Seitdem Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Tropfen aus dem Boden geholt wurden, hat Erdöl vor allem den Menschen des Westens industriellen Fortschritt und Wohlstand gebracht. Zugleich trieb es Kriege voran, hielt menschenverachtende Regime am Leben und zerstörte die Umwelt. Öl war stets beides, ein billiges Schmiermittel für stetiges wirtschaftliches Wachstum und der dreckige Rohstoff, dessen Nutzung die Erde aufheizt. Öl war immer Fluch und Segen zugleich.

Peter Maass und Jeff Rubin meinen, es sei nun an der Zeit, die Abhängigkeit des Menschen vom Öl zu beenden. Auf ganz unterschiedlichen Wegen, der eine mit dem Herzblut, der Neugier und der Genauigkeit eines Reporters, der andere mittels der kühlen Analyse des Ökonomen, kommen der Amerikaner und der Kanadier zu dem gleichen Schluss: dass die Ära des Öls zu Ende gehen muss . Maass glaubt, dass ihr ein (friedliches) Zeitalter regenerativer Energien folgen könnte; Rubin prognostiziert – in einem sehr kühnen Gedankenexperiment – den Abschied von der Globalisierung und einen tief greifenden Wandel des westlichen Lebensstils. "Es kommt die Rückkehr des Regionalen", schreibt er. "Stellen Sie sich auf eine kleinere Welt ein."

Dass Öl nach Meinung beider Autoren keine Zukunft hat, liegt zunächst einmal an seiner Knappheit. Nicht erst die Katastrophe im Golf von Mexiko hat gezeigt, wie schwierig und gefährlich es geworden ist, neue Ölvorkommen zu erschließen. Hinzu kommt, dass alte Felder zur Neige gehen. Maass und Rubin glauben deshalb an Peak-Oil, also die Hypothese, dass sich die Erde mit schnellen Schritten auf ein Ölfördermaximum zubewegt. In wenigen Jahren schon werde die weltweite Ausbeute zu sinken beginnen, schreiben die Autoren.

Wer das Buch von Maass gelesen hat, den dürfte die Aussicht auf eine damit vielleicht verbundene sinkende Bedeutung des weltumspannenden Ölgeschäfts nur freuen. Der Reporter des New York Times Magazine hat vier Jahre lang auf der ganzen Welt recherchiert und dabei mit amerikanischen Ölmagnaten, russischen Politikern, britischen Lobbyisten, mit Umweltschützern in Ecuador, Prinzen in Saudi-Arabien und Generälen im Irak gesprochen. Dabei sei Maass "einem Monster" begegnet, wie er schreibt: einer Branche, die mit ihrem unstillbaren Hunger nach Erdöl an vielen Orten der Erde Gewalt und Elend verursacht.

Im vom Bürgerkrieg zerrissenen Niger-Delta trifft der Amerikaner auf schwer bewaffnete Halbwüchsige und grenzenlose Korruption. In Ecuador watet er durch einen vom Ölkonzern Texaco als Giftdeponie benutzten Regenwald. Im Irak wundert sich Maass, dass amerikanische Soldaten einen Krieg um Öl führen, aber eine Raffinerie verkommen lassen; in Russland spürt er der Rolle des Rohstoffs beim Zusammenbruch des Kommunismus nach; in Aserbajdschan beobachtet er den Kampf der Unternehmen um neue Quellen. Saudi-Arabien schließlich beschreibt der Autor als Nation, die wie keine andere der Welt ihren "Reichtum geplündert und verschleudert hat".

Öl, schrieb der polnische Reporter Ryszard Kapuściński einmal, sei "ein Rohstoff, der das Denken vergiftet, den Blick trübt, die Seele verdirbt". Nicht Moral und Gesetz zählten für Ölkonzerne und ihre Manager, sondern Profit und Marktanteile, fügt Maass nun hinzu. Begleitet würden sie von feudalen Machthaber und korrupten Beamten, denen nur das eigene Bankkonto wichtig sei. Auch westliche Politiker mischten mit in dem schmutzigen Spiel. Als ein Beispiel unter vielen berichtet Maass von dem engen Verhältnis zwischen der früheren republikanischen Regierung in Washington und dem mörderischen schwarzafrikanischen Diktator Teodoro Obiang. Der Präsident Äquatorialguineas sei "ein guter Freund", zitiert der Autor die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice. Maass ist während seiner langen Recherchen sehr wütend geworden. "Böses wird von Menschen in Anzügen getan, die in Konferenzräumen sitzen und schreckliche Entscheidungen treffen", lässt er einen seiner Gesprächspartner sagen.

Dass der soziale, ökonomische und ökologische Fußabdruck des Öls in den meisten Ländern der Erde riesig ist, schreibt auch Jeff Rubin. Aber Rubin ist nicht wütend, er bleibt stets der rationale Ökonom. Er erklärt dem Leser, dass gegenwärtig vom gedünsteten Lachsfilet im Restaurant bis zum reibungslos funktionierenden Welthandel buchstäblich alles davon abhängt, dass das Öl problemlos fließt – aus den Quellen über die Raffinerien bis zu uns, den Konsumenten. Ohne den dickflüssigen Rohstoff läuft (fast) nichts. Was also passiert, wenn er zur Neige geht ?