Ein berühmter Name kann eine Bürde sein, aber auch ein Ansporn. Hans Mommsen teilt mit seinem Zwillingsbruder Wolfgang J. (der 2004 gestorben ist) das Schicksal, Sprössling einer Historikerdynastie zu sein, die in der deutschen Wissenschaftsgeschichte ohne Beispiel ist.

Der Urgroßvater, Theodor Mommsen, war einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit. Für seine vierbändige Römische Geschichte erhielt er 1902, ein Jahr vor seinem Tod, den Literaturnobelpreis. Der Althistoriker verstand sich als politischer Professor in der liberalen Tradition der 1848er. Er verabscheute das autoritäre Regiment Bismarcks und zog im Berliner Antisemitismusstreit 1879 gegen die antijüdischen Tiraden seines Kollegen Treitschke zu Felde.

Sein Enkel Wilhelm Mommsen, seit 1929 Professor für Neuere Geschichte in Marburg, zählte als Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zu den wenigen Anhängern der Weimarer Republik unter den deutschen Historikern. Doch war er nicht davor gefeit, sich nach 1933 den Nazis anzudienen. Im Herbst 1945 wurde er deshalb von den Amerikanern entlassen. Die Jugend der am 5. November 1930 geborenen Zwillinge war überschattet von dem vergeblichen Kampf des Vaters um die Wiedererlangung der Professur.

Auch Hans und Wolfgang entschlossen sich zum Studium der Geschichte. Ihre akademische Karriere weist verblüffende Parallelen auf: Beide promovierten 1959, Hans in Tübingen bei Hans Rothfels, Wolfgang beim Rothfels-Schüler Theodor Schieder; beide habilitierten sich 1967, und beide erhielten bereits 1968 den ersten Ruf, Hans an die neue Ruhr-Universität in Bochum, Wolfgang an die Universität Düsseldorf.

In ihrer Arbeit gingen die beiden jedoch getrennte Wege. Hans konzentrierte sich auf die Geschichte der Arbeiterbewegung, der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. Unter seinen zahlreichen Publikationen ragt das Großwerk zur Geschichte der Weimarer Demokratie, Die verspielte Freiheit, heraus, das 1989 erschien. Wolfgang, der mit einer Arbeit über Max Weber glanzvoll debütierte, blieb der Geschichte des Kaiserreichs und des Imperialismus treu. Er schrieb unter anderem Standardwerke zur Bismarck-Ära und zum wilhelminischen Deutschland.

»Zweifellos sehr begabt, aber etwas zappelig«, bemerkte Rothfels über seinen Schüler und traf damit einen Wesenszug Hans Mommsens, nämlich die Lust, im akademischen Elfenbeinturm Unruhe zu stiften und zählebige historische Legenden infrage zu stellen. So machte er 1964 von sich reden, als er in einem Aufsatz die These des »Amateurhistorikers« Fritz Tobias von der Alleintäterschaft des Holländers Marinus van der Lubbe beim Reichstagsbrand bekräftigte. Sie hat sich, auch wenn der Streit immer wieder aufflackert, im Wesentlichen durchgesetzt.