Wenn er es gar nicht mehr aushielt, verließ David einfach den Klassenraum. Nur weg von den anderen Schülern. Nur weg vom Lehrer. Ohne zu fragen, ging er ins Treppenhaus und träumte sich in seine eigene Welt. Mal stellte er sich die Sternbilder vor, die er bei klarem Nachthimmel zu Dutzenden benennen konnte. Mal versank er im Universum seiner Pokémonkarten, 493 an der Zahl, die er sämtlich mit Namen und Eigenschaft kannte.

David* geriet oft an diesen Punkt. Etwa wenn er etwas wusste und der Lehrer ihn nicht gleich drannehmen wollte. Oder wenn es ihm in der Klasse zu laut wurde. Dann redete er erst dazwischen, dann begann er zu schreien. Am Ende flog auch mal die Federtasche durch den Raum. Fünf Füllhalter gingen in einem Jahr zu Bruch. Am Ende hieß es: David Klauber, 11 Jahre, partiell hochbegabt, bis auf Weiteres unbeschulbar.

Nun hält Davids neuer Füller bereits seit mehr als einem Jahr. So lange besucht der Junge das Zentrum für Schulische und Psychosoziale Rehabilitation (ZSPR) im Berliner Stadtteil Westend. Gerade ist Gemeinschaftskunde, die Schüler sollen notieren, was ihnen zu dem Begriff "Familie" einfällt. "Erpressung" schreibt Sarah; das Mädchen lebt mit ihrer Mutter und drei jüngeren Geschwistern von Hartz IV. Bei Sefket, dem Sohn serbischer Flüchtlinge, steht "Stress" auf dem Blatt. Paul hat gar nichts notiert. Sein Vater, ein Manager in einem internationalen Unternehmen, zog mit der Familie von einem Land ins nächste. Der Sohn hat das Nomadenleben seelisch nicht verkraftet und kann sich nur schwer konzentrieren.

Die elf Jungen und Mädchen in der älteren von zwei Klassengruppen verbindet, dass sie alle in einer normalen Schule gescheitert sind. Und die Schulen an ihnen. Analphabeten oder Gymnasialbefähigte sind darunter, vernachlässigte und überbehütete Kinder. Für sie hat Michael von Aster, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am DRK-Klinikum, die Spezialschule gegründet. Er schuf das Zentrum, eine Mischung aus Tagesklinik und Förderschule, gegen jeden Trend. Denn überall in Deutschland sollen Sonderschulen in ihrer jetzigen Form aufgelöst werden. Von Aster dagegen eröffnete im Februar 2009 eine neue Schule für stark verhaltensauffällige und psychisch kranke Jugendliche, ein in Deutschland einzigartiges Modell. Über 23 Plätze verfügt das Zentrum derzeit, bald sollen es mehr werden. Er könnte die Zahl der Schüler binnen Kurzem verdoppeln, sagt der Psychiater: "Die Not ist riesengroß."

Im Bildungssystem laufen derzeit zwei Entwicklungen gegeneinander, die so gar nicht zueinanderpassen wollen. Da ist zum einen die Idee, alle Kinder gemeinsam zu unterrichten, gesunde wie kranke, behinderte wie nicht behinderte. So lauten die politischen Vorgaben.

Zum anderen wächst die Zahl jener Schüler, deren Verhalten einen gemeinsamen Unterricht extrem erschwert. "Wenn es nicht gelingt, die Schulen im Umgang mit diesen Schülern besser zu unterstützen, fahren wir die Idee der Inklusion an die Wand", warnt Angela Ehlers, die in der Hamburger Schulbehörde zuständig ist für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.

Seit Frühjahr vergangenen Jahres hat in Deutschland jedes Kind einen Rechtsanspruch auf gemeinsames Lernen. Inklusion heißt das pädagogische Zauberwort. Noch werden in Deutschland mehr als 80 Prozent der Kinder mit einem Handicap in Sonder- oder Förderschulen unterrichtet. Der europäische Durchschnitt liegt bei 15 Prozent. Kein anderes Land verfügt über ein so ausgefeiltes System der isolierten Beschulung wie die Bundesrepublik. Doch eine "Abschiebepädagogik" soll es zukünftig nicht mehr geben.

Dabei wird das Großprojekt Inklusion nicht an jenen Schülern scheitern, die einem beim Stichwort Behinderung zuerst einfallen. Blinde und Schwerhörige, Stumme oder Rollstuhlfahrer lassen sich – technische Hilfen vorausgesetzt – noch relativ einfach mit anderen Schülern unterrichten. Selbst geistig Behinderte, wie etwa junge Menschen mit Downsyndrom, fügen sich oftmals einfacher als bislang gedacht in einen normalen Klassenverband ein (ZEIT Nr. 12/09).