Ein Junge klettert zwischen Kürbissen umher © Jim Watson/AFP/Getty Images

Wie hat es sich angefühlt, zum ersten Mal aufrecht zu stehen? Wonach hat die erste feste Nahrung geschmeckt? Und wie war der erste Sommer des Lebens? Kein Erwachsener kann solche Fragen mit Sicherheit beantworten, denn niemand erinnert sich zuverlässig an seine ersten zwei Lebensjahre. Zwar kann ein Kleinkind sehr wohl erzählen, was es vor ein paar Wochen oder Monaten erlebt hat, doch ein paar Jahre später geht genau diese Erinnerung verloren.

Ob man nur die ersten zwei Jahre vergisst, oder auch das dritte und vierte, lässt sich allerdings beeinflussen. Wie viele Erlebnisse aus der frühen Kindheit sich dauerhaft einprägen, ist nicht allein durch die Biologie bestimmt, zeigen neuere Forschungsergebnisse. »Die Erinnerungen hängen offenbar nicht nur von dem System im Gehirn ab, in dem wir diese verarbeiten, sondern auch von verschiedenen sozialen Faktoren«, sagt die kanadische Psychologin Carole Peterson von der Memorial University of Newfoundland . Sowohl die Kultur, in der man aufwächst, als auch die Beziehung zu den Eltern spielen demnach eine wichtige Rolle.

In westlichen Ländern gehen im Schnitt etwa die ersten dreieinhalb Jahre verloren, in China dagegen mehr als die ersten vier. Das fand Peterson heraus, als sie zusammen mit chinesischen Kollegen 225 kanadische und 133 chinesische Kinder im Alter von acht, elf und vierzehn Jahren nach ihren ersten Erinnerungen fragte. Die Forscher gingen dazu in die Schulen der jungen Probanden und baten jedes Kind einzeln, von den frühesten Erinnerungen zu erzählen. Durch Nachfragen wie »War damals Sommer oder Winter?« versuchten sie, gemeinsam mit dem Kind möglichst exakt zu bestimmen, wie alt es zum Zeitpunkt eines Erlebnisses war. Dann riefen die Forscher die Eltern der Probanden an und prüften, ob die erzählten Erlebnisse und das damalige Alter der Kinder stimmen konnten. Peterson bestätigt mit ihren Ergebnissen frühere Untersuchungen, denen zufolge bei Asiaten etwa ein halbes Jahr mehr an Erinnerungen verloren geht als bei Europäern. In Petersons Studie zeigte sich zudem, dass die chinesischen Kinder sich an weniger frühe Erlebnisse erinnerten als die kanadischen.

Im Westen stehen Kinder oft im Mittelpunkt der Familiengeschichten

Wie kann es sein, dass die frühe Entwicklung des autobiografischen Gedächtnisses so stark von der Kultur abhängt? Die Autoren der kanadisch-chinesischen Untersuchung vermuten: In westlichen Ländern sprechen Eltern anders mit ihren Kindern als in asiatischen. Die Art, wie nordamerikanische Eltern über vergangene Ereignisse reden, erleichtere es den Kindern, diese so zu codieren, dass sie sie gut im Langzeitgedächtnis abspeichern können, schreiben die Forscher und berufen sich dabei auf Untersuchungen zur Kommunikation in Familien unterschiedlicher Kulturen. Gespräche über Erlebnisse seien in nordamerikanischen Familien auf das Kind ausgerichtet. So entstünden aus seiner Sicht Lebensgeschichten, in denen es selbst eine wichtige Rolle spiele. Genau diese Art der Konversation, die die Forscher als »Teil des westlichen Wertesystems um Individualismus und Autonomie« sehen, fördere die frühe Bildung des autobiografischen Gedächtnisses. Im Gegensatz dazu seien die Gespräche über Erlebtes in chinesischen Familien sozial orientiert. Sich die eigenen Erfahrungen einzuprägen gelte dort als weniger wichtig.

Dass kulturelle Besonderheiten die Entwicklung des Gedächtnisses beeinflussen, hält auch der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen für möglich. »Es scheint zum Beispiel für westliche Kulturen typisch zu sein, dass Mütter schon mit Säuglingen viel sprechen«, sagt er. »Das allein könnte schon einen stimulierenden Effekt für die Hirnentwicklung des Kindes haben.«