Mit der deutschsprachigen Geistesgeschichte kennt sich der Durchschnittsamerikaner nicht sonderlich aus. Nietzsche, Nihilismus, Psychoanalyse und Freud? Not my business. In Chicago ist das anders. Jedenfalls wenn man hier mit der U-Bahn in einen jener grauen Vororte fährt und zwischen Fast-Food-Würfeln und Drive-through-Apotheken landet. Wenn man in das historische Portage-Kino spaziert und plötzlich, im Inneren des prachtvollen Zwanziger-Jahre-Baus, einen Mann im dunklen Anzug auf einem Podest auf Deutsch ausrufen hört: "Wir glauben an nischts! An gar nischts!" – dann weiß man: Hier wird die deutsche Kulturnation noch wirklich wahrgenommen.

Zugegeben: Die Leute in diesem Kinosaal, darunter viele langhaarige Typen mit scheußlichen Bademänteln, die White Russians trinken und durch tiefschwarze Sonnenbrillen schauen, kennen wahrscheinlich nur diesen einen deutschen Satz, dafür aber auswendig. Er stammt aus dem Film The Big Lebowski und wird an diesem Abend noch ungefähr zwanzig Mal fallen.

Denn wir befinden uns auf dem Lebowski-Fest, wo sich eine kuriose Gruppe von Männern und Frauen wieder einmal versammelt hat, um die 1998 gedrehte und auf der ganzen Welt kultartig verehrte Komödie der Coen-Brüder zu feiern. Nicht als Film, sondern als Offenbarung. Als moderne Bibel der Gelassenheit. Als Zitatenschatz für aussichtslose Situationen. Als Strategie, um im Alltag mit Spießern, Reaktionären und Karrieristen umgehen zu können. Oder mit penetranten Nihilisten, die im Film als deutsche Post-Punk-Klischees jenem Mann, dem dieses Fest gewidmet ist, Jeffrey Lebowski, dem von Jeff Bridges gespielten Hochschulbesetzer, Kiffer und Bowler, das Leben zur Hölle machen. Durch Erpressungsversuche und freudianisch inspirierte Kastrationsandrohungen – nur, um vom "Dude", so sein Spitzname, Geld zu stehlen.

Dann schon lieber Nazis als Gegner! Bei denen weiß man wenigstens, was man hat. So sieht es jedenfalls Walther Subczek (John Goodman), Lebowskis bester Freund, ein zum Judentum konvertierter polnischer Katholik, der im Film einen anderen Satz sagt, der hier im Portage-Kino ebenfalls immer wieder zitiert wird: "Man kann über den Nationalsozialismus sagen, was man will: An Grundsätzen fehlt es nicht."

Alle zwei Monate treffen sich die Lebowski-Jünger, um gemeinsam, unter ihresgleichen, jeweils in einer anderen amerikanischen Stadt "ihren" Film zu feiern, nachzusprechen und nachzuspielen. So wie jetzt in Chicago: Die Leinwand wird heruntergefahren, das Lebowski-Kollektiv schaut gebannt auf die berüchtigte Anfangssequenz und buht, wenn die korrupten Deutschen erscheinen, und klatscht, wenn der Dude im Supermarkt eine Milch mit einem ungedeckten, auf 98-Dollar-Cent taxierten Scheck zu bezahlen versucht. Hier wird die Coolness einer amerikanischen Hartz-IV-Empfänger-Existenz gefeiert. Auf dem Programm stehen diesmal die musikalische Einlage einer Creedance-Clearwater-Revival-Cover-Band und der Auftritt einer Tanzkombo, die mit ihrer erotischen Burlesque an die letzten 20 Minuten des Films erinnert.

Der zweite Tag ist traditionsgemäß dem Bowling gewidmet. Die White-Russian-Kahlúa-Mixtur schwappt aus dem Glas, als Don aus Chicago auf der frisch gebohnerten Bahn Anlauf zum Abwurf seiner Bowlingkugel nimmt. Dabei sagt er: "Wenn Sport eine Philosophie wäre, dann wäre Bowling die Denkschule der Stoiker."

Don sieht nicht nur so aus wie der Dude, er spricht auch so und denkt wie er. Nicht nur heute, sondern immer. Dude-Sein heißt Versager sein und das gerne. Während Don bowlt, streiten sich zwei dicke Männer, die wie John Goodmans Kriegsveteran Walther verkleidet sind, über die philosophischen Implikationen des Films. Gefragt, worum es im Big Lebowski eigentlich geht, schweigen sie ein Weilchen. Nach kurzer Bedenkzeit sagt der eine: "Um was wohl?! Um Bowling natürlich!"