Ilse Hoenig ist schon ganz unten angekommen: Bei den 1-Cent-Automaten der Spielbank Travemünde, wo man noch sein letztes Kleingeld setzen kann. »Gerade hatte ich noch zehn Euro gewonnen, jetzt sind sie weg«, nuschelt sie zahnlos ihrer Nachbarin zu. Rasend drehen sich die Walzen auf dem Bildschirm, dann kommt die eilige Fantasiewelt zur Ruhe. Die Symbole für Freispiele verschwinden knapp am unteren Bildrand. Also riskiert Hoenig noch einmal einige Cent und dann noch einmal. Vergeblich. Sie zieht ein Gerät weiter.

Glück muss der Mensch haben, zumindest im Spiel. Die meisten allerdings haben keines und versuchen es dennoch immer wieder. So war es für den Staat auch nicht allzu schwierig, vor einigen Jahren mithilfe des Glücksspielstaatsvertrages einen Großteil der Zockerei unter seine Kontrolle zu bringen. Schließlich ging es um die Gesundheit der Bürger, die es in ihrer Spielwut vor sich selbst zu schützen galt.

Damit ist es seit Anfang September vorbei, als der Europäische Gerichtshof urteilte, die vermeintliche Suchtprävention sei nur ein Vorwand für kommerzielle Interessen gewesen. Ausgerechnet die staatlich kontrollierten Lotterien bergen nach Ansicht von Experten der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim nämlich ein weitaus geringeres Suchtpotenzial als etwa die rund 210.000 Spielautomaten – die allerdings vom alten Staatsvertrag gar nicht umfasst werden und größtenteils in privaten Spielsalons und Kneipen stehen.

Nun, da die alte Regelung gekippt wurde und ein neuer Staatsvertrag entworfen werden muss, bricht der Streit um das Glücksspiel wieder los.

»Im Interesse der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes«, so schrieb der Ethik-Beirat des Deutschen Lotto- und Totoblocks in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin, sollten die privaten Spielhallen mit ihren gefährlichen Automaten in der Neufassung des Staatsvertrages strenger reguliert werden. Wie schon in der Vergangenheit verweist die Dachorganisation der Lottogesellschaften, die von der öffentlichen Hand kontrolliert wird, auf die Suchtprävention. Aber wie glaubwürdig ist das Argument? Der Lottoblock warnt nämlich zugleich davor, die bisher staatlich kontrollierten Sportwetten zu privatisieren, obwohl die Hohenheimer Experten sie im Vergleich zu den Automaten als weniger problematisch ansehen. Die Organisation jedenfalls weist den Vorwurf zurück, es gehe ihr nur ums Geld, und erklärt, das Suchtpotenzial von Wetten sei keinesfalls »ausgesprochen gering«.

Die deutsche Automatenwirtschaft reagierte prompt gegen die vermeintliche »Diffamierung« durch den Lottoblock. Seit zwanzig Jahren sei jeder Spielautomat, der Geldgewinne ausschütte, mit einer Suchtwarnung sowie der Telefonnummer einer Beratungsstelle versehen. Bei den in staatlichen Kasinos aufgestellten Automaten suche man dergleichen bis heute oft vergeblich.

Damit ist die Frage völlig offen, wer es denn nun ernst meint mit der angeblich so im Vordergrund stehenden Suchtprävention. Und wie gefährdet die Germanen wirklich sind, über die schon Tacitus vor 2000 Jahren berichtete, dass sie sich um Haus und Hof würfelten, selbst dann, wenn sie nicht zu viel Met getrunken hatten.

Mehr als 22 Millionen Bundesbürger, also jeder zweite zwischen 16 und 65 Jahren, spielen mindestens einmal im Jahr. Der Universität Hohenheim zufolge haben die Deutschen 2008 rund 25 Milliarden Euro riskiert. Sieben Milliarden Euro steckten sie in Lottoscheine, 630 Millionen Euro investierten sie in die Fernsehlotterie, und für gut 590 Millionen Euro kauften sie Lose der Süddeutschen und Norddeutschen Klassenlotterien. Diese Spielarten liegen allesamt fest in staatlicher Hand und zeichnen sich durch besonders schlechte Gewinnchancen aus: Beim Lotto beträgt die Wahrscheinlichkeit des Hauptgewinns in etwa 1:139.000.000. Zudem liegt der Teil der Einsätze, der in Form von Gewinnen wieder ausgeschüttet wird, bestenfalls bei 50 Prozent. Der Rest verbleibt als Einnahme bei der öffentlichen Hand, im vergangenen Jahr waren das 2,9 Milliarden Euro.

Bei den einarmigen Banditen teilen sich Privatwirtschaft und öffentliche Hand derzeit den Topf. Sieben Millionen Deutsche spielen nach Angaben des Verbandes der Deutschen Automatenindustrie regelmäßig an den Slotmaschinen. Allein 2008 registrierte die Physikalisch-Technische Bundesanstalt 100.000 neu aufgestellte Geräte und 390.542 neue Softwareanmeldungen. Im selben Jahr steckten die Deutschen nach Angaben der Universität Hohenheim acht Milliarden Euro in privat betriebene Automaten und ebenso viel Geld in die Geräte der staatlichen Kasinos.