ZEITmagazin: Herr Brönner, ist die Musik für Sie eine Art Rettung?

Brönner: Ja, ich habe in der Musik eine Sprache gefunden, die mir viele Antworten gegeben hat auf Fragen, die mir Menschen nicht beantworten konnten. Für mich war Musik immer Medizin. Auch einmal, vor zwölf Jahren, als eine Beziehung zu Ende gegangen ist und ich todtraurig war und nicht mehr weiterwusste, war das Musikmachen für mich wie eine Art Therapie. Aber manchmal hat die Musik mir auch Probleme bereitet.

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

Brönner: In meiner Schulzeit habe ich mich für Jazz interessiert, vor allem für Charlie Parker. Es war für mich fast wie die erste sexuelle Erfahrung. Als ich Parker das erste Mal hörte, dachte ich, das kann man doch nicht machen, das ist doch verboten, und zugleich fand ich es attraktiv und verrucht. Erst viel später, als ich angefangen habe, über ihn zu lesen, wurde mir klar, welche Gesetze dieser Mann gebrochen hat, was für ein Rebell er war. Aber damals in der Schule hat sich niemand für Jazz interessiert. Da merkte ich, dass der Drang, solche Musik zu machen, stärker war als der Drang dazuzugehören.

ZEITmagazin: Die Musik hat Sie auch einsam gemacht?

Brönner: Ja, das hat sich später auf andere Weise bei meinen Freundinnen wiederholt. Früher oder später sind sie vor Eifersucht zergangen, weil sie das Gefühl hatten, die Musik sei ihre Konkurrentin. Das war nicht immer einfach.

ZEITmagazin: Was würden Sie als den schwierigsten Moment in Ihrem Leben beschreiben?

Brönner: Als ich vor dem Aus auf der Trompete stand. Ich hatte damals schon zehn Jahre gespielt und merkte, wie ich trotz sehr guter Lehrer nicht weiterkam. Keiner hatte gemerkt, dass ich mir gleich zu Anfang eine falsche Blastechnik zugelegt hatte.

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ZEITmagazin: Was war die Ursache hierfür?

Brönner: Ich habe das Mundstück der Trompete nicht richtig angesetzt. Daher zeigte ich nach ungefähr zehn, zwanzig Minuten Ermüdungserscheinungen und verlor die Kontrolle über das Instrument, ich traf die Töne nicht mehr richtig. Ich bekam Angst, ich war frustriert. Und das Schlimmste war, je mehr ich geübt habe, umso schlechter wurde ich. Ich musste sogar ein Konzert nach der Hälfte abbrechen und die zweite Hälfte den Rest der Band spielen lassen. Ich kam mir vor wie ein geprügelter Hund. Das war der Tiefpunkt.

ZEITmagazin: Sie haben also den anderen Musikern zugehört, wie sie allein ohne Sie weiterspielen?

Brönner: Ja, der Chef der Band geht von der Bühne und sagt, ich kann nicht mehr. Und dann habe ich mich vor Scham in der Garderobe versteckt, mir eine Flasche Wein aufgemacht.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie da wieder heraus?

Brönner: Ich wollte wirklich mit dem Trompetenspielen aufhören. Und dann hat mir ein Posaunist empfohlen, zu Professor Malte Burba zu gehen, dem Trompetendoktor.