Paul Sonnenschein ist ganz aufgeregt, als er die Tür zum neuen Empfangsraum öffnet. »Mein jüngstes Baby«, sagt er und schaltet das Licht an. Es riecht nach frisch verlegtem Teppich, doch der Besucher schaut nicht auf den Boden. Er blickt in ein Dutzend Raketenköpfe. Willkommen bei Diehl Defence, Hersteller der modernsten Lenkflugkörper der Welt.

Das Ausstellungszimmer soll Gästen einen schnellen Überblick über die Produkte geben. »Das ist lustig jetzt«, sagt Sonnenschein und zeigt seinem Besucher in einem Film, wie es aussieht, wenn »der Seezielflugkörper abmarschiert«. Der Sprengkopf frisst sich durch einen Schiffsrumpf, als wäre der aus Wachs. Keine Sekunde später explodiert das Schiff. »Die Waffe ist nun einmal ein gefährliches Produkt«, sagt Sonnenschein.

Wenn die noch nicht lackierte Eingangstür demnächst unternehmensblau erstrahlt, wird auch Sabine Becker zu Besuch kommen. Becker ist Oberbürgermeisterin in Überlingen am Bodensee und Diehl Defence der größte Steuerzahler, Arbeitgeber und Mäzen am Ort. »Diehl ist sehr, sehr wichtig für Überlingen und die gesamte Region«, sagt sie.

Rüstungsfirmen am Bodensee. Um die Grafik zu Öffnen, klicken Sie bitte auf das Bild © ZEIT-Grafik

In ihrem Rathausbüro schwärmt Becker von sanften Hügeln, Obstbaumplantagen und den Blumenwiesen im Kreisverkehr. Abends, kurz bevor die Sonne die Alpen zum Glühen bringt, genießen die Touristen einen Schoppen Wein am Ufer der lang gestreckten Seepromenade. »Lebensqualität pur«, sagt Becker. Im Örtchen Nußdorf müssen die Anlieger eine Genusszulage zahlen, »weil es so malerisch liegt«. Das Hauptquartier von Diehl Defence ist in der Alten Nußdorfer Straße 13.

Der Wohlstand am Bodensee ist eng verknüpft mit den Rüstungsbetrieben, die sich selbst lieber als Teil der »Sicherheits- oder Wehrtechnikbranche« sehen. Ihr Wohlergehen wird von den jüngsten Ankündigungen der Bundesregierung, den Verteidigungsetat drastisch zu kürzen, wohl kaum infrage gestellt. Deutschland rüstet ab, titelte zwar das Handelsblatt . Die Welt aber rüstet auf – und damit rüsten auch die Firmen am Bodensee auf. Sie sind längst nicht mehr auf den Heimatmarkt allein angewiesen. Deutschland ist einer der größten Rüstungsexporteure der Welt. Laut dem schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri liegt die Bundesrepublik auf Rang drei hinter den USA und Russland – und das, obwohl die deutschen Exportkontrollen zu den strengsten der Welt zählen.

Kaum eine Region in Deutschland profitiert davon so sehr wie der Bodenseekreis, der sich von Überlingen bis nach Friedrichshafen erstreckt. Wer die Bundesstraße 31 nach Westen fährt, passiert zunächst das Hinweisschild für Diehl Defence, eine halbe Stunde später wirbt Cassidian, die Rüstungstochter des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS. Nur wenige Minuten entfernt hat Tognum seinen Sitz. Dessen Tochter MTU baut die Motoren für Fregatten und Panzer.

Mehr als ein Dutzend größerer Rüstungsfirmen residieren am Bodensee. Besonders prominent: die Zahnradfabrik Friedrichshafen. Die meisten kennen ZF als Automobilzulieferer. Aber in der Bilanz des Unternehmens gibt es den Posten Sonder-Antriebstechnik, und dahinter verbirgt sich auch das Segment Militärfahrzeuge.

Wer sich am Bodensee umtut, bekommt ein Gefühl dafür, wie die deutsche Rüstungsindustrie 20 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges tickt. Warum sie erfolgreich ist. Und warum die meisten Menschen in der Region das sogar gut finden.

 

Selbstverständlich ist das nicht. Denn an sich passt der Anblick von zerfetzten Schiffen – und sei es nur im Film – nicht so recht zur Seeidylle, von der Überlingens Oberbürgermeisterin Becker stellvertretend für viele andere schwärmt. Nur: Die Rüstungsbetriebe beschäftigen Tausende Mitarbeiter, sie zahlen Millionen Euro Gewerbesteuer, unterstützen Vereine, finanzieren Kindergärten und geben Geld für Schulen, Blasorchester oder Sportveranstaltungen. Rüstungsproduktion sorgt hier für sozialen Kitt. Darauf will keine Kommune verzichten. Und die Kirche auch nicht.

Ein Friedrichshafener Pastor etwa redet nur ungern über Panzer und Raketen: »Für uns als Kirchengemeinde ist das Thema sehr heikel. Wer die Rüstungsindustrie kritisiert, sägt hier am eigenen Ast.« Es ist nicht nur die Kirchensteuer. Es sind auch Hunderte Gemeindemitglieder, die man nicht verprellen will.

Auch in der Politik spielt das Thema kaum eine Rolle, obwohl es immer wieder Anlass gäbe. Zuletzt sorgte Cassidian für Wirbel. Mit vier Gymnasien unterschrieb Standortleiter Gerhard Wischmann Bildungspartnerschaften. Geplant sind Bewerbertraining, Betriebsbesichtigungen und Schnuppertage. »Es gibt da überhaupt kein Zucken. Wir sind ein großer Arbeitgeber«, sagt Wischmann. Das sei auch im Sinne der Schulleiter. Nur in Konstanz wurde zu einer Demonstration aufgerufen. Kein Wunder, dort ist die Verflechtung mit der Rüstungsindustrie weniger eng.

Andernorts dagegen lebt die Tradition auch in den Namen der Schulen fort. Sie sind nach Claude Dornier, Karl Maybach oder Graf Zeppelin benannt. Vor allem Ferdinand Graf von Zeppelin hat aus der Region gemacht, was sie heute ist. Ab 1899 ließ er »für die Zwecke des Heeres und der Flotte« am Bodensee Luftschiffe montieren. Im Sog seiner Erfindung siedelte sich auch die heutige MTU als Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH bei Friedrichshafen an. Zudem nutzte Zeppelin das Know-how seiner Ingenieure für die Entwicklung von Flugzeugen. Aus Tüftelwerkstätten wurden während des Ersten Weltkriegs Fabrikanlagen, die mehr als 3000 Menschen beschäftigten und ein Drittel der gesamten deutschen Flugzeugproduktion übernahmen. Damit war der Rüstungscluster Bodensee entstanden, der selbst die Verheerungen zweier Weltkriege schadlos überstand.

Die Branche floriert: Diehl Defence, eine Tochter der Diehl Gruppe, rechnet in diesem Jahr mit 740 Millionen Euro Umsatz – 130 Millionen mehr als noch vor zwei Jahren. Die Mitarbeiterzahl steigt auf knapp 3200, davon 900 in Überlingen. Bei der Holding Tognum, zu der MTU gehört, arbeiten in Friedrichshafen 5500 Mitarbeiter. Den Anteil des Verteidigungsgeschäfts schätzt das Unternehmen auf ein Fünftel des Gesamtumsatzes, das wären 2009 rund 500 Millionen Euro gewesen. Cassidian und EADS Astrium beschäftigen am Standort Friedrichshafen 2500 Mitarbeiter. Der Umsatz der gesamten EADS-Rüstungssparte (ohne Astrium) betrug 2009 rund 5,4 Milliarden Euro. Und keine andere Tochter der EADS ist profitabler.

Wer am Bodensee also jenseits des Tourismus Geld verdienen möchte, der landet bei der Rüstung. Und nicht nur Arbeitsplätze sorgen für Abhängigkeiten. Wenn man so will, hat Graf Zeppelin über die Zeppelin-Stiftung den Friedrichshafenern sein Vermögen vermacht. Aus den Zinseinnahmen, so will es der Stiftungszweck, sollen in der Stadt soziale und kulturelle Projekte gefördert werden. »Die Stiftung gibt uns einen Gestaltungsspielraum, den andere Städte längst nicht mehr haben«, sagt Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand. Kindergartenplätze, Konzerte und Kulturfestivals – dank Zeppelin ist das kaum ein Problem.

Andernorts sorgen die sprudelnden Gewerbesteuereinnahmen für gute Stimmung. In Immenstaad wurde bislang »Kanalisation nicht einfach geflickt, sondern gleich in der ganzen Länge ausgetauscht«, sagt ein Ortschaftsrat. Dank der Firma Cassidian ist die Gemeinde vergleichsweise wohlhabend. Den Bau einer fast 4,7 Millionen Euro teuren Kindertagesstätte hätte der Gemeinderat trotz umfangreicher Zuschüsse von Bund und EU ohne das Unternehmen im Rücken wohl kaum abgesegnet. Jetzt kann ihn die Stadt aus den Rücklagen finanzieren.

Werksbesuche sollen die gute Stimmung zwischen den örtlichen Honoratioren und dem Unternehmen ebenfalls fördern. Im frühen Herbst wurden Immenstaads Gemeinderäte von Cassidians Standortleiter Wischmann in einen dunklen Raum geführt, den nur das Kunstlicht von mehr als einem Dutzend Monitore aufhellte. In einer imaginären Kommandozentrale nahmen die Lokalpolitiker dann an einer Evakuierungsoperation im fiktiven Land Mobo teil. Computer steuerten den Einsatz, unbemannte Drohnen überwachten den Luftraum. Eine Elitetruppe stürmte eine deutsche Botschaft und befreite Geiseln. Am Ende starben natürlich nur die Terroristen. Dank EADS-Technik blieben die Guten – in diesem Fall gekidnappte Geschäftsleute – unverletzt.

 

Einer der teilnehmenden Gemeinderäte erinnert sich an ein »gruseliges Kriegsszenario«. Wischmann erzählt es ganz anders. »Die Menschen verstehen uns seit Jahrzehnten als Innovationsführer. Sie sind stolz auf das Unternehmen«, sagt er. Blut sieht während der Vorführung keiner. Das ist kein Zufall. Wie keine andere Firma arbeitet EADS daran, das Image eines Rüstungskonzerns loszuwerden.

Das beginnt beim Namen. Vor Kurzem wurde aus EADS Verteidigung und Sicherheit schlicht Cassidian. Die Bezeichnung soll »für weltweiten Schutz und Sicherheit« stehen, erklärt das Unternehmen. Weiter geht es gern mit dem Hinweis, dass vieles, was man herstelle, auch zivilen Zwecken diene. In der Tat verschwimmen die Grenzen zwischen Sicherheitstechnik, Wehrtechnik und Rüstung immer wieder, viele Produkte lassen sich militärisch, aber eben auch zivil nutzen. Die Ingenieure unterscheiden ohnehin nicht. Sie erzählen begeistert von den digitalen Landkarten im Eurofighter und dem Alarmsystem Hellas, das Piloten im Tiefflug rechtzeitig vor Hochspannungsleitungen warnt. »Das können die Amerikaner noch nicht«, sagt ein zuständiger Entwickler stolz.

Cassidian ist am Bau des Eurofighters beteiligt und produziert wichtige Teile für den Hubschrauber NH90 und das Transportflugzeug A400M , mit dem Truppen und Panzer in Kriegsgebiete und Krisenherde transportiert werden sollen. Teils ist der Krieg auch in Immenstaad ganz nah. So stehen in den Wartungshallen Metallcontainer aus Afghanistan, die überholt werden sollen. Nur der olivgrüne Anstrich verrät die militärische Nutzung – entweder als mobiler Gefechtsstand oder als Krankenstation. Und doch: »Ich schäme ich mich nicht für meine Arbeit«, sagt Standortleiter Wischmann, der bei EADS noch vor Kurzem für den zivilen Airbus A380 mitverantwortlich war. »Wir bauen Aufklärungsgeräte, die die Piloten mit Informationen versorgen, damit sie keine Fehlentscheidungen treffen.« Die an der Rüstung und Verteidigung Beteiligten, fügt der Manager noch hinzu, »sind nicht diejenigen, die entscheiden, wie diese im Einsatzfall genutzt werden«.

Die Dinge zu rationalisieren und Distanz zwischen das eigene Tun und die Kämpfe da draußen in der Welt zu legen – das ist in der Rüstungsbranche ein oft wiederkehrendes Muster. Heinz Friedrich kann es gut erklären. Der 75-Jährige war Leiter der Flugzeugsimulation bei Dornier und arbeitete mit an der Entwicklung des Alphajet-Cockpits. Heute sitzt er in seinem Reihenhaus, vor sich einen Kaffee und einen dicken Ordner. Darin hat er sein Berufsleben dokumentiert, wobei die meisten Erinnerungen ohnehin in seinem Kopf gespeichert sind. Nie sei am Arbeitsplatz über Moral oder Krieg geredet worden, sagt er. »Wir machen nur den Transport, nicht die Waffe«, habe die Führung bei Dornier ihr Tun gerechtfertigt. Diese Haltung könne dann bis auf die kleinste Einheit heruntergebrochen werden, erklärt Friedrich: »Wenn man an der Waffe arbeitet, trennt man zwischen Treibsatz und Sprengsatz, und so kann man immer weiter unterteilen, bis das eigene Teil dann einwandfrei ist.«

Friedrich hat sich vor Jahren öffentlich gegen den Jäger 90 – so hieß der Eurofighter anfangs – ausgesprochen. Auf Druck des örtlichen Bundestagsabgeordneten verlor er damals seinen Posten, irgendwie war er ganz froh darüber. Als Hilfsprediger steht Friedrich seit 43 Jahren sonntags auf der Kanzel der Immenstaader Kirchengemeinde. Wie er seine Arbeit damals rechtfertigte? »Das Haus war noch nicht abgezahlt, vier Kinder waren im Studium. Ich war zu spezialisiert, wohin hätte ich am Bodensee denn wechseln sollen?«

Viele andere sehen ihre Arbeit weit entspannter. Georg Ruetz zum Beispiel. Seit 40 Jahren entwickelt der Ingenieur bei MTU Motoren. Kurz vor der Rente hat er sich noch einmal versetzen lassen, um den Motor des neuen Schützenpanzers Puma zu optimieren. »Eine Herausforderung zum Abschluss des Berufslebens« habe er gebraucht, sagt Ruetz. Im mausgrauen Anzug steht er am Prüfstand, seine Augen leuchten, als er eine Fahrt steil bergauf simulieren lässt und die Ölpumpen des Puma-Motors trotzdem saugen. Es sind Tüftler wie er, die dafür sorgen, dass Deutschlands Rüstungsprodukte auch im Ausland so erfolgreich sind. In kaum einer anderen Region Deutschlands werden pro Jahr so viele Patente entwickelt wie in Bodensee-Oberschwaben.

Wenn Ruetz von den Toten im Irak oder in Afghanistan hört, was denkt der Ingenieur dann über die Panzerproduktion? »Wenn man im Fernsehen die Bilder sieht, dann brauchen unsere Soldaten in Afghanistan das. Da habe ich kein schlechtes Gewissen«, antwortet der 60-Jährige.

Ein schlechtes Gewissen, das hat auch sein Chef Volker Heuer nicht. Zumindest sagt er das. Aber er kommt doch ein bisschen ins Stocken. »Wir haben kein Produkt, das unmittelbar zu solchen Zwischenfällen führen kann, weil der bestmögliche Antrieb ein Schutz für denjenigen ist, der im Fahrzeug sitzt, um gesund wieder nach Hause zu kommen. Insofern sehen wir unsere Rolle da ein bisschen anders, als wenn wir das Feuerleitsystem oder die Kanone bauen würden«, erläutert Heuer. MTU spreche bewusst von Defence-Systemen, also Fahrzeugen, die nicht im Angriff eingesetzt würden, sondern zur Verteidigung.

 

Lieber schon spricht Heuer über die großen Chancen, die sich dem Unternehmen bieten. MTU entwickelt auch Schiffsmotoren für U-Boote und Fregatten. Längst hat das Unternehmen Werke in China, Fertigungen in den USA und der Türkei. In Indien baut der Konzern gerade ein Ingenieurzentrum auf. In ferner Zukunft werde vor allem im Ausland gefertigt und in Deutschland entwickelt, sagt Heuer. Gefährdet der Sparkurs europäischer Regierungen das Geschäft? Heuers Antwort klingt, als spräche er über einen Kampfeinsatz: »Da sehe ich keine nachhaltigen Bedrohungen.« Dann schwärmt der MTU-Mann von den Wachstumszahlen Brasiliens, den interessanten Perspektiven Russlands und der Dynamik Indiens. Wer sein Büro verlässt, hat nicht das Gefühl, dass sich Heuer um die Zukunft seines Unternehmens sorgen muss. Deutsche Motoren sind in der Welt gefragt wie selten zuvor. Das Geschäft brummt.

Wahrscheinlich gilt das auch für die Produkte von Diehl Defence. Im neuen Empfangsraum ist Sprecher Paul Sonnenschein darum bemüht, den Eindruck zu erwecken, dass die deutsche Rüstungsindustrie ein sauberes Geschäft ist. Irgendwie hat er ja recht damit. Mindestens hundertmal reiner als der Empfangsraum sind manche Arbeitsplätze in der Lenkflugkörperfertigung. Dreck gefährdet die Präzision des Verkaufsschlagers Iris-T. In hellblauer Schutzkleidung, die Finger in Latexfingerlinge gestülpt, arbeiten hier vor allem Frauen an der Konstruktion des Infrarot-Suchkopfes für das Waffensystem. Ein Bild wie in der Chirurgie, nur dass hier das Herz der modernsten Kurzstreckenrakete der Welt zusammengeflickt wird. »Männer mit ihrer Grobmotorik sind für diese filigrane Arbeit weniger geeignet«, sagt Sonnenschein.

Erst im vergangenen Jahr verklagte Diehl Defence einen Journalisten, weil der das Artilleriegeschoss Smart 155 als Streubombe bezeichnet hatte. Für die Hersteller solcher Waffen sind Streubomben dumm, gemein und hinterhältig. Bei der Smart 155 handele es sich aber um »Präzisionsmunition«, sagt Claus Günther, der Chef von Diehl Defence.

Mit Smart töten Soldaten also clever. Aber – sie töten. Wird Günther da nicht mulmig? Der Chef weicht aus: »Wir tun alles nur Mögliche, um zu verhindern, dass unsere Munition in die Hände von Verbrechern und Terroristen gelangt.«

Günther redet Klartext. Seine Stirn legt er regelmäßig in Falten; wenn er Argumente untermauern will, klopft er mit seinen wuchtigen Fingern auf den massiven Konferenztisch. Obwohl auch Diehl Defence vor allem fernab der Heimat verkauft, warnt er vor den Etatkürzungen der Bundeswehr: »Wenn hier weniger hergestellt wird und wir alles im Ausland kaufen, dann werden Milliarden Steuergelder im Ausland ausgegeben.« Er sagt Mi-li-arrden und spricht auch über die Lohnsteuer, die nicht mehr in Deutschland abgeführt würde. Zudem brauche Diehl Defence »die eigenen Streitkräfte als Referenzkunden«. In Günthers Büro hängt eine Satire, die Verteidigungsminister zu Guttenberg zum Rumpelstilzchen degradiert. Sie ist nur lose aufgehängt, sodass sie sich jederzeit wieder abnehmen lässt – falls der Minister mal vorbeischaut.

Die Gespräche mit den drei Rüstungsbossen Günther (Diehl Defence), Heuer (Tognum/MTU) und Wischmann (Cassidian) gleichen sich. Alle reden detailverliebt über Umsatz, Wachstumsmärkte und Innovationskraft. Fragen nach der Moral und der eigenen Verantwortung scheinen sie zu irritieren. Wischmann beispielsweise sagt, ihm komme das dann vor wie vor 40 Jahren, wie bei den Achtundsechzigern.

Wie die Nähe und das Geld die kritischen Fragen allmählich verstummen lassen, das hat Oswald Burger an sich selbst beobachten können. Einst bekam der 61-Jährige ein Bundesverdienstkreuz dafür, dass er die Geschichte des Überlinger Stollens recherchiert hatte. Dort wollte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Friedrichshafener Rüstungsindustrie Waffen produzieren. Hunderte Zwangsarbeiter kamen in dem Stollen ums Leben. Burger machte diese Verbrechen publik, und auch heute stochert der Überlinger eigentlich gern in alten Wunden.

Man sollte also annehmen, dass Burger Diehl Defence verabscheut. Doch der bekennende Pazifist ist auch Berufsschullehrer an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule und sagt, dass »die besten Schüler von Diehl Defence« kommen. Burgers Schwiegersohn ist bei Diehl beschäftigt, seine Schwester hat dort gearbeitet. Burger sitzt auch im Vorstand des Überlinger Fördervereins Sommertheater, und da »überlegen wir gerade, ob wir einen Sponsoringantrag stellen«. Sein Problem: Neben Diehl gibt es nicht viel in Überlingen, was nichts mit Rüstung zu tun hat. »Je mehr ich mich gesellschaftlich engagierte, desto zurückhaltender bin ich mit kritischen Äußerungen geworden«, ist Burger irgendwann aufgefallen.

Echte Pazifisten sind rar am Bodensee. Die meisten sind längst pragmatisch geworden – oder sie heißen Nena. Die Popsängerin trat vergangenes Jahr bei MTU auf, als Stargast beim Betriebsfest zum 100. Geburtstag des Unternehmens. Natürlich hat sie ihr Friedenslied von den 99 Luftballons gesungen, und 14.000 Besucher sangen mit. Bevor Nena kam, war die Hauptattraktion des Betriebsfests ein Leopard-II-Panzer.