Ein Mensch, der tot ist, kann nicht sagen, dass er tot ist. In diesem Sinne ist Harry Mulisch seiner eigenen Theorie zufolge nicht tot. Er hatte das 2002 in einem Interview sehr klar dargelegt: "Angst vor dem Tod habe ich nicht. Ich werde den Satz 'Ich bin tot' niemals wahrheitsgemäß aussprechen können. Denn dann ist man ja tot. Tot ist man nur für die Außenwelt, die sagt: 'Jetzt ist er tot.' Für sich selbst ist er das nicht, denn er ist ja tot. Er ist nichts mehr. Was man also allenfalls fürchten kann, ist lediglich die Art und Weise, wie man stirbt."

Ein Paradoxon, dies alles? Vielleicht, aber auch darauf hatte er eine Antwort: "Ich habe das Paradox nie als paradox empfunden. Das Paradox ist der Kern nicht nur meines Lebens, sondern des ganzen Universums."

Mulisch war ein Mann von großer Konsequenz. Er verstand es, eine komplizierte Situation wie die, eine jüdische Mutter und einen mit den Besatzern kollaborierenden österreichischen Vater zu haben, in einem kurzen, aber vielsagenden autobiografischen Satz zusammenzufassen: "Ich bin der Zweite Weltkrieg" – ein Satz, der in diesen Tagen wieder häufig zitiert worden ist. Und dass er keine Angst vor dem Tod hatte, wurde seinen Freunden in den letzten Monaten seiner Krankheit, deren Ende er mit seinen Ärzten bis in die kleinsten Details besprochen hatte, auf souveräne Weise klar.

Es hatte ein wenig Ähnlichkeit mit dem Ende des Symposions, Sokrates, umringt von seinen Freunden, und hier waren es die Freunde vom Montagabend, dem Tag, an dem wir uns immer zum Essen trafen. Nun taten wir dies nicht mehr in einem Restaurant, sondern bei ihm zu Hause. Mulisch, der Mittelpunkt des Kreises wie immer, sehr gerade auf einem großen Stuhl, seine Frau neben ihm, ein Infusionsbeutel fast wie ein Schmuck irgendwo in der Luft, er selbst äußerst wach, teilnehmend, zuhörend, ein Glas Wein trinkend, Gespräche über die Welt, Erinnerungen. Für uns, die anderen, waren da natürlich der Schatten der Krankheit und dahinter der Tod, doch im Grunde ließ er das in den Gesprächen nicht zu, seine Welt war noch immer eine von ihm geordnete Welt, und für einen sentimentalen Abschied waren diese Stunden nicht gedacht. Es war Montag, und dann trafen wir uns. Immer, also auch jetzt.

Er war sechs Jahre älter, dieser Generationsunterschied sollte bestehen bleiben. Mit zwei anderen, Gerard Reve und Willem Frederik Hermans, bildete er, allen Differenzen und Feindschaften zum Trotz, ein Triumvirat, dem nicht zu entkommen war, es sei denn, man schlug einen völlig eigenen Weg ein. Auch ich hatte den Krieg miterlebt und in diesem Krieg meinen Vater verloren, selbst eine Generation weiter war man vom Krieg noch gezeichnet. Politisch dachten wir sehr unterschiedlich, ich war 1956 in Budapest, wo ich für mein Gefühl das wahre Gesicht des Kommunismus sah, ihn zog sein Herz nach Kuba, das Kuba Fidel Castros, den er als Verkörperung der Gerechtigkeit auf der Welt ansah. Unsere Freundschaft hat darunter nie wirklich gelitten.

Als Schriftsteller legte er in diesen frühen Jahren ein überraschendes Buch nach dem anderen vor, als wäre ein Paradiesvogel aus fremden Gefilden auf dem realistischen Ententeich niedergegangen. Man musste sich sehr an ihn gewöhnen, und wenn ihm dieser Prozess zu lange dauerte, erklärte er ein weiteres Mal, wen man vor sich hatte: "Ich bin ein großer Schriftsteller, daran gibt es nichts zu rütteln." So etwas darf man im Polderland nicht laut sagen, und als er sich außerdem nicht nur mit naturwissenschaftlichen, sondern auch mit esoterischen Fragen zu beschäftigen begann, mit Athanasius Kircher und Hermes Trismegistos, mit der Kabbala und der Gnosis, und dazu unbeirrt und unniederländisch gut gekleidet durch die Amsterdamer Polis spazierte, mit der Aura eines Donjuanismus großen Stils, sich gleichzeitig einen Sportwagen gönnte, sich zusammen mit den Provos links postierte und das nationale Regententum in seinem Bericht aan de rattenkoning ("Bericht an den Rattenkönig") anprangerte, war das Maß voll. Ganze Schmähschriften wurden ihm gewidmet, die er souverän übersah, während er Jahr für Jahr und Buch um Buch ein sehr disparates und dadurch mitunter schillerndes Œuvre schuf, das man in Deutschland trotz Harrys großer persönlicher Bekanntheit noch längst nicht in seiner ganzen Breite und Vielseitigkeit wahrnimmt.

Denn das machte in der Tat einen Teil des Paradoxons aus: Er konnte jahrelang an dem arbeiten, was er als sein Magnum Opus philosophicum bezeichnete, De compositie van de wereld ("Die Komposition der Welt"), danach jedoch wieder einen Bestseller schreiben wie Das Attentat (1982) oder Die Entdeckung des Himmels (1992), nach dem sich ein Dan Brown die Finger lecken würde. Mir selbst waren einige der »kleineren« Bücher aus seinem Werk am liebsten, wie das an Wahnsinn grenzende Archibald Strohalm (1951), das geheimnisvolle Oude lucht ("Alte Luft"), der Roman Schwarzes Licht , der Mijnheer Tienoppen oder Voer voor psychologen ("Futter für Psychologen").