Luchs Nr. 286 Freiheit, angekettet

Warum wehrt sich der große, starke Elefant nicht gegen die Gefangenschaft?

»Parabel« ist ein gelehrtes Wort für eine Geschichte, aus der man etwas für das richtige Leben lernen kann. Eine solche Parabel erzählt das wunderschöne, vielschichtige, herzzerreißende Bilderbuch Wie der Elefant die Freiheit fand . Der argentinische Autor und Psychotherapeut Jorge Bucay hat den Text geschrieben, sein Landsmann Gusti schuf die Bilder dazu: für die Hauptgeschichte große, ein wenig düstere Aquarelle; für die weite Welt dahinter und drumherum witzige, bunte Collagen aus Briefmarken, Luftpostaufklebern, Zeitungsschnipseln. An den Rändern der Buchseiten finden sich oft winzige Kritzeleien, die die Handlung kommentieren.

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Der Junge, der uns vom Elefanten erzählt, liebt die Zirkuswelt, mit ihren Clowns und vor allem den Tieren. Der Elefant aber, das größte, stärkste, eindrucksvollste Tier, gibt ihm ein Rätsel auf: Jeden Abend wird er vom Zirkuspersonal an einem Minipflock angekettet. Nur eine Handbreit tief ist dieser in den Boden geschlagen. Warum macht der Riese sich nicht aus dem Staub? Warum nicht? Die Kette mag ja dick und schwer sein, wundert sich der Junge, aber der Pflock ist so klein, dass es dem Elefanten doch mühelos gelingen müsste, ihn auszureißen. Warum nur tut er es nicht?, will das Kind von den Erwachsenen wissen. Weil er gezähmt sei, antworten die reichlich lahm. Und auf die Nachfrage, warum der Elefant dann überhaupt eine Kette brauche, fällt ihnen gar nichts mehr ein.

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Viel später gibt ein weiser Mann aus Indien dem Jungen eine Antwort: Der Zirkuselefant »war schon von klein auf, und zwar von ganz klein auf, an einen Pflock gekettet gewesen«. Eine Doppelseite im Buch zeigt, wie der kleine Elefant an seiner Kette zieht und zerrt und kämpft und kämpft – das sieht auf den ersten Blick lustig aus, ist aber in der Konsequenz unendlich traurig. Denn irgendwann kommt der Tag im Leben des kleinen Elefanten, an dem er aufgibt: »Er nahm es hin, dass er sich nicht befreien konnte, und fügte sich in sein Schicksal.« Die Erfahrung des Scheiterns hat sich so fest in das kleine Elefantengehirn eingeprägt, dass er niemals, niemals wieder versuchen wird, sich zu befreien. Er könnte es – und bleibt doch gefangen.

Der Erzähler träumt davon, den Elefanten aus seiner falschen Selbsteinschätzung zu wecken, ihm nachts zuzuflüstern: »Du bist heute viel größer und stärker als damals. Wenn du dich wirklich befreien willst, bin ich sicher, dass es auch klappt.«

Kaum ein Bilderbuch der vergangenen Jahre hatte eine so starke Doppelstruktur wie diese Lehrgeschichte: Für Kinder endet sie versöhnlich, hoffnungsvoll, mit der Aufforderung, sich selbst zu vertrauen und sich nie zu schnell entmutigen zu lassen. Der Erwachsene, der das Buch vielleicht eines Abends vorliest, wird eher mit den Tränen kämpfen müssen, denn Bucay erzählt auch, wie die Unfreiheit funktioniert, die ganz ohne Ketten auskommt: die Unfreiheit im Kopf. Die Unfreiheit, die Diktaturen aufrechterhält; die Unfreiheit, die uns Tag für Tag klein beigeben lässt, weil wir gezähmt sind.Dass sich der Elefant tatsächlich losreißt, das träumt nämlich nur – ein Kind.

 
Leser-Kommentare
    • Timo K
    • 09.11.2010 um 12:36 Uhr

    eine hilfreiche Lüge um die kleinsten gefangen zu halten?

  1. ... das träumt nämlich nur – ein Kind..."

    ... schon lange nicht mehr. Mit den Erziehungsprogrammen "Kinder brauchen Grenzen" hat man den Kindern solche Träume längst und nachhaltig ausgetrieben.

    Und Sie, sehr geehrter Frau Gaschke, haben daran fleißig und engagiert mitgeschrieben und ...gewirkt.

  2. da hat es Euch beide also gleich "getriggert". Jetzt müßt Ihr nur noch den Schmerz zulassen, dann könnt Ihr auch aufhören, ihn in die Gegend zu projizieren.

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    Sie schreiben: "Jetzt müßt Ihr nur noch den Schmerz zulassen, dann könnt Ihr auch aufhören, ihn in die Gegend zu projizieren."

    Wer anderen unterstellt, sie würden projizieren ... Ich sage mal: aufschlussreich.

    Sie schreiben: "Jetzt müßt Ihr nur noch den Schmerz zulassen, dann könnt Ihr auch aufhören, ihn in die Gegend zu projizieren."

    Wer anderen unterstellt, sie würden projizieren ... Ich sage mal: aufschlussreich.

  3. Wieso nur für Kinder hoffnungsvoll? Auch für Erwachsene ist es nie zu spät, noch dazu zu lernen. In der Trauer, der Enttäuschung über die Erkenntnis, wie Unfreiheit funktioniert, liegt auch Hoffnung. Ent-Täuschung heisst auch, dass man sich von der Lüge, die einen unfrei macht, befreit. Man muss nur bereit und willens sein zur Freiheit. Menschen sind sich zwar selbst die besten Gefängniswärter, indem sie ihre eigenen Träume wegsperren, aber dennoch haben sie stets auch die Fähigkeit, diese - und damit sich selbst - wieder zu befreien. Dazu braucht es sicher auch einiges an Mut und Kampfgeist, aber den Schlüssel zur Freiheit hat jeder Mensch sozusagen selbst in der Tasche. In diesem Sinne: Free the elephant!

  4. Sie schreiben: "Jetzt müßt Ihr nur noch den Schmerz zulassen, dann könnt Ihr auch aufhören, ihn in die Gegend zu projizieren."

    Wer anderen unterstellt, sie würden projizieren ... Ich sage mal: aufschlussreich.

    Antwort auf "Wunderbar"
  5. ... dann bekommt er einen dickeren Pflock oder wird als gemeingefährlich erschossen.

    So leicht ist Freiheit nicht zu erringen!

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    @Azenion: Hehe, genau, dann wird er vom Schad-Elefanten zum Problem-Elefanten!

    Es ist schon richtig, Freiheit ist so leicht nicht zu erringen. Aber die erste Grenze ist, das denke ich auch, im Kopf. Und die fällt oft genug höher aus als die tatsächliche Grenze. Wer sich stets sagt "So leicht ist Freiheit nicht zu erringen!" hat genau die Kette vorbehaltlos hingenommen, von der gar nicht wissen kann, ob er sie nicht doch sprengen könnte. Darum scheint es doch in dem Buch zu gehen, oder nicht?

    ...aber das zeigt mir auch, dass du selber die Kette im Kopf hast, Azenion. Die Kette, die dir sagt "er kann sich losreißen, aber dann wird alles schlimmer, also bleibt er besser gefangen."

    @Azenion: Hehe, genau, dann wird er vom Schad-Elefanten zum Problem-Elefanten!

    Es ist schon richtig, Freiheit ist so leicht nicht zu erringen. Aber die erste Grenze ist, das denke ich auch, im Kopf. Und die fällt oft genug höher aus als die tatsächliche Grenze. Wer sich stets sagt "So leicht ist Freiheit nicht zu erringen!" hat genau die Kette vorbehaltlos hingenommen, von der gar nicht wissen kann, ob er sie nicht doch sprengen könnte. Darum scheint es doch in dem Buch zu gehen, oder nicht?

    ...aber das zeigt mir auch, dass du selber die Kette im Kopf hast, Azenion. Die Kette, die dir sagt "er kann sich losreißen, aber dann wird alles schlimmer, also bleibt er besser gefangen."

  6. @Azenion: Hehe, genau, dann wird er vom Schad-Elefanten zum Problem-Elefanten!

    Es ist schon richtig, Freiheit ist so leicht nicht zu erringen. Aber die erste Grenze ist, das denke ich auch, im Kopf. Und die fällt oft genug höher aus als die tatsächliche Grenze. Wer sich stets sagt "So leicht ist Freiheit nicht zu erringen!" hat genau die Kette vorbehaltlos hingenommen, von der gar nicht wissen kann, ob er sie nicht doch sprengen könnte. Darum scheint es doch in dem Buch zu gehen, oder nicht?

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    Im konkreten Fall hat der Elefant jedenfalls keine Chance.

    Tierarten, die sich nicht zähmen lassen und keinen Nutzwert für den Menschen haben -- und sich nicht in ökologischen Nischen verkriechen können -- die werden über kurz oder lang ausgerottet. Und nicht nur Tierarten: Den menschlichen Ureinwohnern vieler Gebiete ist es nicht viel besser ergangen.

    Freiheit ist schön, jedoch im biologischen Sinne nicht notwendig -- und manchmal eben sogar hinderlich -- zum Überleben.

    Im konkreten Fall hat der Elefant jedenfalls keine Chance.

    Tierarten, die sich nicht zähmen lassen und keinen Nutzwert für den Menschen haben -- und sich nicht in ökologischen Nischen verkriechen können -- die werden über kurz oder lang ausgerottet. Und nicht nur Tierarten: Den menschlichen Ureinwohnern vieler Gebiete ist es nicht viel besser ergangen.

    Freiheit ist schön, jedoch im biologischen Sinne nicht notwendig -- und manchmal eben sogar hinderlich -- zum Überleben.

  7. ...aber das zeigt mir auch, dass du selber die Kette im Kopf hast, Azenion. Die Kette, die dir sagt "er kann sich losreißen, aber dann wird alles schlimmer, also bleibt er besser gefangen."

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