DIE ZEIT: Herr Bröckling, in Ihrem Buch Das unternehmerische Selbst beschreiben Sie einen neuen Sozialtypus. Er ist jung, cool und unabhängig und arbeitet auf eigene Rechnung. Dieser »Selbstunternehmer« scheint wie geschaffen für die Kreativwirtschaft.

Ulrich Bröckling: Man muss unterscheiden, wie die Menschen in der Kreativwirtschaft tatsächlich leben, und den oft recht aufdringlichen Selbststilisierungen dieser Milieus. Solche Selbstinszenierungen und medialen Platzierungsstrategien sind, das darf man nicht vergessen, Teil des Geschäfts. Im Lob der Kreativwirtschaft steckt viel Stadtmarketing, gerade in Berlin. Es soll der Hauptstadt ein gewisses Flair verschaffen.

ZEIT: Aber es ist ja nicht nur Flair und heiße Luft. Immerhin trägt die Kreativwirtschaft in Berlin 13 Prozent zur Wirtschaftsleistung der Stadt bei.

Bröckling: Diese Zahlen aus den jetzt allerorten erstellten Kreativwirtschaftsberichten müsste man sich genau anschauen: Ich vermute, die Künstler liefern das Flair, den Umsatz machen eher Softwareentwickler oder die Leute aus der Medienbranche. Zweifellos kommen viele, meist jüngere Künstler nach Berlin, weil sie in dieser Stadt ein vitales Umfeld vorfinden, und schlagen sich dort dann irgendwie durch. Was mich stört, ist, wenn selbst ernannte »digitale Bohemiens« diese Lebensweise zu einem role model stilisieren .

ZEIT: Was meinen Sie mit role model?

Bröckling: Man tut so, als sei das ein Vorbild für uns alle – als sei das Leben der kreativen Klasse besonders hip und frei.

ZEIT: Aber das ist es doch auch. Man ist ein freier Mensch.

Bröckling: Das Lob der Kreativwirtschaft klingt in meinen Ohren wie eine Identifikation mit dem Aggressor. Man feiert die Zumutungen, weil man sie nicht ändern kann. Ökonomisch erfolgreich sind nur die wenigsten . Überhaupt ist es ja nur eine sehr kleine Schicht, die in der Kreativwirtschaft arbeitet, meist junge Leute zwischen Mitte Zwanzig und Ende Dreißig, in der Regel ohne Familie. Sie sind in der Tat mobil, dynamisch und bereit, mit wenig auszukommen. Die eine oder der andere wird wohl auch noch von den Eltern alimentiert. Die Arbeitsbedingungen in der Kreativwirtschaft sind jedenfalls nichts für Leute, die kleine Kinder haben oder Angehörige pflegen müssen .

ZEIT: Trotzdem sagen viele, die Kreativwirtschaft sei eine ideale Mischung aus Leben und Arbeit. Man ist sein eigener Chef.

Bröckling:Sein eigener Chef zu sein nützt wenig, wenn man sich rücksichtslos selbst ausbeuten muss, um irgendwie durchzukommen. Und Leben und Arbeiten zu verbinden heißt oft nichts anderes, als gar keinen Feierabend mehr zu haben.

ZEIT: Vor zehn Jahren haben wir alle Richard Sennett gelesen und die Horrorvision vom »flexiblen Menschen« beklagt. Heute finden wir das flexible Dasein cool.

Bröckling: Für eine bestimmte Lebensphase mag das attraktiv sein. Aber wenn man eine Umfrage machen würde unter Kreativen, was sie denn täten, wenn sie zwischen einer festen Stelle und der Selbstständigkeit wählen könnten – dann weiß ich nicht, wie viele nicht doch den spießigen Nine to five- Job vorziehen würden.

ZEIT: Das Leben der Festangestellten ist kein Zuckerschlecken. Der Druck hat zugenommen, es geht in vielen Unternehmen wieder autoritär und hierarchisch zu. Dagegen erscheint das Leben in der Kreativindustrie als paradiesisch. Ein viel zitierter Satz in der Szene lautet: »Festanstellung ist der Tod.«

Bröckling: Die Unterstellung, Selbstständige seien frei, Angestellte abhängig, ist pure Ideologie. Sie unterschlägt, wie viel Unsicherheit und Stress mit dieser Lebensweise verbunden sind. Das Reich der Freiheit beginnt erst jenseits der Arbeit, egal, ob ich angestellt oder selbstständig tätig bin. Der Druck hat generell zugenommen, auch die Firmen suchen unternehmerische Mitarbeiter, die allzeit flexibel, innovativ, selbstverantwortlich und risikobereit sind. Die Unterschiede zwischen Angestelltentätigkeit und Selbstständigkeit verschwimmen.