Die Ruinen der Earl Street: Nach einem Blitzangriff der Deutschen im November 1940 liegt Coventry in Schutt und Asche © Fox Photos/Hulton Archive/Getty Images

Die Luftwaffenführung zeigte sich empfindsam. Ausgerechnet den volkstümlichen Titel von Beethovens beliebter Klaviersonate Nr. 14 – Mondscheinsonate – wählte sie als Tarnbezeichnung für einen der verheerendsten deutschen Luftschläge im Zweiten Weltkrieg. In der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 griffen 449 Kampfflugzeuge in mehreren Wellen und unter Einsatz des modernsten elektronischen Navigations- und Zielortungsverfahrens die mittelenglische Stadt Coventry an. Von 20.20 bis 6.35 Uhr warfen sie ihre Bomben ab: 503 Tonnen Sprengbomben, darunter 500- und 1000-Kilogramm-Bomben, Flammölbomben, 881 Bombenschüttkästen mit jeweils 36 Elektronbrandbomben sowie 64 Leuchtbomben.

In jener Mondnacht herrschten über Coventry »besonders günstige Witterungsbedingungen«. Die Bomberbesatzungen meldeten, dass bereits eine Stunde nach Angriffsbeginn »die gesamte Innenstadt einem Flammenmeer« glich. Selbst Besatzungen, die zuvor an den Luftschlägen gegen London teilgenommen hatten, gaben an, »Angriffswirkungen in diesem Ausmaß noch nie beobachtet« zu haben.

Bei dem Bombardement fanden 600 Einwohner Coventrys den Tod, 865 wurden verletzt. Andere Schätzungen nennen teils geringere, teils höhere Opferzahlen. Auf dem durch Bombentrichter entweihten Friedhof an der London Road wurden 422 Tote in Massengräbern beigesetzt, andere fanden auf den Friedhöfen des Umlandes ihre letzte Ruhe. Der Großteil der Innenstadt samt der berühmten gotischen Kathedrale war zerstört, 75 Prozent der Industrieanlagen beschädigt.

Die Industriestadt Coventry, Vereinigtes Königreich

Dass der deutsche Verband, abgesehen vom Flakbeschuss über Coventry, nahezu ungehindert sein Ziel erreichte – die britische Nachtjagd war erst im Aufbau begriffen –, gibt immer wieder Anlass zu der Vermutung, die obersten Kommandobehörden bis hinauf zu Premier Winston Churchill hätten den Angriff absichtlich »durchgelassen«, um dem Feind die englische Fähigkeit zur Dechiffrierung des deutschen Funkverkehrs zu verschleiern. RAF Group Captain Frederick William Winterbotham, von 1930 bis 1945 Chef des Air Department im Secret Intelligence Service (MI6), erinnerte sich 1974, schon am 14. November gegen 15 Uhr sei Coventry als Ziel identifiziert und dem Fighter Command gemeldet worden. Er selbst habe Churchills Privatsekretär verständigt.

Doch die Privatsekretäre John Martin und John Colville widersprachen der Darstellung. Colville notierte unter dem 14. November in sein Tagebuch, Churchill sei am Nachmittag über einen bevorstehenden Angriff namens »Mondscheinsonate« informiert worden, so viel habe man dechiffrieren können. Das Air Ministry sei aber nicht in der Lage gewesen, diesen Tarnnamen sicher einer Stadt zuzuordnen. Churchill selbst befürchtete ganz offensichtlich einen weiteren Angriff auf London.

Eines immerhin hatten die Briten, laut offiziellem Bericht der Royal Air Force, am frühen Nachmittag des 14. November festgestellt: Über Coventry kreuzten sich deutsche Funkleitstrahlen, die – aus der Nähe von Cherbourg und von Boulogne aus gesendet – den Bombern in der Nacht den Weg weisen sollten. Doch niemand konnte sicher sein, ob dies nicht, wie so oft, Täuschung war. Vorsichtshalber verstärkte man die Ballonsperren um die Stadt und stellte Abfangjäger bereit. Insgesamt 121 Einsätze wurden dann in der Nacht geflogen, die jedoch wegen technischer Mängel nur zu wenigen Feindkontakten führten. Obendrein misslang die Störung (jamming) des deutschen Navigationsverfahrens.

Die Zerstörungen in Coventry lassen keinen anderen Schluss zu, als dass die Stadt einem Flächenbombardement zum Opfer fiel. Nach dem Lagebericht der Luftwaffe erfolgte der Angriff, »um diesen Schwerpunkt der Flugzeug- und Flugzeugzubehör-Industrie durch Großangriff weitgehend lahmzulegen«. Nach den später eingegangenen Einzelmeldungen präzisierte man dort, »daß die Angriffe der einzelnen Verbände z. T. gegen besonders wichtige Zerstörungsziele selbst, zum Teil gegen Stadtteile mit Schwergewicht auf darin befindliche Zerstörungsziele angesetzt und durchgeführt waren«. Letzteres – wie auch der hohe Anteil an Brandbomben, die wegen der unvermeidlichen großen Streuung nicht für den Einsatz gegen Einzelziele taugten – weist eindeutig auf ein absichtliches Flächenbombardement hin, dessen »gewaltige Verwüstungen« im Wehrmachtsbericht als Vergeltung für vorausgegangene britische Luftschläge gegen München dargestellt wurden.