenen zurückgebliebenen Ideen vom Glück. Vielleicht verlieben sie sich ein bisschen ineinander. Vielleicht auch nur in eine weitere Option auf Zweisamkeit, die man dann doch nicht eingehen wird.

Vom Suchen, Verlieren und Finden handelt auch die nächste Episode. Eine Mutter (Mireille Perrier) und ihr Sohn (Emile Berling) warten auf den Abflug zur Beerdigung des Vaters. Die Stimmung ist gereizt. Man sucht nach etwas Gemeinsamem. Doch plötzlich werden Erinnerungen und Anekdoten von spontanen Bekenntnissen und scharfkantigen Wahrheiten zerteilt. Die Ehe war nicht glücklich, die Mutter liebte einen anderen Mann, zu dem sie leider den Kontakt verloren hat. Eng umgeben von völlig Fremden, fasst auch der Sohn Mut. In einem verstolperten Satz schleudert er sein Coming-out der Mutter förmlich ins Gesicht. Kein großes Drama, nur ein, zwei Blicke, in denen etwas in Millisekunden zusammenstürzt, bevor man sich zum Boarding anstellt.

Woanders wartet ein deutsches Backpacker-Pärchen, das sich nach seiner ersten großen gemeinsamen Reise nicht mehr viel zu sagen weiß. Man schaut sich Fotos an, als wüsste man gar nicht mehr, wo man war, als gäbe es schon keine gemeinsame Erinnerung mehr. Irgendwann steht er (Jirka Zett) auf, stromert durch die Abflughalle und folgt mit seiner Kamera einer Unbekannten. Dieselbe Frau, Sabine (Maren Eggert), wird sich erst in der Anonymität des Terminals trauen, den Brief des Mannes zu öffnen, den sie gerade verlassen hat. Einen Abschiedsbrief. Die Stimme des Verfassers wird sich am Ende aus dem Off über das leere Flughafengelände legen.

Orly ist ein Film über den Abschied, über das Verlassen und das Verlassenwerden. Aber es ist auch ein Film über das Dazwischen, im Transit zwischen Abflug- und Ankunftshallen, zwischen den Episoden der eigenen biografischen Reise. Und anders als die deutschen Schauspieler scheinen die französischen hier einen Hauch mehr auszuspielen. Den Ärger über einen liegengelassenen Mantel, die Bestürzung darüber, den kleinen Sohn solange aus den Augen gelassen zu haben. Oder die ungebremste Vorfreude auf ein Wiedersehen. Das sorgt für einen schönen und für die Regisseurin Angela Schanelec ungewöhnlich leichtgängigen Wechsel aus Melancholie, Heiterkeit und Lebensnähe. Und weil hier nichts zu groß werden darf, ist auch der Kamerablick (Reinhold Vorschneider) oft eine Totale, die mit der Tiefenschärfe den Hauptspielort festlegt, unterstützt von einer Tonspur, die das in der Ferne gesprochene Wort nach »vorn« holt.

Schanelecs frühere Filme spielten in urbanen Räumen (Das Glück meiner Schwester, Plätze in Städten, Mein langsames Leben) oder der privaten Abgeschlossenheit eines bürgerlichen Heims (Nachmittag). In das geschlossene System zwischen den Sicherheitsschleusen von Orly bricht die Außenwelt erst ganz am Ende mit einem Bombenalarm ein. Ohne Panik, ohne Lärm, ganz ruhig, regelrecht gleichmütig wird der Flughafen geräumt. Sicherheitskräfte patrouillieren, weisen den Passagieren den Weg nach draußen. Im Anblick der puren Architektur, ihrer Funktionalität, ihren Piktogrammen, die die Menschen von A nach B lotsen, findet der Film zu seinem stärksten Bild. Es ist eine Ikonografie reiner Abwesenheit. Beinahe so etwas wie ein Schock. Die Stimme des Abschiedsbriefes spricht jetzt von einem Gott, der alles beobachtet, aber nicht eingreift. Doch in der Schlusstotalen vom leeren Gelände kann nicht mal er wohnen. Den Alarm hat eine Tasche ohne Besitzer ausgelöst. Doch das ist nun wirklich ein anderer Film.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 4.11.2010 Nr. 45
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    • Schlagworte Kino | Theater | Film | Flughäfen
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