In Portugal lebte einst ein Prinz, der seine Welt um vieles größer machte, als man sie noch im Jahr seiner Geburt gekannt hatte. Ja, es war eine ganz neue Welt, die da im Laufe seines Lebens entstand, eine Welt, die weit über die Iberische Halbinsel, weit über Europa, weit über die nördliche Halbkugel der Erde hinausreichen sollte.

Geboren wurde dieser Prinz, der vierte Sohn des portugiesischen Königspaars, am Aschermittwoch des Jahres 1394, einem 4. März, und auf den Namen Heinrich getauft. Der Großrabbiner Abraham Guedelha, Astrologe und königlicher fisico, stellte dem Kleinen das Horoskop: Der Saturn und der im elften Haus – dem Haus der Geheimnisse und Ambitionen – stehende Mars bestimmten den Prinzen zu "großen und edlen Eroberungen, zur Entdeckung des Unbekannten". So sprach der weise Mann.

Heinrichs Vater hatte sich 1385 gegen alle Ansprüche – vor allem vonseiten der kastilischen Nachbarn – mithilfe englischer Bogenschützen den portugiesischen Thron gesichert. Als König Johann I. begründete er mit Philippa von Lancaster, einer Prinzessin aus dem Königsgeschlecht der Plantagenets, das Haus Avis. Die Söhne genossen neben ritterlichen Unterweisungen beste geistige Ausbildung. Heinrichs ältere Brüder Eduard und Peter werden sich später auch literarisch hervortun.

1408 bekommen die Prinzen, Heinrich ist jetzt 14, eigene Hofhaltungen; sie sollen ihren englischen Vettern in nichts nachstehen müssen. Die Cortes, die Versammlung der Stände, murrt: Portugal ist klein, arm an Geld und Menschen, doch schließlich wird das Gewünschte bewilligt.

Heinrich liebt kostbare Kleidung, teure Ausstattung auch für sein Gefolge und prachtvolle Feste. Und er macht Schulden – sein Leben lang und in einem Ausmaß, dass er dafür nicht gescholten, sondern geradezu bewundert wird. Ein junger Mann von widersprüchlichem Wesen: einerseits übereilt, fast unbesonnen, ohne Sinn für administrative Details – andererseits seltsam zögernd, früh verzagend. Nur zu oft erliegt er Einflüsterungen, macht leere Versprechungen; auch wird er der Günstlingswirtschaft beschuldigt.

Das Land liegt danieder, vom Krieg gegen die kastilischen Nachbarn ausgelaugt, das Geld ist nichts mehr wert. Und doch setzt man auf neuen Krieg; er soll Beute bringen. Zwar ist die Reconquista, die große christliche Wiedereroberung, in Portugal zu Ende, das Land den Mauren entrissen. Vor der Tür aber liegen das immer noch muslimische, allerdings von Kastilien beanspruchte Granada und gegenüber, auf einer schmalen, von der maurischen Küste ins Mittelmeer reichenden Halbinsel, die Stadt Ceuta. Sie ist der Stapelplatz der nordafrikanischen Weizenexporte, Endpunkt der Karawanen aus dem Inneren Afrikas, quo loco sunt leones (wo die Löwen hausen) und wo es, wie Reisende berichtet haben, "Ameisen, so groß wie Katzen, gibt, die an einem großen Fluss Gold aus dem Boden graben und zu großen Türmen aufhäufen". Und ist nicht in Nordafrika einmal Christenland gewesen unter den Goten, von Toledo aus regiert? Reconquista!

Am 26. Juli 1415, einen Tag nach dem Fest des Heiligen Jakobus (Santiago) – er ist der Schutzpatron der Reconquista –, heißt es: Anker auf! Die Vorbereitungen sind nicht geheim geblieben. In halb Europa mussten Hunderte Schiffe gechartert, an die 20.000 Männer gesammelt werden, und schon im Herbst 1413 hatte König Johann den Adel Europas zur Teilnahme am neuen Kriegszug eingeladen. Doch hinter einem Schleier von Desinformationen – Jerusalem, Granada, Malaga, Sizilien, Ibiza? – hielt er das Ziel lange verborgen. Es heißt Ceuta.