Kutterdemo in der Nordsee. Ein Polizeiboot mit dem Ministerpräsidenten ist umzingelt. »Peter Harry, du bist unser Totengräber!«, ruft jemand – in Schleswig-Holstein duzt man seinen Regierungschef. Auch im Hafen von Friedrichskoog ist die Kritik an Peter Harry Carstensen (CDU) groß, abzulesen an einem dort aufgestellten schwarzen Sarg: »Hier ruht unser Vertrauen in Dich« steht etwas holprig drauf. Seit Wochen zieren Parolen für den Erhalt des Hafens die Vorgärten.

Unverständnis auf jedem Kutter: »Im Ministerium hat man doch von der Materie keine Ahnung«, regt sich Krabbenfischer Marko Rohwedder in breitem Küstendialekt auf und zieht dann – wie schon sein Vater und Großvater vor ihm – die Fangnetze ganz flach über den Meeresgrund. Nordseegold nennt er seine salzigen Krabben. »Jeder hier an der Küste kennt sich mit Fischen, Bewässerung und Wattenmeer besser aus als die Politiker, die uns jetzt den Hafen dichtmachen wollen.« Dann kocht er den Fang noch an Bord kurz ab, damit sich die Schale vom Fleisch löst. »Aus dem Anzug holen« heißt das hier.

Im 2500-Seelen-Nest Friedrichskoog fürchten sie die Schließung des Hafens

Den Sturmfluten haben sie in Friedrichskoog immer getrotzt, jetzt aber droht Gefahr von Land. Geht es nach Sparvorschlägen des Kieler Wirtschaftsministeriums, sticht hier bald niemand mehr in See. Ausflügler dürften wegbleiben, 180 Arbeitsplätze seien in Gefahr, kritisiert die Opposition.

Kiel, im Büro von Wirtschaftsminister Jost de Jager, direkt an der Förde gelegen. Die schwarz-gelbe Landesregierung, der de Jager (CDU) angehört, hat derzeit viele Baustellen. Da ist die Debatte um Neuwahlen, die das Landesverfassungsgericht gerade erst angeordnet hat. Da ist die Nachfolge für den Posten des Ministerpräsidenten, da Carstensen nicht wieder antreten will. Und da sind die Sparpläne der inzwischen nur noch »geschäftsführenden« Regierung. Bis 2019 will sie 1,25 Milliarden Euro einsparen.

Ein ehrgeiziges Ziel. Und so setzt das Wirtschaftsministerium überall, wo es nur geht, hektisch auf einen Dreiklang: privatisieren, kommunalisieren oder schließen. Der Universität in Lübeck wollte man an den Kragen, den seit Jahren stillgelegten Flughafen in Kiel und die dortige Uni-Klinik will man abstoßen – und auch fünf landeseigene Nordseehäfen sind ins Visier geraten. »Wir haben uns gefragt: Ist es in Zeiten knapper Kassen Aufgabe des Landes, selber Häfen zu betreiben?«, erklärt Wirtschaftsminister de Jager. Seine Antwort: »bei rückläufiger Nutzung besser nicht«. Er würde den Hafen in Friedrichskoog am liebsten privatisieren – auf dass ihn ein Investor doch irgendwie billiger betreibe. Gemeldet hat sich bislang aber niemand. Und so droht Friedrichskoog als einzigem der fünf Häfen unmittelbar die Schließung; für die Häfen in Tönning, Husum, Glückstadt und Friedrichstadt hingegen hofft Kiel weiter, die Kommunen oder Investoren begeistern zu können.

Knapp 700.000 Euro kostet Friedrichskoogs Hafen pro Jahr. Würde er aber geschlossen, entstünden hohe Folgekosten, argumentieren die Gegner. Die ganze Region besteht aus sogenannten Koogen – dem Meer abgerungenem Neuland. Nun müssten zum Beispiel Kooge, auf denen heute riesige Kohlfelder stehen, weiter teuer entwässert werden. Das leistete bisher, ganz ökologisch, der Hafen, der mit dem zu ihm führenden Kanal den Gezeiten Raum bietet und dem Salzwasser das Abfließen ermöglicht. Die berühmte Seehundaufzuchtstation wiederum bezieht ihr Salzwasser aus dem Hafen. Dann sind da eine gerade erst mit Millionensubventionen gebaute Erlebnishalle, die um Besucher kämpft, sowie weitere Betriebe, die vom Tourismus leben.

Das größte Problem kommt aus der Nachbarschaft: Der Stadtstaat Hamburg baggert die Elbe für Containerschiffe aus, kippt den Sand vor Friedrichskoog ins Meer – und dort fehlt das Geld, den langsam verlandenden Hafen frei zu baggern. »Eigentlich ist Hamburg auch Teil unseres Problems, es müsste uns finanziell helfen«, macht sich Friedrichskoogs Bürgermeister Gerd Dethlefs Luft und fährt mit dem Finger über eine Karte der Elbmündung.