Schon am Ortsschild guckt der Besucher in jenes Bild, das in diesen Wochen gern in der Zeitung gedruckt wird, um die zauberhafte Versunkenheit und Weltabgewandtheit des 570-Einwohner-Dorfs in Oberfranken zu illustrieren: Die Straße windet sich, vom Nachbardorf Untersteinach kommend, den Berg hinauf. Ein Mühlhaus mit schiefem Giebel. Über der Straße steht, gleich einer goldenen Wand, der Herbstwald, und über den Baumkronen erhebt sich mit Türmen, Bannern und Fensterläden das Schloss der Guttenbergs. Die Oktobersonne bringt jedes Blatt in diesem Bild zum Leuchten. Grüß Gott. Das ist aber wirklich schön hier.

In den nächsten Kurven stehen die Häuser der Leute, die das Land in den fünfziger und sechziger Jahre mit aufgebaut haben: das deutsche Eigenheim mit Garage und Granitkacheln im Gemüsegarten. Ein Kiesrondell. Ein überdachter Blumenkübel. Das Dorf, so versteht der Besucher, ist auch deshalb schön, weil es am Hang liegt (in Dörfern am Hang gibt es mehr Abwechslung, man kann hier die Blicke nach oben und nach unten werfen). Und dann hat der Besucher, wenn er nicht aufpasst und von der Hauptstraße abbiegt, das Dorf, aus dem Deutschlands populärster Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg stammt, auch schon wieder verlassen.

Also: Parken am Kiesrondell. Hier liegt der einzige Laden des Ortes (bis 11 Uhr geöffnet), und hier hängt im Warteraum des Omnibusses das Schild mit der Aufschrift "Das Befahren der Unterstellhalle mit Kleinkrafträdern ist verboten".

Guttenberg bei Kulmbach – der Werbeslogan für die Touristikbranche lautet "kleinste selbstständige Gemeinde Oberfrankens" – hat, seitdem der Verteidigungsminister in Popularitätsumfragen an der Spitze liegt und der Ruf nach seiner Kanzlerkandidatur nicht verstummt, den zweifelhaften Status eines Wallfahrtsorts erhalten. Sonntags parken hier die Touristenbusse. Die Klatschpresse spioniert das Privatleben der Guttenberg-Familie aus. In den letzten Monaten haben sich, was die Öffentlichkeitsarbeit des Ortes angeht, zwei Typen von Dorfbewohnern gebildet: Bürgermeister, Pfarrer und der Wirt des einzigen Gasthofs reden mit der Presse. Andere schweigen bewusst. Am Telefon hat Enoch zu Guttenberg, Schlossherr und Vater des Ministers, einer der anerkannten Dirigenten des Landes und als Mitbegründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz einer der ersten Umweltaktivisten, erklärt, dass er für Interviews derzeit nicht zur Verfügung stehe.

Freitagnachmittag am Kiesrondell in 95358 Guttenberg. Der Verteidigungsminister ist selbstverständlich nicht da, weil er mit Frau und Kindern in Berlin lebt und in der ganzen Welt, dagegen aber nur selten in seinem Heimatdorf zu tun hat. Der Bürgermeister hatte am Vormittag günstigen Baugrund zu rund 37 Euro den Quadratmeter vorgeführt und dabei in der gewohnt dankbaren und respektvollen Weise über die Familie Guttenberg gesprochen ("alles andere als arrogante Leute" – "richten zu Weihnachten Feiern für Senioren und Kinder aus" – "Die Wasserversorgungseinrichtung und der Kindergarten liegen auf Guttenbergschem Grund, werden von der Gemeinde aber unentgeltlich genutzt"). Und nun fasst den Reporter ein Vergeblichkeits- und Lächerlichkeitsgefühl an: Kann ein Dorf allein deshalb interessant sein, weil ein populärer Minister hier zu Hause ist?

Schritte in den Dorfkern hinein. Da steht das Denkmal des Ehrenbürgers Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg (1921 bis 1972), Großvater des Ministers, Mitbegründer der CSU und Staatssekretär im Kanzleramt unter Kiesinger: ein Mann mit feinem Schnurrbart und kräftigen Händen. Die Straße teilt sich an der Freiwilligen Feuerwehr in Obere und Untere Dorfstraße. Die Luitpold-Linde. Alte Häuser, geduckte Häuser: Weiß kommt nach Beige nach Grau nach Lindgrün nach Dunkelgrün nach Bräunlich nach Gelblich. Das fränkische Bauernhaus, in dem noch vor wenigen Jahrzehnten Mensch und Vieh Tür an Tür lebten. Auf der Oberen Dorfstraße sind es zwei Straßenlaternen. Der Dorfbrunnen. Vieles ist hier ehemalig: das ehemalige Gasthaus mit Metzgerei, die ehemalige Dorfschule, bei der die Uhr auf Viertel vor sieben steht. Der Besucher braucht, um jeden Meter Straße von Guttenberg Zentrum abzulaufen, etwa 120 Sekunden. Fundsache: Bei der Gemeinde wurde eine Perlenkette abgegeben, der Besitzer möge sich beim Bürgermeister melden. Plakate am Schwarzen Brett sollen bitte nur mit Reiszwecken befestigt werden (getackerte Plakate werden entfernt). Am Wochenende fährt der Discobus nach Marktleugast.

In der protestantischen Kirche aus dem Jahr 1800 sind, laut Plakette des Bayerischen Umweltministeriums, Fledermäuse willkommen. Die Häuser aus freiherrlichem Besitz erkennt der Besucher an den Jahreszahlen im Giebel und den herrschaftlichen Dächern (Krüppelwalmdächern). Den Übergang von öffentlich zu privat markiert am Ende der Dorfstraße eine Linie zwischen Asphalt und Kies. Viel offener, beiläufiger, dezenter kann so ein Übergang in den Grundbesitz nicht stattfinden. Die Schranke zur Schlossallee steht Fußgängern, entgegen anderslautenden Medienberichten, offen.

 

Gucken. Stehen. Weitergucken. Stehen bleiben. Man hat ja Zeit. Und langsam zurück über die Dorfstraße. Guttenberger Impressionen: Wäschespind, aufgerollter Gartenschlauch, Hasenfamilie aus braunem Ton. Da lehnt unter einer Fernsehschüssel ein Oberfranke wie aus dem Bilderbuch (kräftige Nase, kräftige Augenbrauen, blauer Arbeitskittel) im Fenster. Ein Rentner hält den Strahl eines Schlauchs auf die Straße, obwohl dort längst kein Blatt mehr liegt. Geräusche in Guttenberg sind das Kreischen der Brennholzsäge, Muhen und Hundebellen.

Es sieht in diesem Dorf alles schmuck aus, geharkt, gefegt, instand gehalten. Man sieht die Arbeit, die das macht, wenn alles immer hübsch aussehen soll, und man sieht die Not, Armut und Entbehrung, die jahrhundertelang hinter den dicken Mauern der Dorfhäuser gewohnt haben. Es ist schon deshalb kein ganz gewöhnliches Dorf, weil hier das öffentliche Leben bis in die Gegenwart hinein von einer adligen Familie gestaltet und mitbestimmt wurde. Die alte Zeit ist überall. Wie Mitglieder der Familie zu Guttenberg das hinbekommen, in dieser Feudalkulisse zu leben und gleichzeitig weit draußen in der Welt absolut zeitgemäße, widersprüchliche und aufgeklärte Existenzen zu führen, darüber ließen sich – mit den zu Guttenbergs – lange und hochinteressante Gespräche an großen Kaminen führen.

Blicke von den Pferdekoppeln des Barons Guttenberg über das Dorf. Da kommt ein Herr mit Jagdhund die Dorfstraße hinunter: elegante Erscheinung. Er nimmt die Brille beim Gehen ab, setzt sie auf, nimmt sie wieder ab. Ist er’s? Er ist es. Ein strenger, dabei ironisch, fast belustigt wirkender Blick. Enoch zu Guttenberg sagt: "Ich sage jetzt gern gar nichts."

So stehen Reporter und Baron einen Moment schweigend am Zaun. Da spricht er und freut sich an der Unvermitteltheit seiner Worte: "Der Herbst ist die letzte Jahreszeit, die funktioniert. Den Frühling gibt es nicht mehr, der Sommer ist unerträglich, der Winter nur noch nass." Einen Moment Pause. Blicke ins Herbstgold: "Ich liebe es hier so, dass ich sogar Heimweh nach zu Hause habe, wenn ich hier bin. Können Sie das verstehen?"

Wir gehen dann ein paar Schritte gemeinsam. Vor dem Denkmal seines Vaters sagt Enoch zu Guttenberg: "Hier sehen Sie das einzige mir bekannte Denkmal eines Politikers, der mit Dackel abgebildet ist. Mein Vater war doch Dackelfanatiker." Tatsächlich, die Statue zeigt im Schoß des Politikers die Umrisse eines Dackels. Der Baron verabschiedet sich. Nicken. Lächeln. Ach, wenn Begegnungen doch immer so leicht, offen und vieldeutig wären!

Gegen 18 Uhr in Guttenberg kann es natürlich keinen anderen Ort geben als den Gasthof Zur Post. Wirt Uwe Böhnke, SPD-Vorsitzender des Ortes, gebürtig aus Berlin-Wedding, seit 1997 Pächter des Gasthofs, hat Spiegel Online schon ganze Interviews gegeben. Furniertische. Bierkrüge vom Fischclub. Die Finsternis der fränkischen Gaststube. Die zwei Lampen, die brennen, sind die überm Stammtisch.

Schinkenbrot mit Ei, das zweite, das dritte Bier: Was nicht passt, wird sich hier passend getrunken. Die Feierabend-Runde setzt sich aus je einem Rentner, Fischer, Förster, Drucker und Automechaniker zusammen. Es wird gut rumgestumpft. Der Humor fällt, sofern das Fränkisch zu verstehen ist, ziemlich abgründig aus. Über den KT, wie Karl-Theodor im Dorf genannt wird, könne man gern reden, man müsse aber nicht: "Für uns sind die da oben ja nichts Besonderes mehr." Einer hat mit dem KT früher Fußball gespielt, einer bei der Hochzeit vom KT in Bad Reichenhall Spalier gestanden. Im Gasthof Zur Post war der Minister zuletzt bei der CSU-Versammlung im Februar. Einem hat der KT für ein Champions-League-Spiel des FC Bayern München Karten besorgt, das war schon etwas Besonderes. Und so wird im Gasthof Zur Post ganz nebenbei die Banalität vorgeführt, die jeder Klatschgeschichte im Kern innewohnt. Die besten Biersorten der Welt, sagt einer, stammen alle aus der Gegend, sie heißen Mönchshof, Reichel, Sandler und Eku. Das stärkste Bier der Welt sei mit 28 Prozent Stammwürze der Kulminator.

Nachtleben gegen neun Uhr abends in Guttenberg: geht doch. Der Vollmond steht über dem Dorfbrunnen. Ein Polizeiwagen mit Bayreuther Nummernschild dreht eine Runde. Ein Bewegungsmelder springt an. Im Marktleugast leuchtet weiß das Schild der Discothek Inside.