Wenn Alexander Dürr über sein Hotelprojekt spricht, ist er um Worte für die Architektur nicht verlegen. Die hohen Fenster im Erdgeschoss, der ungehinderte Blick auf die Spree, vor allem natürlich der spektakuläre, drei Stockwerke umfassende Riegel aus Beton, Stahl und Glas, der das Gebäude wie ein frei schwebendes Cockpit überragt, das alles weist für sich genommen schon in die Zukunft. Man habe »einen Akzent setzen wollen«, sagt Dürr, hier im alten Berliner Osthafen. Richtig in seinem Element ist der Mann mit dem Seidenschal aber erst, wenn er von dem schwärmt, was er »unsere Philosophie« nennt.

Vorerst ist einiges an Fantasie nötig, um seinen Exkursen zu folgen: Man wandelt durch leere Lobbys und kahle Flure. Dürr allerdings, der leise sächselnde »General Manager« einer spanischen Investorengruppe, malt die Zukunft mit ausladenden Gesten schon einmal an die Wand. Hier im Erdgeschoss entsteht das »Event Center«, multimedial hochgerüstet und geeignet für Zusammenkünfte aller Art. Über eine Freitreppe bis ins Zwischengeschoss erstreckt sich der »Dynamic Space«, eine in regelmäßigen Abständen neu gestaltete Kunstgalerie. Besonders junger Street-Art wolle man im nhow eine Chance geben, Dürrs Credo: In unserer sich wandelnden Welt bedeutet Stillstand Tod. Deshalb muss man sich immer wieder neu erfinden. Sekunden später fällt es dann, das K-Wort.

»Kreativität« ist die Zauberformel, die im nhow großgeschrieben wird. Auf diesem Feld wurden ganz spezielle Akzente gesetzt, zu erkennen am integrierten Musikstudio, einem Hightechlabor über den Dächern Berlins. Wer hoch droben mit Blick auf die Wahrzeichen der Stadt – den Fernsehturm, die gründerzeitliche Oberbaumbrücke, die fußläufig gelegene O₂-Arena nicht zu vergessen – letzten Schliff an seine Produktionen legen will, kann sich in einer großzügigen Suite einmieten, wo jeder Einfall, der sich bei einem Gläschen Champagner einstellt, sofort technisch einspeisbar ist. Doch auch der gewöhnliche Hotelgast bekommt etwas geboten für sein Geld. Jedes der 304 Zimmer verfügt über WLAN und iPod-Anschluss, nächtlichen Inspirationen kann mit einem Gitarren-Roomservice auf die Sprünge geholfen werden. »Das Thema spielen«, nennt Dürr das, »die Inhalte dazu bringt die Stadt mit«: die Musik, die Kunst, die Mode, erschaffen von einer lebendigen Szene.

Es ist ein Hotel für die »kreative Klasse«, das Ende November im alten städtischen Hafenareal eröffnen soll. Bereits der Name – nhow – signalisiert Kompetenz bei der Erschließung ideeller Ressourcen. Die Nähe zu den in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Firmensitzen von Universal und MTV steht für Vernetzung; und Clubs, in denen der Sound der Zukunft Gestalt annimmt, gibt es ringsumher genug. In Mailand wurde der Prototyp dieser ganz neuen Generation von Hotels 2006 getestet, dort ist man »bevorzugt in den Fashionbereich gegangen«, sagt Dürr. Was jetzt noch an Fragen offen bleibt, beantwortet eine Pressemappe, in der es heißt, nach dem »erfolgreichen Start der Marke« habe man sich »bewusst für die Metropole Berlin als zweiten Standort« entschieden, denn »Kreativität, Lust an Veränderung und eine starke Anziehungskraft auf internationale Künstler bestimmen den Rhythmus der Stadt«. Dass dieses geballte Stück Firmenbekenntnis einem zwischen Zementsäcken und wehenden Plastikplanen überreicht wird, entbehrt indes nicht der Symbolik.

Die kreative Zukunft, sie gleicht einer offenen Baustelle, auf der die verschiedensten Interessen sich begegnen: Risikoinvestment trifft auf Standortpolitik, Stadtmarketing auf touristischen Unternehmergeist, künstlerisches Potenzial auf die Begehrlichkeiten eines modernen Kultur- und Entertainmentkapitalismus, dies alles im Zeichen einer blühenden Rhetorik. Seit Jahren wirbt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit dafür, die Hauptstadt zu einer »Topadresse für die Kreativen der Welt« zu entwickeln, seine Rechnung: Kreativität schafft Infrastruktur und damit Arbeitsplätze, eine »aktive Willkommenskultur« natürlich vorausgesetzt – »Besucher sollen Bewohner werden«. Das Berlin-Board – eine gemeinsame Initiative des Senats und der Wirtschaft für ein neues Berlin-Marketing – beschließt in regelmäßigen Abständen Leitlinien, um den Ruf einer »Innovationshauptstadt« endlich in konkrete Politik umzusetzen. Der eingetragene Verein »Create Berlin« und eine »Club Commission« blasen ins gleiche Horn.

Aber nicht nur in Berlin träumt man von einer glänzenden Zukunft im Zeichen neuartiger, wissens- und kreativitätsbasierter Ökonomien. In Nordrhein-Westfalen verfolgt ein unter dem Namen creative.nrw agierender Zusammenschluss das Ziel, »überall im Land kreative Plattformen und Marktplätze« zu schaffen, »um so die Hotspots für die Kultur- und Kreativwirtschaft zu entwickeln«. In Hamburg kursieren Papiere, in denen die lokale Handelskammer Daten, Fakten und reichlich gute Worte rund um den »Cluster Kreativwirtschaft« auffährt, denn an der Alster soll die »Kreative Stadt« exemplarisch Gestalt annehmen. Ob man nach Frankfurt am Main schaut, nach Leipzig, Dortmund oder Oberhausen – überall, wo die traditionelle Industrie im Niedergang begriffen ist, gibt es ähnliche Initiativen, überall führt man beschwörend das K-Wort im Munde. »Kreativwirtschaft« ist eines jener hochauflösenden Brausewörter der Innovation, die auf ihrem Weg durch Lobbys und Gremien eine Wirklichkeit eigener Art generieren.